Heinrich Hiesinger

Zuletzt fehlte Hiesinger der Rückhalt im Unternehmen.

(Foto: dpa)

Thyssen-Krupp Die stille Teilhaberin – wie die Krupp-Stiftung Heinrich Hiesinger demontierte

Der Abgang von Vorstandschef Heinrich Hiesinger wirft ein Schlaglicht auf die Krupp-Stiftung. Manager, Mitarbeiter und Experten erheben schwere Vorwürfe gegen die Gesellschafterin.
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Essen, DüsseldorfDie Kuratoriumssitzung der Krupp-Stiftung in der Villa Hügel im Juni war ein äußerst erfolgreiches Treffen. Heinrich Hiesinger, da noch Chef von Thyssen-Krupp, hatte den Mitgliedern des Gremiums erklärt, warum die Fusion der europäischen Stahlsparte mit Tata Steel zwingend kommen müsse. Ohne diesen Deal würde Wohl und Wehe des Industriekonzerns auch künftig vom zyklischen Stahlmarkt abhängen – und damit auch die Dividende für die Krupp-Stiftung als größten Aktionär. „Hiesinger hat einen exzellenten Vortrag gehalten und dann alle unsere Fragen beantwortet“, berichtete eine beteiligte Person.

Hiesinger dürfte die Sitzung am einstigen Stammsitz der Familie Krupp mit einem guten Gefühl verlassen haben. Den größten Aktionär wähnte er hinter sich. Mit dem Tod von Berthold Beitz im Juli 2013 hatte die Stiftung zwar ihre Lichtgestalt verloren. Aber Hiesinger und die rund 150.000 Beschäftigen des Ruhrkonzerns glaubten sich in einem sicheren Hafen. So beteuerte die Nachfolgerin von Beitz an der Spitze der Krupp-Stiftung, Mathematik-Professorin Ursula Gather, doch nach Amtsantritt: „Wir fühlen uns daran gebunden, den Erhalt des Unternehmens zu wahren.“

Doch diese Worte galten für Gather zuletzt offensichtlich nicht mehr. Bei dem Treffen selbst soll sie sich nach Angaben aus Kreisen der Stiftung für die Stahlfusion ausgesprochen haben. Nach der Sitzung des Kuratoriums kamen dann wohl Zweifel auf, wie ein Beteiligter berichtet. So sei bis zur entscheidenden Sitzung des Thyssen-Krupp-Aufsichtsrats am 29. Juni ungewiss geblieben, ob sie dem Plan zustimmen würde.

Die Stimmung schwankte demnach innerhalb weniger Tage. Auch wenn Gather im Aufsichtsrat letztlich für die Verschmelzung mit Tata Steel Europe votierte: Für Hiesinger muss dies einem Wortbruch gleichgekommen sein. Der Eindruck: Der Großaktionär stand nicht hinter dem Thyssen-Krupp-Vorstandschef. Die Einheit des Unternehmens ließe sich so nicht mehr garantieren.

Ursachen für das Zerwürfnis sind unklar

Für den Governance-Experten Christian Strenger ist das Vorgehen der Stiftung nicht nachvollziehbar. „Frau Gather scheint bei Thyssen-Krupp eigene Intentionen zu verfolgen“, sagte er dem Handelsblatt. Hiesinger bescheinigte er einen Mangel an Stehvermögen. „Aber er hat wohl in dem Verhalten von Frau Gather in der Aufsichtsratssitzung erkannt, dass die entscheidende Unterstützung der Stiftung für seinen Zukunftsweg nicht ausreichen würde.“

Über die Ursachen des Zerwürfnisses zwischen Gather und Hiesinger können selbst direkt Beteiligte nur spekulieren. Die Motive der Stiftungsvorsitzenden liegen im Dunkeln. Öffentlich beteuerte Gather am vergangenen Freitag nach Hiesingers Rücktritt, dass sie und die Stiftung den Vorstandschef stets unterstützt hätten. Daran sind Zweifel angebracht. In den vergangenen Monaten waren Hiesinger und der Konzern wiederholt massiv von Vertretern der aktivistischen Aktionäre Cevian und Elliott kritisiert worden. Nachfragen, wie sich die Krupp-Stiftung dazu positionieren will, wies Gather zurück. „Die Stiftung wird sich an keiner öffentlichen Debatte über Entscheidungen des Unternehmens beteiligen, schon gar nicht an einem Schlagabtausch mit anderen Aktionären“, antwortete sie im November vergangenen Jahres.

„Für den neuen Thyssenkrupp-Chef wird es nicht einfach werden“

Dieser Linie blieb die Stiftung mit Gather an der Spitze treu. Mochten die Investoren noch so laut den Rauswurf des Managements und die Zerschlagung fordern, von der Villa Hügel kam kein Wort. „Berthold Beitz als der vorherige Verwalter des Krupp-Erbes hätte Cevian und Elliott nie so wüten lassen“, sagte ein Topmanager. In der Stiftung selbst sorgte dies für großen Unmut, wie es in Kreisen der Organisation hieß.

Die Villa Hügel, das traditionsreiche Anwesen im Essener Stadtteil Bredeney, war einst das Machtzentrum von Thyssen-Krupp. Diese Position hat die Stiftung aufgegeben. Den Verlust bekam Hiesinger schon früher zu spüren. „Mit jedem Tag, den die Krupp-Stiftung geschwiegen hat, sind im Management die Zweifel an ihm gestiegen“, so ein Manager. Nicht dass Hiesinger einen schlechten Job gemacht habe – im Gegenteil: Er habe Thyssen-Krupp vor der Pleite gerettet und eine Chance für die Zukunft erarbeitet. „Aber es kam schon die Frage auf, ob er denn länger bleiben würde.“

Eine schleichende Demontage

Mit ihrem Schweigen hat die Stiftungschefin dem Vorstandsvorsitzenden Stück für Stück die Kraft zum Gestalten genommen. Es war eine schleichende Demontage – und die dürfte Hiesinger nicht akzeptiert haben. In Gesprächen im kleinen Kreis hat Hiesinger schon zu Beginn deutlich gemacht, dass er unabhängig ist. Geld war nie sein Antrieb, sondern die Aufgabe, einer abgestürzten Ikone der deutschen Industrie neues Leben einzuhauchen.

Cevian und Elliott haben andere Pläne. Sie wollen das Unternehmen im Schnelldurchgang sanieren. Einige Teile wie das Aufzugsgeschäft sollen verselbstständigt und letztlich in neue Hände gegeben werden, fordern die Investoren. Zwar hatte Cevian-Gründer Lars Förberg im Interview das Wort Zerschlagung vermieden, sprach aber von einem nötigen „Befreiungsschlag“. „Das grundsätzliche Problem bei Konglomeraten ist, dass sich das Management nicht auf alle Sparten gleichzeitig konzentrieren kann“, sagte Förberg.  Thyssen-Krupp mache einfach zu viel. Wie Elliott sprach sich Cevian letztlich für ein neues Management aus, das ein höheres Tempo beim Konzernumbau fährt.

Die Investoren, die zusammen weniger Aktien als die Krupp-Stiftung kontrollieren, warben auch bei anderen Aktionären für drastischere Einschnitte, heißt es in Finanzkreisen. In den Reihen des Ruhrkonzerns sprachen die Manager von einer Kampagne. Auch seien sie auf einzelne Aufsichtsräte zugegangen, um sie auf ihre Seite zu ziehen, berichteten Beteiligte. So soll es ein Gespräch zwischen Jens Tischendorf, der für Cevian im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp sitzt, und Ursula Gather gegeben haben. Die Beteiligten äußerten sich nicht dazu.

Die Aussicht auf eine höhere Dividende durch eine Zerlegung des Konzerns ist für viele Investoren attraktiv. Die Aktie legte nach Hiesingers Rücktritt deutlich zu. Von einer höheren Ausschüttung würde auch die Stiftung profitieren. Die nämlich finanziert sich ausschließlich aus den Dividenden.

Im Kreise der Stiftung kam daher schon die Idee auf, zumindest einen Teil der Thyssen-Krupp-Aktien zu verkaufen und das Geld in andere Unternehmen zu investieren. Nach einer Zerschlagung wäre das möglich – auch wenn es nicht dem Stiftungszweck dienen würde. Der lautet schließlich, die Einheit des Konzerns zu garantieren.

Auf der Suche nach einem Nachfolger

Mit dem Rücktritt von Hiesinger wird es schwieriger, das Konglomerat zusammenzuhalten. Aufsichtsratschef Ulrich Lehner will den aktivistischen Aktionären aber nicht das Feld überlassen. Voraussichtlich schon in den kommenden Tagen soll der Aufsichtsrat mit der Suche eines Nachfolgers für Hiesinger beginnen. Auf einer eilig zusammengerufenen Sitzung am vergangenen Freitag hatte das Gremium lediglich dessen Wunsch nach einer vorzeitigen Vertragsauflösung zugestimmt.

Hinzu kommt: Lehner muss auch einen Posten im Aufsichtsrat neu besetzen. René Obermann habe sein Amt zur Verfügung gestellt, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen des Gremiums. Der frühere Chef der Deutschen Telekom hatte Zweifel an dem Deal mit Tata und stimmte im Aufsichtsrat dagegen. Er war dafür öffentlich kritisiert worden und soll sich daher zum Rückzug entschieden haben. 

Auf die Schnelle wird sich kein neuer Chef finden lassen, hieß es im Umfeld des Aufsichtsrats. Mit der Dauerkritik von Cevian und Elliott und der mangelnden Unterstützung der Krupp-Stiftung ist die Aufgabe, den Ruhrkonzern neu auszurichten, extrem herausfordernd. Lehner habe zwar einige Kandidaten auf dem Zettel, aber einer von diesen müsste erst einmal zusagen.

Sehr wahrscheinlich sei es daher, dass bei einer der nächsten Sitzungen Finanzvorstand Guido Kerkhoff als Interims-Vorstandschef berufen werde, hieß es. „Damit würden wir uns Zeit für einen gründlichen Auswahlprozess verschaffen.“

Zeitpunkt zum Rückzug gut gewählt

Wichtig sei vor allem, dass der Nachfolger die Arbeit von Hiesinger fortsetze. Dazu gehört, eine Strategie auszuarbeiten. „Zwar gibt es die Pläne, über die der Aufsichtsrat in den kommenden Tagen abstimmen sollte“, sagte ein Topmanager. Aber dem künftigen Chef wolle die jetzige Firmenführung, bestehend aus dem verbliebenen Vorstand, kein fertiges Programm vorsetzen.

Hiesingers ursprüngliche Strategie sah weitere Einsparungen in der Holding sowie den Verkauf des Handelsgeschäfts vor. „Die Grundlage dafür ist bereits geschaffen. Es fehlt nur der Startschuss“, sagte der Manager.

Und es fehlte eben die Unterstützung der Krupp-Stiftung. Ohne diese sah Hiesinger wenig Möglichkeiten, seine Pläne auch wirklich umsetzen zu können. „Hiesinger wäre ein Getriebener gewesen, mit immer kleineren Spielräumen“, sagte eine andere Führungskraft.

Der 58-Jährige dürfte sich nach acht Jahren im Vorstand von Thyssen-Krupp zunächst zurückziehen. Den Zeitpunkt dafür hat er aus Sicht früherer Weggefährten gut gewählt. Mit dem Tata-Deal hat er eine entscheidende Phase des Konzernumbaus abgeschlossen. Thyssen-Krupp ist nun frei vom zyklischen Stahlgeschäft. Die weitere Strategie umzusetzen hätte ihm immer wieder Ärger eingebracht. Cevian und vor allem Elliott hätten auf Fehler gelauert und nach Möglichkeit Klagen eingereicht.

Irgendwann hätten sie ihn wohl mürbegemacht. „Jetzt aber tritt er als Held ab“, sagte der Weggefährte. Hiesinger selbst dürfte das wohl anders sehen. Sein selbst gestecktes Ziel, Thyssen-Krupp für die Zukunft sicher aufzustellen, hat er jedenfalls nicht erreicht.

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