Ursula Gather Die Frau im Zentrum der Thyssen-Krupp-Krise

Vor Kurzem war der Name Ursula Gather kaum jemandem ein Begriff. Jetzt zieht die Vorsitzende der Krupp-Stiftung den Zorn Zehntausender Mitarbeiter auf sich. Was treibt sie um?
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Steuert Thyssenkrupp in eine ungewisse Zukunft?

Steuert Thyssenkrupp in eine ungewisse Zukunft?

DüsseldorfManche Studenten stoßen sich schon an, wenn sie die dunkle Limousine entdecken. Langsam rollt die schwere S-Klasse von Mercedes durchs Uni-Viertel, dann wird sie noch langsamer. „Siehste, gleich steigt sie aus“, sagt ein Zuschauer. „Und dann macht sie auf Fußgängerin.“ Der Wagen hält, die Fahrertür öffnet sich. Ein Chauffeur erscheint, geht um den Mercedes herum und öffnet seinem Stammgast die Tür. Eine blonde, gut gekleidete Frau steigt aus. Die letzten paar Hundert Meter zu ihrem Ziel läuft sie zu Fuß. Ursula Gather, Rektorin der Universität Dortmund, beginnt ihren Arbeitstag.

Die 65-Jährige ist vermutlich die einzige Rektorin Deutschlands mit solch einem Ankunftsritual. Das liegt an ihrer Doppelrolle. Ihre Limousine trägt das Kennzeichen E-RZ-1. Gather übernahm Fahrzeug und Kennung von Berthold Beitz, dem Patriarchen des Thyssen-Krupp-Konzerns.

Als Beitz 2013 im Alter von 99 Jahren starb, folgte ihm Gather als Vorsitzende des Kuratoriums der Krupp-Stiftung. Ihre Aufgabe: die Wache über den letzten Willen des letzten Krupp-Erben Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der das Unternehmen nach seinem Tod als Einheit fortleben lassen wollte. Es ist eine große Aufgabe. Nun zweifeln Mitarbeiter, ob Gather ihr gewachsen ist.

„Sehr geehrte Frau Professor Gather, wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ThyssenKrupp AG, sind traurig, enttäuscht und wütend.“ So begann ein Brandbrief, der vor einer Woche im Intranet von Thyssen-Krupp erschien und sich von dort aus wie ein Lauffeuer verbreitete. Langjährige Mitarbeiter sprechen von einer Zäsur. Arbeitskämpfe gab es in dem Traditionsunternehmen schon viele. Doch nie kritisierte die Belegschaft die Stiftung in diesem Ton.

Sie seien traurig, schrieben die Mitarbeiter an Gather, „weil wir einen aufrechten, gerechten und hochangesehenen Firmenchef verloren haben. Enttäuscht, weil die Stiftung in ihrem Kernauftrag, das Erbe von Alfried Krupp zu wahren, versagt hat. Wütend, weil Sie persönlich den Mann, den Berthold Beitz zur Rettung unseres Unternehmens geholt hat, nicht so unterstützt haben, wie er es verdient gehabt hätte.“

Thyssen-Krupp ist in schwere Unruhe geraten. Am Donnerstag vor einer Woche bot Konzernchef Heinrich Hiesinger seinen Rücktritt an. Versuche des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner, ihn davon abzuhalten, scheiterten. Hiesinger ging – und schrieb einen eigenen Brief.

„Ein gemeinsames Verständnis von Vorstand, Aufsichtsrat und wesentlichen Aktionären über die strategische Ausrichtung war für mich eine wichtige Voraussetzung, um als Vorstandsvorsitzender Thyssen-Krupp erfolgreich führen zu können“, schrieb Hiesinger. Wesentlichster Aktionär bei Thyssen-Krupp ist die Stiftung, die 21 Prozent der Anteile des Unternehmens hält. Hiesinger schrieb nicht, was er vom Verhalten der Stiftungsvorsitzenden Gather hielt. Aber man konnte ihn auch nicht missverstehen.

Verrat. Es ist dieses Wort, das in diesen Tagen in Essen am häufigsten zu hören ist. Gather, so heißt es, soll in Sitzungen des Aufsichtsrats von Thyssen-Krupp stets Zustimmung zu Hiesingers Plänen signalisiert haben – auch zu der Fusion der Stahlsparte mit Tata Steel. Doch kaum war der offizielle Teil der Treffen vorbei, habe Gather in Einzelgesprächen mit Aufsichtsräten Zweifel am Vorstandsvorsitzenden gesät. Selbst Gespräche mit anderen Großaktionären von Thyssen-Krupp habe die Stiftungsvorsitzende geführt. Aktionäre, die viele Interessen haben. Aber keine, welche die Stiftung jemals teilen könnte.

„Keine Kompetenzen für die Märkte“

Als „Psychoterror“ beschrieb Aufsichtsratschef Ulrich Lehner das, was „manche Aktionäre“, wie er sie nannte, inzwischen bei Thyssen-Krupp betrieben. Auch Lehner sprach nicht aus, wen er meinte. Doch in einem neuen Interview mit der „Zeit“ erklärte er, wo aus seiner Sicht die Unterschiede liegen. „Wir haben einen starken Ankeraktionär mit der Krupp-Stiftung, der genau wie wir das Unternehmen zusammenhalten will und sich den Mitarbeitern und der Gesellschaft verpflichtet fühlt. Mit Cevian haben wir aber einen weiteren Großaktionär, der andere Interessen verfolgt.“ Außerdem gebe es einen zweiten Hedgefonds, Elliott. Auch er denke anders und handele anders als die Stiftung.

Wenn sie es denn täte. Schon auf der Hauptversammlung der Thyssen-Krupp AG im Januar rumorte es in der Versammlung, als die Sprache auf die Stiftungsvorsitzende Gather kam. Erst wenige Tage vor dem Aktionärstreffen war sie von der Stiftung in den Aufsichtsrat entsandt worden. Nun wollte sie sich den Anteilseignern nicht zeigen.

„Trotz Aufforderung durch Aktionäre war Frau Gather nicht bereit, sich usancegemäß den Aktionären vorzustellen“, sagte Corporate-Governance-Experte Christian Strenger. Er selbst dagegen ergriff auf der Hauptversammlung das Wort: „Frau Gather erfüllt, bei allem Respekt vor ihrer Person und ihrer Vita, kaum die für Thyssen-Krupp relevanten und selbstverpflichtend aufgestellten Kriterien zur Zusammensetzung des Aufsichtsrats.“

Als Mathematikprofessorin habe sie keine Kompetenzen für die Märkte, in denen das Unternehmen agiert. Auch finanzwirtschaftlicher Sachverstand sei nicht erkennbar. Strenger: „Sollte die Krupp-Stiftung dennoch auf der Entsendung von Frau Professor Gather in den Aufsichtsrat bestehen, könnte dies möglicherweise sogar als treuwidrig angesehen werden.“

Ursula Gather wurde entsandt, und sechs Monate später trat Heinrich Hiesinger zurück. Ist sie die Frau, die ihn aus dem Unternehmen trieb? Sie selbst äußert sich nicht. Aus ihrem Umfeld verlautet, sie habe Hiesinger nicht fallen lassen, im Gegenteil. Sein Rücktritt habe Gather schockiert. Es sei ihr großer Wille, den Konzern zusammenzuhalten. Als Stiftungsvorsitzende fühle sie sich dem Erbe der Krupps sehr verpflichtet.

Wohlmeinende Stimmen glauben, der Konflikt zwischen ihr und Hiesinger sei ein Missverständnis. „Sie hat die Stahlfusion so gründlich hinterfragt, wie sie es aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit gewohnt ist“, sagte eine Person aus ihrem Umfeld. „Doch Universität und Unternehmen sind eben zwei Welten.“

Das Problem sei, dass man in der Wirtschaft zu einmal getroffenen Entscheidungen stehen müsse. Gerade wenn Druck von außen kommt, wie bei Thyssen-Krupp von den Finanzinvestoren Cevian und Elliott. Nun ist Hiesinger gegangen – mit Hinweis auf mangelnde Unterstützung wesentlicher Aktionäre. Der Eindruck: Thyssen-Krupp ist zum Freiwild für aktivistische Investoren geworden. Deren größter Gewinn läge darin, den Konzern zu zerschlagen.

Was nun? Am Freitag wird das Kuratorium der Krupp-Stiftung zusammenkommen. In einem Nebengebäude der Villa Hügel, dem früheren Anwesen der Familie Krupp im Essener Stadtteil Bredeney, findet eine Schicksalssitzung statt.

Elf Mitglieder müssen darüber beraten, in welche Zukunft der Industriekonzern mit seinen 150.000 Beschäftigten steuert. Erwartet wird ein klares Bekenntnis zur Einheit des Konzerns. Mit diesem Mandat soll Aufsichtsratschef Lehner einen neuen Vorstandsvorsitzenden finden. Sein Auftrag: eine Strategie zu finden, die alle Aktionäre überzeugt. Das zu tun, was Hiesinger nicht gelang.

Schicksalstage bei Thyssen-Krupp sind nichts Neues. Doch niemals stand die Stiftung und insbesondere ihr Vorsitz unter solch einem Druck und so in der Kritik. Am Vortag hieß es in Kreisen der Stiftung: „Darauf müssen wir eine Antwort finden.“

Leicht wird das nicht. Die Stiftung ist nicht frei in ihren Entscheidungen. Dem Handelsblatt liegt die schwer gehütete Satzung des Gremiums vor. Darin wird der Auftrag der Stiftung so festgelegt: „Die Einheit des Unternehmens Friedrich Krupp dem Willen seiner Vorfahren entsprechend auch für die fernere Zukunft zu wahren.“

Was genau bedeutet das? Es bahnt sich ein Glaubensstreit an. Mitarbeiter von Thyssen-Krupp werfen Gather Verrat vor. Langjährige Weggefährten von Berthold Beitz sagen, sie dürfe im Aufsichtsrat gar nicht vertreten sein. Der Firmenpatriarch habe vor seinem Tod entschieden, dass kein Kuratoriumsmitglied im Aufsichtsrat sitzen dürfe – so wie er selbst. „Es wird keinen zweiten Beitz“ geben, so die Worte des Übervaters von Thyssen-Krupp. Stiftung und Konzern sollten getrennt werden.

Doch Entscheidungen von Toten sind schwer durchzusetzen, wenn sie nicht niedergeschrieben wurden. Selbst Befürworter von Gather halten es für unwahrscheinlich, dass sie sich zurückzieht, um die Stimmung zu entschärfen. An der Universität Dortmund genießt sie unter ihren Mitarbeitern einen ambivalenten Ruf. „Machtversessen“ nennen sie die einen, „führungsstark“ die anderen. Einig sind sich beide Seiten aber darin: Gather ist ambitioniert – und sie weiß, sich durchzusetzen.

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