Thyssen-Krupp, Salzgitter, Voestalpine So reagieren Europas Stahlhersteller auf die US-Strafzölle

Thyssen-Krupp, Salzgitter oder Voestalpine sind von den US-Strafzöllen zunächst kaum betroffen. Sie warnen jedoch vor einer Stahlschwemme aus Russland oder der Türkei.
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US-Strafzölle: So reagieren ThyssenKrupp, Salzgitter und Voestalpine Quelle: dpa
Stahlarbeiter in der Produktion

Die US-Zölle auf Stahl und Aluminium treffen europäische Produzenten kaum. Doch die Angst ist groß, dass sich der Handelskonflikt ausweiten könnte.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, WienÜberraschend kam die Entscheidung der US-Regierung, Stahl und Aluminium aus der EU künftig mit einem Strafzoll zu belegen, wohl für die wenigsten in der Industrie. Immer wieder hatte US-Präsident Donald Trump nach seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren mit entsprechenden Maßnahmen gedroht – und sogar bereits Anti-Dumping-Zölle gegen einzelne europäische Hersteller verhängt, darunter Salzgitter und Voestalpine.

Seit Freitag nun werden ausnahmslos alle Stahl- und Aluminiumprodukte mit einem 25- beziehungsweise zehnprozentigen Zoll belegt. Für Hersteller wie Thyssen-Krupp, Salzgitter und Voestalpine ist das zwar ärgerlich – aber verschmerzbar.

Denn nur ein geringer Teil des Ausstoßes wird überhaupt in die USA geliefert. Zumeist bewegt sich der Umsatzanteil des US-Geschäfts deutscher Hersteller im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

So teilt etwa auch Salzgitter auf Anfrage mit: „Unsere Betroffenheit ist gering.“ Schon seit Mai 2017 gelten auf Grobbleche des Konzerns Anti-Dumping-Zölle in Höhe von 22,9 Prozent. Der Konzern hatte daraufhin die Lieferungen eingestellt – und Klage vor dem US-Gericht International Court of Trade (ICT) eingereicht. Eine Entscheidung wird Mitte des Jahres erwartet. Zuletzt erwirtschaftete Salzgitter noch zwischen sechs und acht Prozent des Umsatzes in den USA.

Ähnlich sieht es bei der österreichischen Voestalpine aus. „Wir haben uns auf alle Eventualitäten vorbereitet“, erklärte Konzernchef Wolfgang Eder am Freitag. „Faktum ist, dass maximal etwa drei Prozent des aktuellen Voestalpine-Konzernumsatzes von den US-Zöllen betroffen sein können und das wirtschaftliche Risiko für die Voestalpine damit selbst in einem Extremfall sehr überschaubar bleibt“, so Eder.

Der größte deutsche Hersteller, Thyssen-Krupp, will bisher keinen Kommentar abgeben. 2014 hatte der Konzern sein US-Stahlwerk in Alabama für rund 1,1 Milliarden Euro verkauft und ist seither auf Exporte angewiesen, um den US-Markt zu bedienen. Allerdings machen Stahllieferungen in die USA nur rund vier Prozent des Umsatzes der Stahlsparte aus.

Im Geschäftsjahr 2016/17 erzielte der Geschäftsbereich Steel Europe einen Gesamtumsatz von 8,9 Milliarden Euro – bei einem Gesamtumsatz von mehr als 40 Milliarden Euro ein vergleichsweise geringer Betrag. Zumal Thyssen-Krupp ohnehin gerade Verhandlungen führt, um die Stahlsparte in ein Joint Venture mit dem europäischen Stahlgeschäft des indischen Konkurrenten Tata einzubringen.

Ob es infolge der Zölle überhaupt zu großflächigen Lieferstopps kommt, ist derzeit noch unklar. Denn schon jetzt reagieren die US-Preise beispielsweise für Warmbandstahl, der beispielsweise für die Herstellung von Blechen verwendet wird, heftig auf die drohende Angebotsverknappung.

So meldete der Branchendienst Stahlpreise.eu am Freitag, Warmband sei in den USA mit einem Preis von umgerechnet 867 Euro pro amerikanischer Tonne (rund 907 Kilogramm) aktuell rund 300 Euro teurer als in Europa, wo die Tonne 568 Euro koste. Unter diesen Umständen lohnt es sich also für europäische Unternehmen trotz Zöllen weiterhin, in die USA zu exportieren.

Die Rechnung dafür dürfte dann die dortige stahlverarbeitende Industrie tragen. Denn auch wenn US-Produzenten wie Nucor oder US Steel ihre Produktion angesichts der anziehenden Preise aufstocken könnten: Viele Spezial-Stahlsorten, die beispielsweise in der Luftfahrt- oder Autoindustrie dringend benötigt werden, werden in den USA gar nicht produziert. Die einzigen Konsequenzen der Zölle sind vorerst auch hier: steigende Preise. „Am Ende wird das der amerikanische Verbraucher bezahlen“, sagte Salzgitter-Chef Jörg Fuhrmann dem Politikjournal „Rundblick“.

Langfristige Auswirkungen nicht absehbar

Grund zur Gelassenheit sieht Voestalpine-Chef Wolfgang Eder allerdings nicht – und mahnt zum Blick auf das Gesamtbild: „Die langfristigen Auswirkungen auf das globale wirtschaftliche Gefüge und den Freihandel sind aus heutiger Sicht noch nicht abschätzbar.“ Der frühere Präsident des Weltstahlverbandes fürchtet, dass Anbieter aus Osteuropa und Asien nun verstärkt nach Europa drängen werden, wenn ihnen der amerikanische Markt quasi verschlossen ist.

Vor allem Länder wie Russland oder Türkei, die zusammen derzeit jährlich rund fünf Millionen Tonnen Stahl in die USA exportieren, könnten ihren Überschuss nach Einführung der Zölle in der EU abladen, weil sie geografisch günstig gelegen sind.

Eder, der exzellent in Brüssel verdrahtet ist, setzt seine Hoffnung daher auf die EU-Kommission. „Die EU ist nun gefordert, möglichst rasch Maßnahmen einzuleiten, um europäische Hersteller vor Importen mit Dumpingcharakter aus anderen Weltregionen infolge der zunehmenden Abschottung des US-Marktes zu schützen“, sagt der 66-jährige Konzernlenker.

Ähnliche Worte kommen aus Salzgitter. „Wir wiederholen unsere Forderung an die EU-Kommission, kurzfristig geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die EU-Stahlindustrie vor umgelenkten Stahlmengen zu schützen“, heißt es vom zweitgrößten deutschen Stahlhersteller hierzu.

In der Politik stoßen die Forderungen derweil auf offene Ohren. Schon seit März untersucht die EU-Kommission im Rahmen eines sogenannten „Safeguard-Verfahrens“ die Warenströme auf dem europäischen Stahlmarkt. Kommt es zu extremen Liefersprüngen aus einem bestimmten Land, kann die Kommission ihrerseits Strafzölle und Lieferquoten verhängen, um die Folgen der US-Zölle abzumildern.

Auf wenig Begeisterung stoßen solche Maßnahmen indes bei der stahlverarbeitenden Industrie in Europa. So warnte der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung, Christian Vietmeyer, am Freitag vor einer scharfen Antwort der EU auf Trumps Politik.

„Die EU sollte gelassen bleiben“, sagte Vietmeyer der dpa. Die Einfuhrzölle sollten keinen Automatismus für die Verhängung von Einfuhrbarrieren der EU gegen andere Länder auslösen. „Reaktionen der EU, die zu einer Eskalation der Situation führen, würden einen noch viel größeren Schaden anrichten“, so die Einschätzung.

Ähnlich äußerte sich Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer beim Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer: „Wir brauchen ein schlankes Freihandelsabkommen, das alle Zölle abbaut und nichttarifäre Handelshemmnisse beseitigt.“ Nur so lasse sich das leidige Thema der bilateralen Zölle „ein für alle mal“ erledigen.

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