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Textilindustrie Das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche

Die Karawane der Einkäufer zieht von China ins billigere Bangladesch, wo Lieferanten oft nur Hungerlöhne zahlen. Doch können Modehändler billig und zugleich fair produzieren lassen? Reporter Florian Willershausen war undercover vor Ort unterwegs.
11 Kommentare
Etwa 3,2 Millionen Kinder arbeiten in Bangladesch alleine in der Luftballon-Industrie. Quelle: dapd

Etwa 3,2 Millionen Kinder arbeiten in Bangladesch alleine in der Luftballon-Industrie.

(Foto: dapd)

DüsseldorfSchon im Landeanflug weiß Sven Axel Groos, dass er gleich schrecklich schwitzen wird. Der Monsun tobt, es ist Ende Juni – eine ungünstige Zeit, um nach Bangladesch zu fliegen. In den mehr als 5000 Textilfabriken des Landes läuft die Winterware von den Bändern, die Frühlingskollektion hängt noch am Reißbrett der Designer. Für Einkäufer wie Groos gibt’s also nichts einzukaufen.

Vom Flugzeug aus sieht Groos, wie das Wasser in Bindfadenform auf die grauen Betonburgen der Hauptstadt Dhaka fällt. Um die 35 Grad heiß wird es draußen sein. Diesmal grüßt die 14-Millionen-Metropole ihre Gäste nicht nur mit hässlicher Armut, sondern auch mit Sauwetter.

Groos ist Chefeinkäufer bei Tchibo für alle Waren, die man nicht essen kann, Kleidung zum Beispiel. Er hat viele Einkäufer, die für ihn arbeiten. Aber diesmal geht es nicht um Preise. Es geht um Prinzipien, große Politik, die Revolution – seine Revolution.

Das Flugzeug, in dem er sitzt, gehört der deutschen Luftwaffe. Jenseits der Trennwand schnallt sich Außenminister Guido Westerwelle gerade zur Landung an. Auf halber Strecke hatte Groos den FDP-Politiker gebeten, er möge während des Besuchs Druck auf Bangladeschs Regierung ausüben, die Mindestlöhne von 30 Euro im Monat heraufzusetzen – für alle Lieferanten, damit die höheren Personalkosten keinen im Wettbewerb benachteiligen. Überstunden-, Brandschutz- und Hygieneregeln müssten verbessert werden. Es brauche den Druck von Politik und Wirtschaft, damit sich etwas ändert, sagt Groos.

Tchibo ist klein in Bangladesch, der letzten Billig-Werkbank für den Massenmarkt der Textilindustrie. Riesen wie C&A oder H&M ordern Containerschiffe voll mit Klamotten aus der Großregion um Dhaka mit ihren 40 Millionen Einwohnern. Groos reichen ein paar Dutzend Lkws. Doch alle Modeketten haben die gleichen Sorgen. Wie China vor 20 Jahren leidet Bangladesch unter frühkapitalistischen Geburtswehen. Die soziale Verantwortung des Fabrikanten erschöpft sich darin, Jobs zu schaffen.

Markenklamotten entstehen zuweilen in abbruchreifen Fabriken, genäht von dürren Mädchen mit blutigen Fingern, die die Nächte auf verlausten Matratzen in Slums verbringen. Aber an Bangladesch kommt die Textilbranche nicht mehr vorbei: Das Land ist in zehn Jahren vom zehnt- zum zweitgrößten Schneider für Europa geworden – gleich nach China. Deutsche Modelabel importieren von dort bald mehr als aus der Türkei.

Die Frage drängt sich auf: Wie sozialverträglich kann ein Modelabel dort produzieren lassen? Wie viel Fairness kann ein Markenhändler Lieferanten aufzwingen, ohne ihn zu verprellen – und sich so im harten Preiskampf selbst ins Knie zu schießen?

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11 Kommentare zu "Textilindustrie: Das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Profitgier, die exorbitanten Handelsmargen der großen
    Handelshäuser kennt keine Grenzen und keine Moral.
    Würde man mit der Hälfte der Gewinnmargen zufrieden sein, kein Teil in Deutschland wäre teurer!!!
    Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, schreibt Karl Marx.

  • Danke für den ganz hervorragenden Artikel. Schade nur, dass er schnell wieder auf der Homepage versteckt wurde.

    Ein weit weniger schmerzhafter, dennoch ärgerlicher, Aspekt für den hiesigen Verbraucher ist allerdings, die deutliche Abnahme von Produktqualität, auch bei teurer Markenware. Die tatsächliche Vielfalt bei Artikeln des täglichen Bedarfs hat sich in den letzten 25 Jahren stark vermindert. Echte Innovationen bleiben oft aus.

    Es handelt sich hierbei nicht nur um meinen persönlichen Eindruck. Eine Reihe von Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, von Menschen die ihr Berufsleben im im Verkauf verbracht haben bis hin zur millionenschweren Kaufhauserbin, haben mir das bestätigt.

    Es gibt viele Konsumenten, die bereit sind, für ordentliche Qualität auch gut zu zahlen. Die fühlen sich zunehmend vom Handel betrogen. Auch ich mache um eine ganze Reihe von Markennamen inzwischen einen großen Bogen. Von BOSS und Co. möchte ich nichts mehr wissen. So habe ich vor kurzem ein absolut identisches Herrenoberhemd in dem einen Geschäft für 26,- Euro gefunden, das, unter einem angesagten Label, in einem anderen Geschäft 170,- kostete.

  • Wie China vor 20 Jahren leidet Bangladesch unter frühkapitalistischen Geburtswehen.

    Wie China vor 20 Jahren???
    Nanu, ich kann mich erinnern, dass in der Provinz Jiangxi vor 12 Jahren eine Schule in die Luft geflogen ist, weil die Schüler vom Lehrer dazu verdonnert worden waren, Feuerwerkskörper zusammen zu bauen. Der Lehrer hatte seit längerem keinen Lohn mehr bekommen und sah sich also gezwungen sein Einkommen auf diese Art zu generieren.

    Die Gebährende liegt noch immer im Kreissaal würde ich sagen.

  • Bangladesh mag sicher etwas spezieller sein, ich war 2 Jahre in Myanmar Produktions Controller und habe unter anderem auch die Doerfer der Arbeiter besucht. der bricht speziell wegen des TUEV Rheinland ist derart schlecht recherchiert, dass mir fast uebel wird. Aus Bangkok oder anderen Laendern werden Pruefer eingeflogen, welche beim factorory audit um kleine sachspenden bitten, beim social audit Ueberstunden kontrollieren, welche Jahre zurueckliegen und dokumentiert sein muessen. Hier wird ein Katalog abgearbeitet, welcher mit der Realitaet nichts zu tun hat. In der Anlehnung an eine ISO Zertifizierung werden hier die ehrlichen Betriebe von Dilletanten geprueft. Wer meint, dass in solchen Laendern die48 Stunden Woche realitaet ist, der traeumt. Die Arbeiter sind auf eine hoehere Stundenarbeitszeit angewiesen und wechseln wegen U$ 0,5 den Betrieb. Dies hat nichts mit dem Mindeststundenlohn zu tun, welcher nach miner Erfahrung sowieso mehr als ueberschritten wird. So verdient eine A class Naeherin in Myanmar U$ 70 bei c. 250 Stunden pro Monat. Ich habe uebrigens auch diese Stundenzahl gearbeitet, Fussballplaetze geschaffen, einen Welfare Fund gegruendet und ich kann weit mehr Benefits nennen. Vom Artikel selbst bin ich hinsichtlich des Popularismus schockiert. In ein paar wochen lernt man sicher nicht das reale Arbeitsleben dort kennen. Wohlwissend, dass dieses hart ist.

  • Vielen Dank fur diesen tollen Artikel! Habe mich eigens fur diesen Comment registriert.

    Gut recherchiert und toll geschrieben. Das bestaerkt mich einmal wieder mehr darin um alle CA, HM und Klamottenbuden einen großen Bogen zu mache, egal wie gruen die erscheinen wollen.

    Alle Interessierten koennen sich ja mal den aktuellen manufactum Katalog ansehen.. Zumindest bei dem kann man sich groeßtenteils der korrekten Herkunft der Waren sicher sein.

    Ueber mehrere solcher Recherchen wuerde ich mich freuen!

  • Früher wurden die Leute von den (Kapitalisten) Engländern (USA), industriel veschifft. Dafür wurden extra schnelle Schiffe gebaut um die Sklaven nach Amerika zu bringn.Heute werden die Leute vor Ort versklavt und die Konsumenten vor Ort dummgehalten! Die Welt ändert sich nicht die Verpackung ist nur anders .Sklavenhandel,Nazis ,Kommunisten, Kapitalisten, mal schauen wie die neue Verpackung heißt.

  • "Schlimm, aber ohne die Textilfabriken haetten viele dort noch weniger."
    Naja, das sehe ich etwas anders. Wenn diese "Investoren" sich mal festgesetzt haben, besteht auch kein Grund sich um Infrastruktur, Bildung und saubere Umwelt zu kümmern. Die Konzerne "schaffen" doch gut an.
    Es geht nur über den Verbraucher. Werden diese Artikel nicht gekauft, eben weil dort Kinderarbeit und ein korrupter Staat herrschen, ist es auch vorbei. Dann bekommen die Konzerne Druck, diesen auch auf die Staaten weiter zu geben.
    Vorher nicht, wozu denn auch? Soziale Marktwirtschaft zu Hause und neolieberal feudalistischer Kapitalismus in Entwicklungsländern ist doch sehr profitabel.

  • Guter Artikel. Immer interessant was zu lesen, was selbst recherchiert wurde und nicht einfach umformuliert von DPA stammt.

    Das Grundproblem ist der enorme Bevölkerungsruck in solchen Ländern. Dort muss man ansetzten!

  • Schlimm, aber ohne die Textilfabriken haetten viele dort noch weniger. Wir muessen die Regierungen dort unter Druck setzen die erwirtschafteten Gewinne auch Foerderunggerecht einzusetzen, sonst landen diese wieder nur auf Schweizer Bankkonten

  • Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, dann wird es Kinderarbeit erst auch wieder in Südeuropa, später dann auch in Deutschland geben. Und ein SPD-Kanzler wird dann dazu sagen: "Das musste geschehen, selbst Karl-Marx hätte nicht anders entscheiden können."

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