Thyssen-Krupp Die Macht der Krupp-Stiftung schwindet zusehends

Seit mehr als 50 Jahren verwaltet die Stiftung das Vermächtnis der Familie. Ihr dominierender Einfluss bei Thyssen-Krupp ist längst Geschichte.
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Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, wie sie in voller Länge heißt, ist seit ihrer Gründung 1967 in der Bundesrepublik einmalig geblieben. Quelle: Dirk Hope/Netzhaut für Handelsblatt
Villa Hügel in Essen

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, wie sie in voller Länge heißt, ist seit ihrer Gründung 1967 in der Bundesrepublik einmalig geblieben.

(Foto: Dirk Hope/Netzhaut für Handelsblatt)

DüsseldorfLange Jahre galt die eiserne Regel: Wer Manager bei Thyssen-Krupp werden will, selbst in zweiter oder dritter Reihe, kommt an einem Mann nicht vorbei – Berthold Beitz. Über fast fünf Jahrzehnte galt der Gründungsvorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung als mächtigster Firmenpatriarch im Ruhrgebiet.

Keine wichtige Entscheidung bei Thyssen-Krupp wurde ohne ihn gefällt. Berthold Beitz war Wächter des Vermächtnisses, das der letzte Krupp-Erbe Alfried Krupp von Bohlen und Halbach vor seinem Tod 1967 niederschrieb.

Sommer 2018, Berthold Beitz ist vor fünf Jahren verstorben. Der aktuelle Vorstandschef von Thyssen-Krupp, Heinrich Hiesinger, gibt unter dem Druck von Finanzinvestoren und im Streit um die weitere Strategie des Konzerns entnervt sein Amt auf. Wenige Tage später folgt ihm Aufsichtsratschef Ulrich Lehner. Für den Konzern beginnt die vielleicht unsicherste Zeit in seiner mehr als 200-jährigen Geschichte.

Zwischen den beiden Episoden liegen 20 Jahre, in denen sich viel verändert hat. Die Krupp-Stiftung, lange ein Garant für die Stabilität des Unternehmens, hat an Bedeutung verloren.

Die Nachfahren von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dem letzten Alleinerben der Familie, machen das Personal der Stiftung dafür verantwortlich. „Das Gremium kommt seinem unternehmerischen Auftrag nicht nach“, sagt Krupp-Enkel Friedrich von Bohlen und Halbach im Interview.

Helfen kann der Unternehmer mit seinen zahlreichen Cousins und Cousinen aber nicht: Die Familie ist für die Stiftung bloß ein unerwünschter Zaungast. Denn zwischen jenen, die das Vermächtnis der Krupp-Familie heute verwalten, und jenen, deren Vorfahren es aufbauten, tobt seit Jahrzehnten ein heftiger Streit.

Lange Historie

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, wie sie in voller Länge heißt, ist seit ihrer Gründung 1967 in der Bundesrepublik einmalig geblieben. Sie hat ihren Sitz im ehemaligen Stammhaus der Krupps, der Essener Villa Hügel, und wird geführt von einem elfköpfigen Gremium aus prominenten Wissenschaftlern, Politikern und Kulturschaffenden – aber ohne Beteiligung der Familie.

Die Satzung der Stiftung wird bis heute weithin unter Verschluss gehalten. Ein Exemplar lagert in einem Tresor in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Eine Kopie liegt dem Handelsblatt vor. In der Präambel heißt es darin: „Zweck der Stiftung soll es nach den vom Stifter in seiner letztwilligen Verfügung getroffenen Anordnungen sein, die Einheit des Unternehmens Friedrich Krupp dem Willen seiner Vorfahren entsprechend auch für die fernere Zukunft zu wahren; und mit den ihr aus dem Unternehmen Friedrich Krupp anfallenden Erträgnissen nach näherer Bestimmung ihrer Satzung philanthropischen Zwecken zu dienen.“

Dass ein Familienunternehmer sein Vermächtnis in eine Stiftung einbringt, um es vor einem Zerfall in viele Erbteile zu schützen, ist nicht ‧ungewöhnlich, erklärt Oliver Rohn, Justiziar beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Doch häufig ist die Familie dann zumindest teilweise vertreten. „Am Ende entscheidet aber die Satzung des Stifters darüber, wie das Vermögen zu verwenden ist.“ Egal ob mit oder ohne Beteiligung der Familie.

Die Satzung der Krupp-Stiftung geht zurück auf das Testament des letzten Krupp-Erben Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Der hatte verfügt, dass sein langjähriger Weggefährte und Testamentsvollstrecker Berthold Beitz das Familienunternehmen Krupp nach seinem Tod in eine philanthropische Stiftung einbringen sollte. Ein Passus, der auch eine Beteiligung der Familie vorsah, wurde per Hand aus dem Testament gestrichen. Den Vorsitz der Stiftung sollte demnach Berthold Beitz erhalten.

Weil Krupps Paraphe neben dem berühmten Strich fehlte, halten die Nachfahren die Änderung bis heute für unrechtmäßig. Doch Beitz behielt vor Gericht mit seiner Auffassung recht – und bis zu seinem Tod 2013 damit auch die Kontrolle über Thyssen-Krupp und die Stiftung.

Mächtigster Mann im Konzern war Beitz schon gewesen, als Alfried Krupp ihn Anfang der 1950er-Jahre vom Posten des Generaldirektors der Hamburger Versicherung Iduna-Germania ins Unternehmen holte, um sich von der Vergangenheit des Nationalsozialismus zu befreien. Als Stiftungschef und Testamentsverwalter konnte er sich vom Einfluss der Krupp-Familie lösen.

Legendär sind die Geschichten, wie der Firmenpatriarch mit dem Firmenflieger samt Leibarzt nach Österreich zum früheren Krupp-Familiensitz auf Schloss Blühnbach jettete – oder bei der Fusion mit Thyssen darauf bestand, weiterhin die Krupp’schen Jagdgründe nutzen zu dürfen.

Über Jahrzehnte blieb Beitz die zentrale Instanz im Konzern: Er entschied über Wohl und Wehe der Vorstandschefs, die auch seine Rechnungen anstandslos bezahlten – und ihre Unternehmensentscheidungen mit ihm besprachen. Egal, ob bei der Fusion zwischen Krupp und Hoesch oder zwischen Krupp und Thyssen: Berthold Beitz wurde gehört. Erst als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Dann als Ehrenvorsitzender.

Die Macht diffundiert

Doch mit jedem Zusammenschluss und jeder Kapitalerhöhung schwand der Aktienanteil der Stiftung, die sich bis heute vor allem aus den Dividenden von Thyssen-Krupp finanziert. Ebenso schwand auch Beitz’ Macht im Konzern. Mitarbeiter berichten heute von chinesischen Investoren, die in Telefonkonferenzen plötzlich danach gefragt hätten, was denn überhaupt Jagdgründe seien.
Aus dem jahrhundertealten Familienunternehmen war unter Beitz’ Regie eine Gesellschaft des Kapitalmarkts geworden. Doch je älter Beitz wurde, desto mehr schwand sein Einblick in den Konzern – und damit auch die Macht der Stiftung.

Von einst 100 Prozent, die die Stiftung bei ihrer Gründung an Krupp hielt, wurden über die Jahre erst 50 Prozent, dann 25 Prozent. 2013 starb Beitz. Und hinterließ mit seiner Weisung, einen „zweiten Beitz“ solle es an der Spitze der Stiftung nicht geben, ein Machtvakuum. Die Stiftung durfte zwar weiter Personen in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp entsenden – Mitglieder des Kuratoriums sollten aber nicht mehr darunter sein.

Unter der aktuellen Vorsitzenden Ursula Gather verwässerte der Einfluss weiter. Heute hält die Stiftung nur noch rund 21 Prozent – und damit zu wenig, um den Takt im Unternehmen vorzugeben. Die Satzung erlaubt es der Stiftung, mit ihren Einnahmen auch Rücklagen zu bilden, um ihrem unternehmerischen Auftrag gerecht zu werden. Doch passiert ist das offenbar nicht.

Im Januar 2018 ließ sich Gather als Vorsitzende des Kuratoriums – entgegen Beitz’ Weisung – doch in den Aufsichtsrat wählen. Aus dem Umfeld von Ulrich Lehner ist zu hören, dass der Wortbruch der Stiftung bei ihm für großen Unmut gesorgt habe.

Wenn Thyssen-Krupp nun im Januar 2019 zur Hauptversammlung lädt, muss die Krupp-Stiftung Sorge haben, bei der Wahl neuer Aufsichtsratsmitglieder von anderen Aktionären überstimmt zu werden. Solange sie mehr als 15 Prozent der Anteile hält, darf die Stiftung zwar zwei Mitglieder direkt in das Gremium entsenden. Doch ist ihr dominierender Einfluss längst Geschichte.

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