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US-Autobauer Chrysler geht in Insolvenz

Nun ist es amtlich: Der schwer angeschlagene US-Autobauer Chrysler ist insolvent. Das teilte das Weiße Haus am Donnerstag in Washington mit. Zuvor waren offenbar Verhandlungen mit den Gläubigern des Unternehmens über einen Schuldenerlass geplatzt. Damit sind aber noch längst nicht alle Fragen geklärt, auch im Hinblick auf Fiat.
Chrysler ist insolvent. Damit ist aber noch lange nicht geklärt, ob Fiat einsteigt oder nicht. Quelle: ap

Chrysler ist insolvent. Damit ist aber noch lange nicht geklärt, ob Fiat einsteigt oder nicht.

(Foto: ap)

HB WASHINGTON. Der am Rande der Zahlungsunfähigkeit stehende US-Autobauer Chrysler will Insolvenz anmelden. Das verlautete am Donnerstag aus US-Regierungskreisen, kurz vor Ablauf eines Ultimatums für die Vorlage eines Sanierungsplans. Zuvor waren am frühen Morgen Umschuldungsverhandlungen mit einem Teil der Gläubiger in den USA gescheitert.

Grund für den Insolvenzantrag ist nach Angaben von Gewährsleuten, dass keine Einigung über einen weitgehenden Erlass bevorrechtigter Schulden von 6,9 Mrd. Dollar (5,2 Mrd. Euro) erzielt werden konnte. Rund 40 Hedgefonds, die zusammen für etwa 30 Prozent dieses Betrags stehen, hätten eine Umschuldung zu den vorgeschlagenen Bedingungen bis zuletzt verweigert. Vier große Gläubigerbanken hätten der Umschuldung dagegen zugestimmt.

Die ehemalige Daimler-Tochter - der Stuttgarter Konzern hat am Dienstag die Abgabe des noch verbleibenden Anteils an Chrysler von knapp 20 Prozent an den Mehrheitseigner, den Finanzinvestor Cerberus, angekündigt - kann trotz der Zuspitzung der Lage offenbar noch auf eine Allianz mit Fiat hoffen. Nach Angaben eines Gewährsmanns könnte Fiat auch unter den Bedingungen eines Insolvenzverfahrens nach Chapter 11 des US-Konkursrechts eine Erklärung über die künftige Allianz mit Chrysler unterzeichnen. Chrysler könnte in einem Chapter-11-Verfahren den normalen Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten.

Der Präsident der kanadischen Auto-Gewerkschaft CAW, Ken Lewenza, hatte zuvor Fiat-Chef Sergio Marchionne mit den Worten zitiert: "Wenn ich im Moment wetten würde, dann auf ein Konkursverfahren nach Chapter 11." Es könnte dem italienischen Hersteller den geplanten Einstieg erleichtern und den Weg freimachen für eine radikale Chrysler-Sanierung unter Mithilfe frischer Staatskredite.

Die Regierung in Washington hat die Überweisung von weiteren sechs Mrd. Dollar in Aussicht gestellt für den Fall, dass Chrysler bis zum Abend einen tragfähigen Sanierungsplan vorlegt und den geplanten Einstieg von Fiat unter Dach und Fach bringt. Ohne frisches Kapital droht dem drittgrößten US-Hersteller, der derzeit wie der Rivale General Motors nur über staatliche Notkredite am Leben gehalten wird, womöglich die Liquidation. "Ich würde nichts ausschließen", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses.

US-Präsident Barack Obama hatte sich zuversichtlich über eine Chrysler-Rettung geäußert. Er sei sehr hoffnungsvoll, dass Chrysler sich als überlebensfähig erweisen könne, sagte der Präsident am Mittwoch vor Journalisten in Washington. Arbeitnehmer und Banken hätten große Opfer gebracht. Dies habe die vielversprechende Möglichkeit eröffnet, dass Chrysler die angestrebte Allianz mit dem italienischen Autobauer Fiat realisieren könne. Allerdings seien die Arbeiten an letzten Einzelheiten zwischen beiden Unternehmen noch nicht beendet. Obama hatte offengelassen, ob Chrysler als Teil seiner Umstrukturierung Gläubigerschutz beantragen wird.

In den unter Hochdruck laufenden Verhandlungen mit Gläubigern, Gewerkschaften und dem potenziellen Partner Fiat zeichnen sich immerhin weitere Fortschritte ab. Chrysler komme bei seiner Sanierung voran und arbeite unter Hochdruck an der Allianz mit Fiat, schrieb Unternehmenschef Robert Nardelli seinen Mitarbeitern. Im ersten Quartal seien die Kosten im Vergleich zum Vorjahr und auch zum Schlussquartal 2008 deutlich gesunken. Das US-Finanzministerium habe zudem die vorläufige Einigung mit einer Gläubigergruppe zum Schuldenabbau bestätigt, so Nardelli.

"Bei Chrysler schließen wir am Donnerstag", gab sich auch John Elkann, der Vertreter des Fiat-Hauptaktionärs Agnelli, zuversichtlich. Er machte dabei erneut klar, dass Fiat kein Kapital in Chrysler investieren werde. "Alle Operationen, an denen Fiat arbeitet, sehen keine Ausgaben vor - jedenfalls für den Moment", sagte er. Fiat will zunächst 20 Prozent an dem finanziell ausgezehrten US-Konzern übernehmen und dann etappenweise auf 35 Prozent aufstocken.

Für die Auto-Gewerkschaft UAW, die auf Milliardenforderungen aus ihrem Gesundheitsfonds verzichtet und Einschnitte in den Arbeitsverträgen akzeptiert, ist zunächst eine Mehrheitsbeteiligung von 55 Prozent vorgesehen. Die restlichen zehn Prozent teilen sich demnach das US-Finanzministerium und die Gläubigerbanken von Chrysler. Sollte Fiat in der Lage sein, die Staatshilfen komplett zurückzuzahlen, könnten die Italiener später auch die absolute Mehrheit übernehmen.

Zunächst bleibt Fiat-Chef Sergio Marchionne jedoch vorsichtig - aus gutem Grund. Schließlich hat sein Konzern im weltgrößten Automarkt alles andere als einen guten Ruf. Bei Amerikanern stand der Name Fiat einst für "Fix It Again Tony" (Repariere es noch einmal, Toni). Das Abenteuer US-Autobau, an dem sich zuletzt bereits Daimler und der New Yorker Finanzinvestor Cerberus vergeblich versuchten, werten Experten nicht nur aus diesem Grund als überaus riskante Wette.

"Das schafft er nie", ist sich ein hochrangiger deutscher Automanager sicher. Der Patient Chrysler hat zuletzt innerhalb weniger Monate vier Mrd. Dollar Staatshilfen verbrannt. Vor diesem Hintergrund sind sechs weitere Mrd. Dollar, die das US-Finanzministerium beisteuern könnte, kein rechter Befreiungsschlag. Marchionne beteuert derweil: "Wir geben kein Kapital. Aus dem gleichen Grund, aus dem Morgan Stanley Chrysler kein Geld leihen will, werden auch wir kein Geld geben."

Chryslers jüngstem Sanierungsplan zufolge soll die Autogewerkschaft UAW mit 55 Prozent vorübergehend größter Anteilseigner werden. Sie würde im Gegenzug auf Milliardenschulden für den Gesundheitsfonds von Betriebsrentnern verzichten. Allerdings soll sich die UAW in dieser Konstellation weitgehend auf eine Kontrollfunktion beschränken. Es wird erwartet, dass Fiat-Chef Marchionne in Kürze auch den Chefposten bei Chysler übernimmt und damit operativ die Fäden in der Hand hält. Der Gewerkschaft soll allerdings quartalsweise berichtet werden, wie sich das Unternehmen entwickelt.

Der Einstieg der Gewerkschaften ins Aktienkapital ist für Marchionne zwar eine Neuheit, aber nicht völlig abwegig. Der Italo-Kanadier an der Spitze des italienischen Autokonzerns pflegt ein gutes Verhältnis zu italienischen Gewerkschaften und hat sich in der Vergangenheit durchaus anerkennend über das deutsche System der Mitbestimmung geäußert. Seit er bei Fiat angetreten ist, hat Marchionne vor allem im Management drastisch restrukturiert, weniger bei den einfachen Arbeitern. Deren Arbeitsbedingungen hat er sogar verbessert. Entsprechend hoch ist die Anerkennung des CGIL-Gewerkschaftssekretärs Guglielmo Epifani - und die in Italien durchaus üblichen Streiks erreichten unter Marchionne Rekordtiefs.

Mit dem US-Standbein Chrysler will Fiat auf eine Produktion von vier Millionen Autos pro Jahr kommen und sich damit der Grenze von 5,5 Millionen nähern, die Marchionne anstrebt. Der Fiat-Chef hat betont, dass sein Unternehmen zu klein sei, um diese schwere Krise im Alleingang überleben zu können. Fiat hat zwar im vergangenen Jahr trotz Flaute noch 1,7 Mrd. Euro Gewinn geschrieben, verbuchte aber im ersten Quartal 2009 bereits wieder einen Verlust von 411 Mio. Euro.

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