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Undurchsichtige Arznei-Allianz Zahlungen an Ärzte: Pharmabranche löst Transparenzversprechen nicht ein

Die Arzneimittelindustrie behauptet seit Jahren, offenlegen zu wollen, welche Ärzte wie viel Geld von ihr erhalten. Doch das Transparenzversprechen ist offenbar ein Schwindel.
21.01.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Wenig Transparenz: Pharmabranche verschleiert Zahlungen an Ärzte Quelle: dpa
Vorträge, Fortbildungen und mehr

Pharmafirmen zahlten 2018 insgesamt knapp 640 Millionen Euro an Ärzte.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Es sollte einer der Höhepunkte der Transparenzoffensive der deutschen Pharmaindustrie werden, das Interview „Diener & Diener“. Wenige Monate vor dem 15. Jahrestag der Freiwilligen Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie (FSA) interviewte deren Geschäftsführer Holger Diener seinen Namensvetter Hans-Christoph Diener – den ehemaligen Chefneurologen der Universität Duisburg-Essen. Und wie so oft ging es um dasselbe Thema. Wie geht die Pharmaindustrie mit Geldzahlungen an Ärzte um? Diener und Diener waren sich einig: maximal transparent.

Er sei das beste Beispiel dafür, so Neurologe Diener. Er hatte zugestimmt, dass die 56 Mitglieder der FSA, allesamt führende Arzneimittelhersteller, nicht nur die Zahlungen an ihn, sondern auch seinen Namen öffentlich machen durften. Gleichwohl sei er von den Medien an den Pranger gestellt worden. Er könne deshalb verstehen, dass viele Kollegen seinem Beispiel nicht folgten – weil unterstellt werde, „man wäre ein Knecht der Pharmaindustrie“.

Dieners Medienschelte auf Einladung der FSA ist der beste Beleg dafür, dass die Pharmabranche in Deutschland an Transparenz offensichtlich kein Interesse hat. Schon seit eineinhalb Jahrzehnten besteht der Zusammenschluss der Konzerne, darunter Unternehmen wie Bayer, Boehringer, Merck und Roche. Doch erst seit vier Jahren veröffentlicht die FSA überhaupt Zahlen über finanzielle Zuwendungen an Mediziner.

Deren Auswertung zeigt nun: Ärzte und medizinische Institutionen wie etwa Kliniken oder Forschungseinrichtungen kassieren immer mehr Geld von der Pharmaindustrie. Namentlich dafür geradestehen wollen aber immer weniger. Schuld daran sind nicht die Medien, sondern die Industrie selbst – und ihr Lobbyverein FSA. Der könnte mit einfachsten Mitteln für eine flächendeckende Transparenz der Geldflüsse sorgen, verweigert das aber seit Jahren. Kritik daran weist die FSA zurück.

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    Das Verhältnis von Pharmaindustrie und Ärzteschaft ist seit Jahren in der Diskussion. Nicht zuletzt deshalb, weil immer wieder der Verdacht mangelnder Unabhängigkeit aufkommt. So ließen Diener und Diener in ihrem Gespräch unerwähnt, dass Hans-Christoph Diener in seiner aktiven Zeit zu jenen Ärzten gehörte, die mit Abstand am meisten Geld erhielten – zu Spitzenzeiten rund 200.000 Euro jährlich. Und das auch von Herstellern, deren Produkte er in ärztlichen Leitlinien empfahl.

    Auch dass ihn die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wegen zu vieler Interessenkonflikte aus ihren Gremien geworfen hatte, kam nicht zur Sprache. Diener sagt, das sei für ihn in Ordnung. Alle Gelder seien der Forschung zugutegekommen.

    Mehr Geld, weniger Transparenz

    Dabei sind vor allem Forschung und ärztliche Fortbildung anfällig für dubiose Geldtransfers. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Arzneimittelhersteller über Sponsoring oder Studienfinanzierung hohe Summen an jene Partner im Gesundheitswesen zahlen können, die ihnen zu direkten Umsätzen verhelfen. Ärzte und Kliniken sind für den Großteil aller Medikamenten-Verschreibungen verantwortlich. Die 56 Mitglieder der FSA wiederum decken etwa 75 Prozent des deutschen Marktes für Arzneimittel ab.

    Laut eigener Aussage hat die FSA jedoch das Vertrauen der Bevölkerung in die pharmazeutische Industrie erhöht. Die letzten 15 Jahre seien ein Beleg dafür, „dass die Unternehmen eine brancheninitiierte Selbstregulation erfolgreich und nachhaltig bewerkstelligen“, so Peter Solberg, FSA-Vorstandsvorsitzender, zum Jahrestag seiner Organisation.

    Schaut man auf die von der Organisation vorgelegten Zahlen, scheint es mit der Selbstregulierung und Transparenz allerdings nicht weit her. So geht es Jahr für Jahr nicht bergab mit dem Geldsegen aus der Pharmaindustrie, sondern bergauf.

    Pumpten die 56 Hersteller 2016 rund 562 Millionen Euro jährlich in die Medizinbranche, weisen die neusten Zahlen für das Jahr 2018 knapp 640 Millionen Euro aus. Allein 413 Millionen Euro davon flossen in umstrittene Anwendungsstudien, bei denen Ärzte unter wissenschaftlich fragwürdigen Umständen Medikamente an ihren Patienten testen.

    Weitgehend undurchschaubar bleibt zudem, wer konkret von wem wie viel Geld bekommt. Die FSA stellt es den Geldempfängern frei, ob ihr Name öffentlich gemacht wird. Schon 2015 ließen deshalb nur 31 Prozent aller Mediziner eine individualisierte Auskunft über den Geldsegen von Konzernen zu. 2016 sank dieser Wert auf 25 Prozent. 2017 und 2018 ist es gerade einmal noch ein Fünftel aller Mediziner.

    Wie wenig ehrlich die FSA mit dieser Situation umgeht, zeigt sich im doppelten Diener-Interview. Dort betont FSA-Geschäftsführer Holger Diener, dass die Industrie bestrebt sei, den Kreis der zustimmenden Ärzte zu erweitern. Aber der Datenschutz würde nun einmal die Einwilligung jedes einzelnen Arztes verlangen.

    Das jedoch ist eine Nebelkerze. Denn dem Datenschutz stünde nicht entgegen, wenn die Mitglieder der FSA Geldzuwendungen einfach an die Bedingung knüpften, dass Empfänger ihrer namentlichen Nennung zustimmen. Wer sich nicht outen will, bekäme dann auch nichts.

    Diesen Schritt aber verweigert die FSA seit Jahren. Die wichtige Zusammenarbeit von Industrie und Ärzten solle „möglichst wenigen Restriktionen unterliegen“, heißt es dazu auf Anfrage.

    Ärztevertreter und Politik fordern gesetzlichen Zwang

    Dabei fordern Ärzte-Organisationen selbst einen gesetzlichen Zwang zur Offenlegung. Es gehe schließlich um das Wohl der Patienten. „Die von der FSA gepriesene freiwillige Regelung hat nachgewiesenermaßen nicht funktioniert“, sagt Niklas Schurig von der unabhängigen Ärzteorganisation MEZIS („Mein Essen zahle ich selbst“). „Es fehlen uns in Deutschland weiterhin Daten, um Patienten darüber informieren zu können, welche Ärzte immer noch für die hochumstrittenen Anwendungsbeobachtungen Gelder von der Pharmaindustrie bekommen.“

    Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft plädiert deshalb in Abstimmung mit der Bundesärztekammer für eine Regelung nach US-Vorbild. Dort gelingt die totale Transparenz schon seit Jahren. In den USA verpflichtet ein Gesetz, der „Physician Payment Sunshine Act“, die Unternehmen, jeden Geldempfänger namentlich zu melden. Die Angaben werden seit Ende 2014 in einer für jedermann zugänglichen Datenbank veröffentlicht.

    In Deutschland dagegen landen die Namen der wenigen Ärzte, die einer Veröffentlichung zustimmen, nur auf der jeweiligen Homepage der Unternehmen. Patienten, die Informationen über Zahlungen an diese Ärzte suchen, müssten sich mühselig durch alle Websites der FSA-Mitglieder wühlen.

    Das habe nichts mit Transparenz zu tun, so Arzneimittelkommission und Ärztekammer in einer gemeinsamen Stellungnahme 2019. „Je enger die Beziehungen zu einem pharmazeutischen Unternehmer oder Hersteller von Medizinprodukten sind, desto höher ist in der Regel das Risiko für Voreingenommenheit und schädliche Folgen für Patientinnen und Patienten“.

    Außerdem müssten klare Strafen festgelegt werden für jene Firmen, die gegen die Auskunftspflichten verstießen. Hierzulande wird derzeit nicht einmal überprüft, ob die Angaben der Unternehmen über Zahlungen an Ärzte richtig sind. „Die Veröffentlichungen der pharmazeutischen Unternehmen erfolgen freiwillig und unterliegen in diesem Sinne keiner externen Kontrollpflicht“, heißt es bei der FSA.

    Bei den Grünen rennen die Ärzte-Organisationen längst offene Türen ein. „Bereits in den letzten Legislaturperioden haben wir dementsprechend parlamentarische Anträge eingebracht. Passiert ist bisher nichts. Wir werden weiterhin dranbleiben, um mehr Transparenz zur Korruptionsbekämpfung zu erwirken“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink. Und auch die Regierungspartei SPD scheint geneigt, die freiwillige Selbstkontrolle zu kippen. „Im Vordergrund müssen auf jeden Fall die Interessen der Patienten stehen“, so die gesundheitspolitische Sprecherin Sabine Dittmar.

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) allerdings sieht keinen Handlungsbedarf, er macht sich eher Sorgen um eine andere Klientel. Eine Datenbank nach US-Vorbild sei durchaus geeignet, „aufgrund der kontextlosen Darstellung der Zahlungen, Ärzte und Unternehmen unter den Verdacht der Korruption zu stellen“, heißt es in Spahns Ministerium.

    Ein Verdacht, der allerdings nicht grundlos entsteht. Laut US-Datenbank flossen 2016 allein für Essenseinladungen, Fortbildungs-Sponsoring, Reisekostenerstattungen sowie Forschungsaktivitäten über sieben Milliarden US-Dollar von Pharmafirmen in die Taschen von Medizinern.

    Mehr: Das umstrittene Geschäft mit der Ärztefortbildung

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