Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Unternehmenshistorie Studie zeigt: Continental war ein Stützpfeiler der NS-Wirtschaft

Viele deutsche Konzerne haben ihre NS-Historie schon vor längerer Zeit durchleuchten lassen. Jetzt zieht Continental nach. Der Vorstand zeigt sich erschüttert.
27.08.2020 - 12:51 Uhr Kommentieren
Jüdische Mitarbeiter wurden nach und nach aus dem Unternehmen herausgedrängt. Quelle: dpa
Conti-Prüflabor in den 30er-Jahren in Hannover

Jüdische Mitarbeiter wurden nach und nach aus dem Unternehmen herausgedrängt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Für Continental-Chef Elmar Degenhart ist es das „dunkelste Kapitel“ in der Unternehmensgeschichte. An die 10.000 Zwangsarbeiter schufteten in den 1940er-Jahren für den Reifenkonzern und Autozulieferer aus Hannover. Aus dem früheren Hersteller von Gummi- und Kautschukprodukten für den Alltag war unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ein unverzichtbarer Rüstungskonzern geworden.

Viele große deutsche Unternehmen haben bereits vor längerer Zeit ihre Forschungsberichte zu der eigenen NS-Historie vorgelegt. Volkswagen, Daimler oder etwa die Deutsche Bank sind die bekanntesten Beispiele dafür. Continental hat an diesem Donnerstag nachgezogen. In einer Pressekonferenz präsentierte der Zulieferkonzern die eigene Verstrickung mit dem NS-Regime.

„Es war überfällig, dass wir unsere eigene Historie durchleuchten“, sagte Degenhart. Der aktuell tätige Vorstand habe das Projekt vor gut vier Jahren angestoßen und übernehme damit die Verantwortung für die Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte. Er und seine Kollegen könnten nicht für frühere Generationen des Managements urteilen, die eine solche Studie zuvor nicht in Auftrag gegeben hatten.

Autor der Studie ist der Münchener Geschichtsprofessor Paul Erker, der ähnliche Chroniken auch für Bosch, Jägermeister und die Milliardärsfamilie Reimann vorgelegt hatte. Die Aufarbeitung der Conti-Vergangenheit soll in wenigen Tagen als Buch mit mehr als 800 Seiten unter dem Titel „Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit“ erscheinen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Untersuchung zeichnet nach, wie die Unternehmenskultur bei Continental zunehmend ausgehebelt und nach den Wünschen der Nationalsozialisten ausgestaltet wurde. Schrittweise entwickelte sich der Gummi- und Reifenhersteller zu einem kriegswichtigen Betrieb. „Die Zulieferindustrie und mit ihr Continental waren das eigentliche Rückgrat der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft“, betonte Geschichtsprofessor Erker. Haupteigner von Continental war damals die Familie Opel, die auch das Geschehen im Aufsichtsrat dominierte.

    „Die Haltung des damaligen Conti-Vorstands war sehr ambivalent.“ Quelle: dpa
    Continental-Chef Elmar Degenhart

    „Die Haltung des damaligen Conti-Vorstands war sehr ambivalent.“

    (Foto: dpa)

    In seiner Untersuchung beschränkt sich der Münchener Hochschullehrer nicht nur auf die Conti-Muttergesellschaft. Er analysiert zugleich die NS-Historie der später aufgekauften Tochtergesellschaften VDO, Phoenix, Semperit und Teves. „Die Studie ist eine Branchengeschichte von fünf Unternehmen der Zulieferindustrie, die heute gemeinsam Teil von Continental sind“, sagte Erker.

    Der Vergleich dieser Unternehmen zeige, dass eine Gleichschaltung mit dem NS-Regime kein Automatismus sein musste. So sei es beispielsweise dem Bremsen- und Hydraulikhersteller Teves in vielen Fällen gelungen, sich den Vereinnahmungsversuchen der Nationalsozialisten zu entziehen. Continental und VDO hingegen hätten viel enger mit dem Regime kooperiert.

    Lektüre war „sehr bedrückend“

    „Die Haltung des damaligen Conti-Vorstands war sehr ambivalent“, sagte Konzernchef Degenhart. Die Führungsriege des Unternehmens habe sich in den 1930er- und 1940er-Jahren sehr opportunistisch verhalten. Einerseits habe es immer wieder den Versuch gegeben, auf Distanz zum Regime zu gehen. Andererseits habe der Vorstand die Verbindungen zu den Nationalsozialisten dazu genutzt, um die Expansion des Unternehmens etwa in besetzten Gebieten voranzutreiben.

    Degenhart sagte, dass die Lektüre des Buchs an manchen Stellen für ihn selbst „sehr bedrückend gewesen“ sei. Es stehe außer Zweifel, dass der Continental-Konzern in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt gewesen sei. „Die unmenschlichen Bedingungen in den Lagern waren dem damaligen Management bekannt“, sagte er. An der Entschädigung von Zwangsarbeitern hat sich Continental schon seit 1999 mit einem zweistelligen Millionenbetrag beteiligt.

    Schrittweise entwickelte sich der Gummi- und Reifenhersteller zu einem kriegswichtigen Betrieb. Quelle: Continental
    Ventilkegel-Kontrolle 1935 im Werk Berlin

    Schrittweise entwickelte sich der Gummi- und Reifenhersteller zu einem kriegswichtigen Betrieb.

    (Foto: Continental)

    Besonders grausam war die Conti-Beteiligung an einer sogenannten „Schuhprüfstrecke“. Der Konzern stellt noch heute Schuhsohlen und -absätze her. In den 1940er-Jahren waren Sohlen kriegswichtig, weil Millionen von Soldaten auf haltbares Schuhwerk angewiesen waren. Die Continental AG trug ihren Anteil dazu bei, die Haltbarkeit der Sohlen zu verlängern – aber auf Kosten der Gesundheit und des Lebens von Gefangenen.

    Im KZ Sachsenhausen unweit von Berlin hatte das NS-Regime die Schuhteststrecke eingerichtet. KZ-Häftlinge mussten unter mörderischen Bedingungen so lange wie möglich mit den von Conti ausgestatteten Schuhen gehen. Anfangs kamen die durchschnittlich 170 KZ-Insassen auf 4000 Testkilometer am Tag, später wurde daraus das Doppelte. Die für die Tests eingesetzten Häftlinge wurden gesundheitlich zugrunde gerichtet – und viele starben nach den langen Testmärschen.

    Continental will aus der Studie Lehren für die Gegenwart ziehen. „Sie bietet eine neue Chance, uns unserer Verantwortung für die Gesellschaft zu stellen“, betonte Vorstandschef Degenhart. Unternehmen könnten diese Verantwortung nicht immer nur auf die Politik abwälzen, wenn es etwa um den Einsatz gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gehe. Führungskräfte eines Unternehmens müssten Einfluss auf die eigene Belegschaft nehmen, um bedrohlichen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken.

    Ergebnisse sollen in Unternehmensalltag einfließen

    „Wir müssen unsere Unternehmenskultur ständig überprüfen“, ergänzte Personalvorständin Ariane Reinhart. Die Geschichte von Conti zeige auf, wie aus einem international ausgerichteten Unternehmen in wenigen Jahren das Gegenteil wurde – von den Nationalsozialisten geprägt und rassistisch eingestellt. „So etwas darf nie wieder passieren“, betonte sie. Die vorgelegte Studie erinnere daran, die eigenen Werte zu verteidigen.

    Die Studienergebnisse sollen bei Continental Teil des unternehmerischen Alltags werden – etwa als Standard bei der Ausbildung der eigenen Lehrlinge. Auch die Führungskräfte sollen regelmäßig an die dunkle Vergangenheit des Konzerns erinnert werden.

    Offenheit verspricht Continental auch für das Konzernarchiv, das im Konzern über Jahrzehnte nur eine untergeordnete Rolle spielte und kein eigenes Personal besaß. Das hatte sich 2016 geändert, seitdem besitzt Conti wieder einen eigenen Archivar. Damit war auch ein ungehinderter Zugang zu den Archiven garantiert – und Studienautor Erker konnte vor vier Jahren mit seiner Forschungsarbeit beginnen.

    Im kommenden Jahr will Conti sein Archiv auch für außenstehende Wissenschaftler öffnen, die sich für die Vergangenheit des Konzerns interessieren. Dieser Schritt soll demonstrieren, dass die Hannoveraner ihre belastete Vergangenheit nicht einfach zu den Akten legen wollen. „Ohne Kenntnis der Vergangenheit und damit ohne eine vollständige Aufarbeitung der NS-Geschichte ist für uns ein reflektierter und unbefangener Aufbruch in eine erfolgreiche Zukunft nicht möglich“, fasste Konzernchef Degenhart die Untersuchungen zusammen.

    Mehr: Milliardärsfamilie Reimann setzt Zeichen gegen Antisemitismus.

    Startseite
    Mehr zu: Unternehmenshistorie - Studie zeigt: Continental war ein Stützpfeiler der NS-Wirtschaft
    0 Kommentare zu "Unternehmenshistorie: Studie zeigt: Continental war ein Stützpfeiler der NS-Wirtschaft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%