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Unkrautvernichter Eine Alternative zu Glyphosat ist noch in weiter Ferne

Österreich will den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels untersagen. Experten warnen vor den Folgen eines Totalverbots.
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In Deutschland wird ‧Glyphosat vor allem vor der Aussaat von Nutzpflanzen auf den Acker gebracht. Quelle: imago/photothek
Herbizid-Einsatz

In Deutschland wird ‧Glyphosat vor allem vor der Aussaat von Nutzpflanzen auf den Acker gebracht.

(Foto: imago/photothek)

Düsseldorf Eigentlich will die EU-Kommission erst in zwei bis drei Jahren darüber entscheiden, ob der Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat komplett verboten wird oder eingeschränkt erlaubt bleiben soll. Österreich geht das nicht schnell genug.

Die Alpenrepublik plant schon in diesem Jahr einen radikalen Schnitt: Als erstes EU-Land will Österreich das Herbizid komplett verbieten. Das könnte aber schwieriger werden als gedacht. Aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Wirtschaft kommt harte Kritik.

Zu Beginn der Woche hat die Universität für Bodenkultur in Wien die Ergebnisse einer neuen Studie präsentiert. Das Urteil: Ein generelles Glyphosat-Verbot sei weder aus ökonomischen noch aus ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll. Die Autoren zeigen sich zudem davon überzeugt, dass ein Komplettverbot aus EU-rechtlichen Gründen nicht möglich sei.

Zu demselben Ergebnis kommt Horst-Henning Steinmann, Experte für Biodiversität an der Universität Göttingen. „Die Restlaufzeit der Glyphosat-Zulassung ist überschaubar. Die Landwirte sollten Zeit für Anpassungen haben“, sagt Steinmann.

Um das umstrittene Herbizid gibt es eine erbittert geführte Debatte, seit die IARC, ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Jahr 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat. Demgegenüber halten führende Prüf- und Zulassungsbehörden weltweit das Mittel bei sachgemäßem Gebrauch für ungefährlich.

In Europa sind dies die Behörde für Lebensmittelsicherheit und die Europäische Chemikalienagentur. An deren Urteil orientiert sich die EU-Kommission, die dem Mittel Ende 2017 eine Zulassung für weitere fünf Jahre erteilte. Da die Behörden bisher keinen Anlass sehen, ihr Urteil zu ändern, dürfte ein Totalverbot vor dem Jahr 2023 keine Aussicht auf Bestand haben, urteilen Experten.

Man sollte das Glyphosat nicht grundsätzlich verbieten, aber einschränken. Horst-Henning Steinmann, Universität Göttingen

Viele Länder in Europa haben die Regeln für den Einsatz von Glyphosat aber verschärft. In den Niederlanden ist das Mittel für den Privatgebrauch schon länger verboten. Nun zieht Frankreichs Regierung die Schrauben an: Auch hier dürfen Hobbygärtner kein Glyphosat mehr kaufen. Den Einsatz für andere Bereiche machte Paris schlichtweg teurer. Für das Ausbringen müssen die Anwender Abgaben zahlen. Deren Höhe wurde deutlich angehoben: von maximal 5,70 Euro pro Kilo auf neun Euro.

In Deutschland arbeitet Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) an einem Ausstiegsplan. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zeigt sich zurückhaltender und will den Einsatz von Glyphosat zunächst nur verringern. Kanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, dass die Bundesregierung bis September über ein Glyphosat-Verbot entscheiden wird.

Der Kampf um das günstige und extrem wirksame Herbizid macht Landwirten Sorgen. In Deutschland wird Glyphosat vor allem vor der Aussaat von Nutzpflanzen auf den Acker gebracht. Hierzulande kaufen Landwirte pro Jahr rund 5000 Tonnen an Glyphosatmitteln. Sie fürchten Ernteeinbußen, wenn sie das Mittel nicht mehr zur Unkrautbeseitigung einsetzen dürfen.

Auch die Pflanzenschutzindustrie sieht mit Europa einen wichtigen Markt ins Wanken geraten. Dabei ist nicht Bayer der Hauptbetroffene. Die Leverkusener machen nur einen Bruchteil ihrer Umsätze mit dem Unkrautvernichter in Europa. Es sind Chemiekonzerne aus China wie Chemchina, Wynca und Sinon oder indische Produzenten wie UPL und Coromandel und US-Agrarchemiefirmen wie Albaugh und FMC, die ein Verbot besonders treffen würde.

Erst jetzt forscht die Industrie

Experten wie Steinmann halten ein Totalverbot nicht für sinnvoll, solange keine vergleichbare Alternative auf dem Markt ist. „Es gibt absehbar nichts, was als Herbizid so wirksam ist wie Glyphosat. Landwirte würden andere Maßnahmen treffen müssen. Andere, nicht so wirksame und teurere Mittel würden verwendet werden oder eine intensivere Bodenbearbeitung“, erklärt er.

Greifen Bauern als Alternative vermehrt zum Pflug, zerstöre das die grüne Pflanzenmasse aber genauso wie der Einsatz des Herbizids und würde in vielen Gebieten die Gefahr einer Bodenerosion deutlich erhöhen. Dass es keine Alternative zu Glyphosat gibt, liegt daran, dass die Industrie lange nicht daran geforscht hat.

Erst jetzt gibt es wieder Bewegung: Bayer oder der US-Konkurrent Corteva stecken Milliarden in die Entwicklung eines neuen Super-Herbizids. Landmaschinenhersteller suchen nach mechanischen Lösungen zur Unkrautvernichtung, zum Beispiel mithilfe von Lasern.

Ein Wissenschaftler in Tübingen entdeckte jüngst sogar eine Art natürliches Glyphosat: Zucker von Cyanobakterien kann Pflanzen absterben lassen. Die Forscher befürchten aber, dass die Substanz auf dem Acker so schnell abgebaut wird, dass sie gar kein Unkraut beseitigen kann. Bislang gab es ausschließlich Versuche mit keimfreiem Laborboden.

Bis ein neues Pflanzenschutzmittel überhaupt auf den Markt kommen würde, können fünf bis zehn Jahre vergehen. Ein Totalverbot halten Experten deswegen auch 2023 nicht für sinnvoll. „Man sollte das Glyphosat nicht grundsätzlich verbieten, aber einschränken“, schlägt Steinmann vor. Und dann in der Übergangszeit eine gängige Alternative schaffen – etwa mithilfe von Digitalisierung und Landmaschinentechnik.

Mehr: Der Bayer-Konzern verspricht neue Wege in der Unkrautbeseitigung – abseits von Glyphosat. Doch zunächst strebt Bayer eine neue Zulassung des umstrittenen Mittels an.

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