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Traditionskonzern in der Krise Heidelberger Druckmaschinen: Wie sich ein Weltmarktführer selbst zerbröselt

Der Digitalvorstand des Traditionskonzerns schmeißt nach zermürbenden Machtkämpfen hin. Nutzt der chinesische Ankeraktionär die Krise zum Aufstocken?
19.02.2020 - 14:08 Uhr 3 Kommentare
Heidelberger Druckmaschinen: Ein Weltmarktführer zerbröselt sich Quelle: dpa
Heidelberger Druckmaschinen

Dem Traditionskonzern mangelt es seit Jahren an einer klaren Zukunftsstrategie.

(Foto: dpa)

Frankfurt Für Ulrich Hermann startete das Jahr mit schwierigen Wochen. Der Diplom-Ingenieur und promovierte Betriebswirt sollte zeigen, wie die Zukunft von Heidelberger Druckmaschinen (Heideldruck) aussehen könnte: Statt weiterhin Druckmaschinen in einem schrumpfenden Markt zu verkaufen, wollte das Traditionsunternehmen künftig Druckleistung vertreiben. Betriebe sollten die Maschinen plus Materialien im Abo bekommen und je nach gedruckter Auflage bezahlen, genannt Subskription.

Doch in den zurückliegenden Wochen muss Hermann, im Vorstand des Unternehmens für den Bereich Lifecycle Solutions zuständig, immer klarer geworden sein, dass seine Mission am Ende ist. Die klamme Situation des Maschinenbauunternehmens erlaubt es nicht mehr, wie geplant den Anteil des Abo-Umsatzes deutlich zu erhöhen. Jeder Auftrag dieser Kategorie belastet Heidelberger zunächst bilanziell, denn die Einnahmen kommen erst verteilt über die Nutzungsjahre. Der neue Finanzvorstand Marcus Wassenberg intervenierte.

Nun hat Hermann hingeschmissen, verlässt das Unternehmen, bei dem er im November 2016 mit dem Ziel angetreten war, die Digitalisierung voranzutreiben. „Die weitere Umsetzung kann nach seiner strategischen Konzeption sowie unternehmerischen Aufbauarbeit jetzt durch das operative Management erfolgen“, wird der neue Aufsichtsratschef Martin Sonnenschein in der Erklärung des Unternehmens zitiert. „Hermann konnte nicht wie er gerne wollte. Er hat eine Eisenkugel ans Bein gebunden bekommen, von ganz oben, vom Aufsichtsratschef“, berichten dagegen Unternehmenskenner.

Der Abgang des Managers ist mehr als nur eine Personalie. Er ist ein Beleg dafür, wie sich das Unternehmen jahrelang mit internen Machtkämpfen und Auseinandersetzungen über die Ausrichtung aufgerieben und in eine schwierige wirtschaftliche Lage gebracht hat.

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    Jetzt geht es statt um Visionen für die Zukunft nur noch um die Sicherung der Zukunft. Wassenberg, seit September 2019 als CFO im Dienst, muss die Bilanz richten. Mehrfach musste das Unternehmen seine Prognose nach unten korrigieren. Wer den jüngsten Quartalsbericht durchblättert, sucht vergeblich nach einem Grund für Optimismus.

    Das Ergebnis nach Steuern sackte im dritten Quartal des zeitlich versetzen Fiskaljahres von minus zwei auf minus zehn Millionen Euro ab. Auch für das Gesamtjahr wird ein Nachsteuerverlust erwartet. Die Aktie kostet mittlerweile weniger als einen Euro, ist zum Pennystock geworden. Die Ratingagentur Moody’s senkte jüngst den Ausblick und spricht von „substantiellen Risiken“.

    Die Eigenkapitalquote betrug 13,6 Prozent, für einen kapitalintensiven Maschinenbauer ein magerer Wert. Die Nettofinanzverschuldung, also die Finanzverbindlichkeiten abzüglich der flüssigen Mittel, lag Ende des dritten Quartals bei 389 Millionen Euro. Das ist mehr als das Eigenkapital (328 Millionen Euro). Der operative Mittelzufluss (Cashflow) betrug minus 51 Millionen Euro. Heidelberger verbrennt also Geld und kann somit die notwendigen Sachinvestitionen aus dem Cashflow nicht finanzieren.

    Auf der Suche nach Investoren

    Überall im Quartalsbericht finden sich Formulierungen, die nachdenklich stimmen. So ist die Rede von Maßnahmen, mit denen die Liquidität und die Bilanzqualität verbessert werden sollen. Etwa der Verkauf weiterer Randbereiche, viele davon Verlustbringer. So brachte der Verkauf des Bereich Hi-Tech Coatings an die ICP Group im dritten Quartal einen Einmalertrag von 25 Millionen Euro in die Kasse.

    Verbessern sich die Kennzahlen nicht rasch, werde es schwierig, fällige Anleihen zu bedienen, ist aus dem Unternehmensumfeld zu hören. Wassenberg verhandele dazu auf Hochtouren mit Banken. Und noch jemand anders beobachtet die Entwicklung sehr genau: Masterwork. Das chinesische Unternehmen ist enger Partner von Heideldruck und hält seit März vergangenen Jahres 8,5 Prozent der Aktien. Li Li, die Vorstandsvorsitzende von Masterwork, sitzt bereits im Aufsichtsrat von Heideldruck. Sie könnte die günstige Kaufgelegenheit nutzen, um aufzustocken.

    Masterwork soll Ende 2019 gegenüber dem Management Interesse an den chinesischen Aktivitäten der Heidelberger geäußert haben. Doch die Abgabe der Mehrheit dieses Geschäfts an den Partner ist heikel. China ist nicht nur ein wichtiger, weil günstiger Produktionsstandort für das Unternehmen. Heidelberger würde damit auch einen der wenigen Märkte aus der Hand geben, die im Printbereich noch wachsen.

    Grafik

    Das weiß man auch im Management von Heidelberger. Gleichzeitig ahnt man aber, dass es ohne Hilfe eines Investors vielleicht nicht mehr gehen wird. Eine Investmentbank sei deshalb mit der Suche nach Interessenten beauftragt worden, heißt es im Umfeld des Druckmaschinen-Herstellers. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht.

    Die angespannte Situation erschreckt und irritiert. Immer noch ist Heidelberger im Printmarkt ein klingender Name. Immer noch hat man die weltweite Marktführerschaft bei Bogendruckmaschinen. Immer noch beträgt der Jahresumsatz 2,5 Milliarden Euro, es geht also um ein Unternehmen mit einer relevanten Größe. Doch statt daraus etwas zu machen, eilt das Unternehmen seit Jahren von Sanierung zu Sanierung, ohne Erfolg. In Heidelberg, so scheint es, zerbröselt sich ein weltweit führendes Unternehmens selbst.

    Bei der Suche nach den Gründen für den Niedergang wird gerne auf die Ära von Hartmut Mehdorn verwiesen, der einen rasanten Wachstumskurs verordnete und das Unternehmen damit stark strapazierte. Doch Mehdorns Abschied liegt mehr als 20 Jahre zurück. Und seine Ideen, den Konzern auch jenseits des klassischen Druckens zu etablieren, waren am Ende durchaus richtig. Das reicht als Erklärung nicht.

    Der Grund für die prekäre Lage ist vielmehr eine Mischung aus jahrelangen Machtkämpfen und Führungsversagen im Vorstand wie im Aufsichtsrat. Die Folge: Mangels Einigkeit fehlt es seit Jahren an einer klaren Strategie. Diese Gemengelage trifft auf eine schrumpfende Nachfrage – eine brandgefährliche Kombination.

    Keine Einigkeit über die Strategie

    Gerade am Beispiel der Idee der Subskription lässt sich gut beschreiben, was „Heideldruck“ in diese kritische Lage gebracht hat. Wer sein Geschäftsmodell vom klassischen Verkauf von Maschinen auf das Vermieten von Maschinenleistung oder besser von Produktivität umstellt, muss die Organisation umbauen.

    Das betrifft zum Beispiel die Finanzierung. Maschinen, die vermietet werden, verbleiben in der Bilanz des Herstellers und belasten auf der Forderungsseite. Das Risiko des Geschäftserfolgs verlagert sich vom Kunden zum Hersteller. Hat der Kunde Probleme, seine Maschinen auszulasten, spürt das der Maschinenlieferant direkt über die Abo-Einnahmen.

    Gängige und durchaus erfolgreiche Praxis in vielen Branchen ist es deshalb, sich entsprechende Finanzierungspartner zu suchen und eine Zwischengesellschaft zu gründen, um diese Risiken aus der Bilanz zu bekommen. Bei „Heideldruck“ wurde das versäumt, weil Uneinigkeit im Vorstand über die Strategie herrschte.

    Wassenbergs Vorgänger Dirk Kaliebe etwa – ein anerkannter Finanzexperte, der das Unternehmen in früheren Krisen mehrfach erfolgreich sicherte – galt wegen der bilanziellen Folgen des Abo-Modells nicht als Fan der Subskription.

    Auch anderen Führungskräften war die Idee nicht geheuer. Selbst nach endlosen Sanierungsrunden ist in den Köpfen vieler immer noch die Hoffnung, die Welt von früher lasse sich wiederherstellen. „Heideldruck ist traditionell ein Maschinenbauer, der mit seinen Maschinen den Ruf genoss, perfekte und ewig haltbare Qualität zu liefern. Die Maschinen wurden nicht vertrieben, sie wurden verteilt“, beschreibt eine Führungskraft die Mentalität.

    Die wirkt sich besonders beim Thema Vertrieb aus. Nicht nur musste man bei Heidelberger überhaupt erst einmal lernen, Produkte zu vertreiben. Das Subskriptionsmodell erfordert dazu noch ein besonderes Know-how. Wer Druckleistung verkaufen will, muss neben der Maschine auch alle Details des Druckprozesses beim Kunden kennen. In Großbritannien etwa wird viel mit UV-Glanz gearbeitet, was die entsprechenden Farben und Materialien erfordert.

    Heidelberger hat es bis heute nicht geschafft, das entsprechende Personal aufzubauen. Mitarbeiter, die extra für den Vertrieb des Subskriptionsmodells angeheuert wurden, gaben nach kurzer Zeit frustriert wieder auf, weil sie an den chaotischen Zuständigkeiten und unklaren Ansagen verzweifelten. „Es gab auf Top-Ebene nie ein klares Bekenntnis aller zum Thema Subskription. Jeder verfolgte seine eigenen Pläne“, beklagt ein Kenner des Unternehmens.

    Aktienkurs stürzt ab

    Befördert wurde das indirekt durch den CEO. Mit Rainer Hundsdörfer führt ein Manager das Unternehmen, der im Ruf steht, ausgeprägt konsensorientiert zu sein und harte Konflikte zu scheuen. Entscheidungen gegen den Widerstand von Vorstandskollegen durchzusetzen, soll nicht seine Stärke sein. Und auf Investorenseite, zieht dann auch noch Ferdinand Rüesch die Fäden. Der Familienunternehmer brachte vor einigen Jahren seine Beteiligung an Gallus, einem Hersteller von Etikettendruckmaschinen, in Heidelberger ein und erhielt im Gegenzug neun Prozent der Anteile am Konzern.

    Der Absturz des Aktienkurses – das Papier hat binnen eines Jahres 45 Prozent an Wert verloren – hat dem Schweizer Rüesch Verluste in Millionenhöhe eingebrockt, was ihn ärgert. Rüesch gilt als Drahtzieher hinter einem vor einigen Monaten publik gewordenen Mitarbeiterbrief an den Aufsichtsrat, in dem mächtig gegen Hundsdörfer geschossen wird. „Alles das ist der ideale Nährboden für politische Ränkespiele, die alles blockieren“, sagt ein Unternehmenskenner: „Die Folge: Die Ideen von Heidelberger Druck starten als Tiger und landen als Bettvorleger.“

    Ob Ansätze wie das Subskriptionsmodell am Ende tatsächlich die Zukunft des Traditionsunternehmens sichern könnten, ist offen. Das räumen auch Kritiker des jahrelangen Führungschaos ein. „Aber zumindest die Chance ist da und muss doch genutzt werden. Wer sollte so eine Idee besser in den Markt drücken können als der Marktführer“, sagt eine frustrierte Führungskraft.

    Mit dem Abgang von Hermann, dem wiederum einige im Unternehmen vorwerfen, bei seiner Digital-Euphorie zu sehr das klassische Geschäft und damit den Erlösbringer aus den Augen verloren zu haben, ist nun aber klar, dass Subskription erst einmal hintangestellt wird. Zwar verhandelt Finanzchef Wassenberg – wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist – mit einem Versicherungskonzern über eine Zwischengesellschaft, um die Abo-Maschinen aus der Bilanz zu bekommen. Doch für ihn ist Subskription nur ein Vertriebsmodell von mehreren.

    Einige bei Heidelberger hoffen dennoch darauf, dass es mit der neuen Managementstruktur und unter Aufsichtsratschef Sonnenschein, im Hauptamt Partner und Geschäftsführer bei der Beratung A.T. Kearney, endlich besser wird. Der nun nur noch zweiköpfige Vorstand aus CEO und CFO soll sich um die übergeordneten Themen kümmern, das neue darunter angesiedelte Executive Committee um die operative Umsetzung – „ohne Querschüsse von links oder rechts“, wie es eine Führungskraft beschreibt. Auch könne helfe, dass Wassenberg einen sehr engen Draht zum Chefkontrolleur und auch zum Aktionär Rüesch habe.

    Doch die Frage ist, ob das Unternehmen noch ausreichend Zeit hat, sich mal wieder komplett neu zu sortieren. Bis Ende März muss Klarheit darüber herrschen, wie das Unternehmens die Bilanz sanieren will. Das verlangen die Geldgeber. Vielleicht ist dann auch klar, ob man doch die Hilfe eines Investors brauchen wird.

    Mehr: Wachstumsstars made in Germany – und was sie so erfolgreich macht

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    3 Kommentare zu "Traditionskonzern in der Krise: Heidelberger Druckmaschinen: Wie sich ein Weltmarktführer selbst zerbröselt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Liest man diesen Artikel über die Geschäftsidee des 'Subskriptionsmodells' des DM-Herstellers könnte man meinen: 'Schuster bleib bei deinen Leisten.'
      Die Druck- und Druckmaschinentechnik für den traditionellen (Flach-) Druck sei ausentwickelt, so mir gegenüber ein Fachexperte aus der Branche, schon vor Jahren, geprägt von weltweiten Überkapazitäten und dem Trend zu immer geringerer Auflagenhöhe in allen Bereichen bei gleichzeitigem Vordringen des Digitaldruckes bis hin zu PoD.
      Marketing-Experten wissen, daß die meisten neuen Produktideen 'floppen' und sich nur wenige im Markt durchsetzen. Diese Grundregel trifft wohl auch für Dienstleistungen zu.
      Unklar bleibt, welche Erwartungshaltungen mit dem neuen Modell überhaupt verbunden waren (Wachstumsentwicklung kaschieren?).

    • Heidelberger hat den Fehler gemacht, vor 10/ 15 Jahren nicht auf eine zweite rein digitale Print Schiene zu setzen. Das hat HP mit Vollgas gemacht und Digital Print, wie in eigener Erfahrung als Druckerei-Auftraggeber erlebt, perfektioniert.

      Gleichzeitig spielt Xerox in diesem Markt sein Kundenpotential aus, und andere aus dem Kopier- und Officebereich sind auch präsent. Das bei sinkenden Druckauflagen und einem entscheidenden Kostenvorteil für Digital Print, der bis in mittlere Akizidenz Auflagen reicht und inzwischen auch Druckeffekte und Veredelung beinhaltet.

      Heidelberger hat den Change nicht richtig bewertet und zu lange (oder noch immer) geglaubt, das Print so oder ähnlich weiterlebt. Aber es wird noch viel weniger werden...

      Schlau wäre vielleicht noch gewesen, bei einem der Web-to-Print Drucker einzusteigen um diesen weiter wachenden Markt zu verstehen und die eigene Drucktechnik einzubringen. Aber das könnte ja vielleicht noch eine Strategie für einen Investor sein....?

      Fyleralarm zeigt, wie man diesen Markt als Plattformbetreiber erobert. Vielleicht könnte man diesen Wachstumsmarkt gemeinsam globalisieren und dabei Druckereien beschäftigen, die auf Heidelberger drucken? Das könnte dann ernsthafte Konkurrenz für Cimpress/ Vistaprint werden... Nur mal so.....

    • Werbung findet .... seinen Käufer ---- online

      Menschen sind voll und hassen ihren Briefkasten mit Zeitungen ...


      Gruß

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