Tabletten

Merck-Chef Oschmann fordert neue Preismodelle, bei denen die Erstattung an den konkreten medizinischen Erfolg gekoppelt ist.

(Foto: EyeEm/Getty Images)

Teure Arzneimittel Merck-Chef Oschmann fordert eine Preisrevolution für Medizin

Patienten bezahlen heute pro Tablette und Injektion. Merck-Chef Oschmann plädiert für ein radikales Umdenken: Er will ein Preissystem, das sich stärker an der Wirksamkeit orientiert.
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DarmstadtDonald Trump war wieder in seinem Element. „Pfizer und andere sollten sich schämen, dass sie die Preise ohne Grund angehoben haben“, twitterte der US-Präsident Anfang Juli. Prompt verkündete der US-Konzern, wie auch etliche seiner Konkurrenten, den Verzicht auf Preisanhebungen in diesem Jahr.

In der Debatte um Arzneimittelpreise befinden sich die Pharmahersteller, wie die jüngste Attacke des US-Präsidenten zeigt, weiter voll in der Defensive. Medikamente gelten als Kostentreiber der Gesundheitssysteme, obwohl ihr Anteil an den Gesundheitsausgaben seit Jahren nicht mehr steigt. In Deutschland etwa bewegt sich der Anteil bei rund 17 Prozent. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wächst das Interesse an neuen, so genannten wertorientierten Preismodellen.

Jetzt plädiert Merck-Chef Stefan Oschmann im Gespräch mit dem Handelsblatt für ein radikales Umdenken. „Wir müssen an das Thema Preise viel rationaler und weniger emotional herangehen“, sagt er – und fordert ein Systemwechsel. Bezahlt werde zu viel nach Aktivität, also pro Tablette oder Injektion: „Die Vergütung sollte sich viel mehr daran orientieren, was dabei herauskommt.“

Oschmann, der auch Präsident des europäischen Pharmaverbandes Efpia ist, fordert neue Preismodelle, bei denen die Erstattung an den konkreten medizinischen Erfolg gekoppelt ist.

Das Thema erhält zusätzlich neue Brisanz durch neuartige und sehr teure Krebsmittel wie die Gentherapie Kymriah von Novartis, die vermutlich im September die EU-Zulassung erhält. In den USA hat die Therapie einen Listenpreis von 475.000 Dollar. Die Krankenkassen reagieren bisher eher zurückhaltend. „Neue Preiskonzepte sollte man nicht als Allheilmittel darstellen, weil diese Modelle häufig nur unter hochbürokratischen Voraussetzungen umsetzbar sind“, heißt es beim AOK-Bundesverbands.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) kann sich alternative Preismodelle allerdings bei neuen Behandlungsformen wie Zelltherapien vorstellen, mit denen große Hoffnungen, aber auch hohe Kosten verbunden sind. Derzeit werde geprüft, wie die finanziellen Belastungen des Gesundheitssystems durch diese Therapien eingegrenzt werden könnten. Eine Sprecherin erklärte: „Pay for Performance-Modelle gehören hier unter anderen zu den diskutierten Möglichkeiten.“

In Deutschland sind die Hürden für neue Preismodelle hoch. Grundsätzlich gibt es für Pharmakonzerne die Möglichkeit, für ihre patentgeschützten Arzneimittel direkt mit Einzelkassen Verträge auszuhandeln. Seit Einführung des Amnog-Gesetzes im Jahre 2010, das eine Nutzenbewertung und einheitliche Preisverhandlung für das gesamte System der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vorsieht, gab es indessen so gut wie keine Aktivitäten mehr in diese Richtung.

Auch international hält sich die Zahl bisher in Grenzen. Das Beratungsunternehmen McKinsey listet in einer Übersicht insgesamt nur gut 200 innovative Arzneimittelverträge auf, die seit 1994 öffentlich publik gemacht wurden. Nach Daten des Marktforschungsunternehmens Iqvia wurden in den USA in den letzten fünf Jahren lediglich 24 erfolgsbasierte Kontrakte zwischen Pharmafirmen und Versicherungen publiziert. Diese Zahl wird sich nach Prognosen von Iqvia in den nächsten fünf Jahren aber mehr als verdoppeln.

Die Gesamtzahl dürfte zwar deutlich höher sein, denn viele dieser Deals werden nicht publiziert. So listet die Universität von Washington in ihrer Datenbank insgesamt 463 so genannte innovative Preis-Deals auf. Gemessen am Gesamtmarkt dürfte der Anteil solcher Modelle aber nach wie vor sehr gering sein.

Zu den prominenten Beispielen gehört die neue Gentherapie Kymriah gegen Blutkrebs, die Novartis 2017 in den USA auf den Markt brachte. Für dieses Produkt vereinbarte der Konzern eine erfolgsabhängige Vergütung mit mehreren privaten und den staatlichen amerikanischen Versicherern. Letztere haben die Vereinbarung aber wieder gekündigt.

Aus Sicht der Pharmaindustrie bieten die Modelle eine Chance, die Akzeptanz für hochpreisige Produkte zu stärken und sicherzustellen, dass eine möglichst große Zahl von Patienten Zugang zu den Innovationen erhält. Für die Gesundheitssysteme bieten sie im Prinzip eine größere Sicherheit, dass tatsächlich nur für Medikamente gezahlt wird, die wirken und medizinischen Nutzen bieten.

Dem entgegen steht die hohe Komplexität der Modelle und der damit verbundene administrative Aufwand. In vielen Bereichen sind solche Modelle kaum realisierbar, etwa weil es an Maßstäben zur Erfolgskontrolle fehlt. Die zweite Hürde besteht darin, den Wert des medizinischen Erfolgs zu bemessen. Und selbst wenn dies gelingt, müssen die Parteien sich noch einigen, wie viel von diesem Wert dem Pharmahersteller zustehen sollte.

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