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Trotz deutschem Kohleausstieg Deutschen Managern drohen ungemütliche Zeiten wegen Kohleprojekten

Deutschland steigt aus der Kohle aus. Doch das gilt nicht unbedingt für die deutschen Unternehmen. Siemens, Thyssen-Krupp und BASF sind weiter dabei.
18.01.2020 - 08:39 Uhr Kommentieren
240 Meter lang, fast 100 Meter hoch – und in Deutschland eine aussterbende Art. Quelle: Heiner Müller-Elsner / Agentur Focus
Schaufelradbagger im Tagebau Hambach

240 Meter lang, fast 100 Meter hoch – und in Deutschland eine aussterbende Art.

(Foto: Heiner Müller-Elsner / Agentur Focus)

Düsseldorf Für die Umweltaktivisten ist es ein Erfolg: Die riesigen Schaufelradbagger, die sich kilometerweit durch die Feld- und Wiesenlandschaft um den Hambacher Forst pflügen, werden wohl früher ihren Betrieb einstellen als vom Energiekonzern RWE ursprünglich geplant. Das ist der Kompromiss, auf den sich Bund und mehrere Länder vor wenigen Tagen geeinigt haben.

Nach dem Ausstieg aus der Steinkohle vor einem Jahr steht damit für die deutsche Zuliefererindustrie erneut das Ende einer Ära an. Denn die Schaufelradbagger im Hambacher Forst stammen zu großen Teilen von Firmen aus der Nachbarschaft: Die Namen Krupp, Buckau, Siemens stehen auf weißen Schildern am Rumpf von Bagger 291. Sie sind so alt wie der industrielle Bergbau selbst.

Auch heute sind viele von ihnen noch im Geschäft mit der Kohle aktiv. Der Industriekonzern Siemens bekam dafür zuletzt wie RWE die Macht von Fridays for Future zu spüren: Wegen seiner Beteiligung am Bau der Carmichael-Kohlemine im australischen Queensland kam der Konzern in Erklärungsnot. Für 18 Millionen Euro will Siemens Signaltechnik für die angeschlossene Bahnstrecke an den indischen Energiekonzern Adani liefern – und hält trotz der Proteste an dem Auftrag fest.

So wie Siemens sind deutsche Unternehmen an vielen Stellen der Wertschöpfungskette in der Kohleförderung aktiv. Maschinen- und Anlagenbauer wie Thyssen-Krupp liefern die Bergbaumaschinen und Logistikanlagen für den Abbau, Chemiekonzerne wie BASF produzieren Chemikalien zur Weiterverarbeitung. Am Ende stehen Energiekonzerne wie RWE. Und die kommen zunehmend aus dem Ausland.

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    Während sich etwa die Stromerzeugung aus Steinkohle in Deutschland innerhalb von drei Jahren halbiert hat, stieg die Förderung global betrachtet im vergangenen Jahr um zwei Prozent. Zu den Hauptproduzenten gehören heute China, die USA, Indonesien, Indien und Australien. Die Umsätze sind ausgewandert – die Zulieferer sind geblieben.

    Grafik

    Das über Jahrzehnte gemeinsam mit den deutschen Bergbaukonzernen entwickelte Know-How ist für die Branche heute ein Exportschlager. So erzielen allein die deutschen Bergbaumaschinenhersteller 98 Prozent ihrer Umsätze mit Kunden im Ausland. Dabei geht ein gutes Viertel in andere Länder der EU, der Rest vor allem in die USA, China, Russland und Australien. Gut 12.000 Menschen sind in Deutschland direkt in der Branche beschäftigt.

    Immer häufiger ziehen die Unternehmen dabei den Ärger der Klimaschützer auf sich. „Deutsche Konzerne spielen eine große Rolle beim weltweiten Geschäft mit der Kohle“, kritisiert etwa Heffa Schücking, Chefin der Nichtregierungsorganisation Urgewald. Ihr Urteil fällt deutlich aus: „Sich heutzutage überhaupt noch an Kohleprojekten zu beteiligen, egal wo, ist inakzeptabel.“

    Branche reagiert mit Unverständnis

    In der Branche selbst stoßen solche Vorwürfe auf Entsetzen. „Als Unternehmer und Fachverbandsvorsitzender war ich erschrocken über die emotionale Reaktion der Umweltaktivisten“, sagt Michael Schulte Strathaus, Fachverbandsvorsitzender Mining im Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) und selbst als Familienunternehmer in der Branche tätig, zum Fall Siemens. Es gehe dabei nur um ein kleines und indirektes Produkt. „Ich glaube, man hat hier vorsätzlich einen Grund gesucht, um ein großes Unternehmen an den Pranger zu stellen.“

    Tatsächlich sind viele andere deutsche Unternehmen deutlich stärker an der eigentlichen Kohleförderung und an deren Verfeuerung beteiligt als der Münchener Industriekonzern. So bekam etwa Thyssen-Krupp vor gut einem Jahr den Auftrag für einen Schaufelradbagger für eine Kohlemine im Norden Thailands. 18.000 Tonnen kann der Bagger „Barracuda“ pro Stunde verarbeiten. Noch in diesem Jahr soll er in Betrieb gehen.

    Auch am anderen Ende der Wertschöpfungskette ist der Ruhrkonzern aktiv. Vom Energiekonzern Doosan Power Systems India erhielt Thyssen-Krupp den Auftrag für die Versorgungsanlagen zweier Kohlekraftwerke im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Das Auftragsvolumen beträgt 115 Millionen US-Dollar. 2021 sollen sie geliefert werden. 16 Millionen Haushalte soll die Anlage nach ihrer Fertigstellung versorgen.

    Beim Ruhrkonzern ist man sich der Angriffsfläche bewusst – und verweist auf den Beitrag zum Klimaschutz, den der Industriekonzern in anderen Feldern leistet. „Als Technologiepartner unserer Kunden entwickeln wir unsere Produkte und Services weiter und investieren gezielt im Bereich nachhaltiger Technologien“, heißt es bei Thyssen-Krupp. „Schon heute gehören unsere Verfahren, Anlagen und Komponenten mit zu den effizientesten und ressourcenschonendsten weltweit.“

    Am weltweiten Kohlebergbau verdient auch der weltgrößte Chemiekonzern BASF mit. Das Ludwigshafener Unternehmen hat einen eigenen Geschäftsbereich Mining Solutions, der die weltweite Bergbauindustrie beliefert. Dabei geht es um die Chemikalien, mit deren Hilfe etwa Kupfer aus Eisennerz extrahiert werden kann. Speziell für den Kohlebergbau vertreibt BASF Mittel zur Trennung des abgebauten Materials mit Hilfe von Schäumen. Dadurch soll möglich viel nutzbare Kohle erhalten bleiben und der Staub minimiert werden.

    Mit dem Geschäft ist BASF weltweit vertreten. Da die im Fokus der öffentlichen Kritik stehende Mine in Australien noch nicht produziert, beliefert BASF sie nicht mit Chemikalien. Mit dem Minenbetreiber Adani ist BASF aber partnerschaftlich verbunden. Beide sind Teil eines Konsortiums, das in der westindischen Küstenstadt Mundra einen Chemie-Komplex im Volumen von vier Milliarden Dollar erstellt.

    Dabei handelt es sich allerdings nicht um Bergbauchemie, sondern um Stoffe für Bau, Automobile und Lacke. Geplant ist der erste komplett mit regenerativen Energien betriebene Petrochemiestandort der Welt.

    Wieviel Umsatz BASF in der Bergbauchemie macht, veröffentlicht der Konzern nicht. Das Geschäft ist in den Unternehmensbereich Performance Chemicals eingegliedert, der 2018 auf einen Umsatz von 3,9 Milliarden Euro kam. Davon dürfte aber nur ein Bruchteil auf Mining Solutions entfallen.

    Diversifizierung und Technologietransfer

    VDMA-Mining-Chef Schulte Strathaus gibt zu bedenken, dass sich das Geschäftsmodell der Bergbaumaschinenhersteller nicht allein auf Kohleförderung beschränkt, sondern auch die Förderung von Erzen und sogenannten Seltenen Erden umfasst: „Diese Materialien werden für nachhaltige Technologien wie die E-Mobilität oder die Erzeugung von Windenergie immer wichtiger.“

    Er selbst hat als Unternehmer mit Diversifizierung auf den deutschen Ausstieg aus der Kohle reagiert: Sein Unternehmen produziert heute neben Fördertechnik auch Brandschutz- und Schwingtechnik.

    Auch das Bochumer Traditionsunternehmen Eickhoff, bekannt für riesige Walzenlader, die unter Tage Steinkohle abbauen, hat sein Geschäftsmodell vor einiger Zeit erweitert. Neben einer Maschinenfabrik betreibt die Firmengruppe heute auch eine Sparte für die Produktion von Windrad-Getrieben und hat sich so weniger abhängig vom globalen Geschäft mit der Kohle gemacht.

    Doch ob das die Demonstranten von Fridays for Future langfristig besänftigen kann, steht zu bezweifeln. Und so stehen einigen Managern womöglich ungemütliche Zeiten bevor.

    Mehr: Die Umwelt-Aktivisten sind die mächtigste außerparlamentarische Opposition. Das stellt die Wirtschaft vor Herausforderungen.

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