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US-Mischkonzern Warum General Electric für Siemens nicht mehr zum Vorbild taugt

Lange orientierte sich Siemens auch am US-Rivalen. Doch der kämpft derzeit mit massiven Problemen – bis hin zum Vorwurf der Bilanzmanipulation.
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Einst galt der Mischkonzern als Inbegriff des Corporate America. Quelle: Bloomberg
Düsentriebwerksproduktion im GE-Werk in Lafayette

Einst galt der Mischkonzern als Inbegriff des Corporate America.

(Foto: Bloomberg)

New York Viele Jahrzehnte lang war General Electric (GE) für Siemens Rivale und Vorbild zugleich. Bei wichtigen Entscheidungen in der Münchener Siemens-Zentrale wurde immer auch mitgedacht: Was bedeutet das für unser Kräfteverhältnis zu GE?

Ein Wettbewerber ist der US-Konzern für Siemens noch immer. Doch seinen Status als Vorbild hat er inzwischen eingebüßt. Zu schwer wiegen die Probleme, mit denen GE seit einigen Jahren zu kämpfen hat: Überteuerte Zukäufe, Missmanagement und jetzt auch noch ein angeblicher Bilanzbetrug.

Im vergangenen Jahr ist das Unternehmen, für mehrere Generationen Inbegriff des Corporate America, sogar aus dem renommierten Dow-Jones-Aktienindex geflogen. Letzter Beleg dafür, dass der Traditionskonzern in einer der schwersten Krisen seiner 127-jährigen Geschichte steckt.

Seit fast einem Jahr steht Larry Culp als erster von außen geholter CEO der Firmengeschichte an der Spitze von GE und muss das Chaos aufräumen, das ihm seine Vorgänger überlassen haben. Culp ist nach dem glücklosen John Flannery bereits der zweite neue Vorstandsvorsitzende, seit der langjährige Chef Jeffrey Immelt im Sommer 2017 seinen Posten räumen musste. Culp trat im Oktober 2018 an. Seitdem hat sich der Aktienkurs des Unternehmens leicht erholt. Aber der Börsenwert liegt immer noch bei lediglich einem Drittel dessen, was GE vor drei Jahren wert war.

Vor allem die Elektrizitätssparte macht GE zu schaffen. Im Oktober hat Culp in diesem Bereich 22 Milliarden Dollar abgeschrieben. Die Probleme gehen vor allem auf den viel zu teuren Kauf der Energiesparte des französischen Alstom-Konzerns zurück. 2015 hatte GE 17 Milliarden Dollar für den Zukauf bezahlt. Doch kurz darauf sank weltweit die Nachfrage nach Kraftwerken für fossile Brennstoffe – Alstoms wichtigstem Produkt.

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Der Fall Alstom ist durchaus symptomatisch. Immelt wollte damals nach den Ausflügen in die Finanzwelt seines Vorgängers und Mentors Jack Welch den Konzern wieder stärker als Industriekonzern aufstellen. Aber das tat er vor allem durch Zukäufe, die sich im Nachhinein als viel zu teuer herausstellten.

Auch Immelts milliardenschwere Übernahme des Öl- und Gasunternehmens Baker Hughes erwies sich als Flop. Seit dem Kauf hat sich der Ölpreis halbiert. Culp hat in diesem September weitere Anteile verkauft, sodass GE heute nicht mehr die Mehrheit an Baker Hughes hält.

Auch die über hundert Jahre alte Eisenbahnsparte hat GE abgegeben, an den Konkurrenten Wabtech. GE hält nur noch einen Anteil von knapp zehn Prozent an dem daraus entstandenen Unternehmen. Die Biopharma-Sparte ging dagegen an den kleineren Mischkonzern Danaher, den Culp selbst einst groß gemacht hatte. Auch für das Geschäft mit klassischen Glühlampen, mit denen GE einst angefangen hatte, sucht Culp nach einem Käufer – bisher allerdings ohne Erfolg.

Bilanzbetrug im großen Stil?

Im August kamen dann auch noch schwerwiegende Betrugsvorwürfe hinzu, die den GE-Aktienkurs einstürzen ließen. Der Experte für Finanzbetrug Harry Markopolos hatte einst als Erster das Schneeballsystem von Bernie Madoff aufgedeckt. Nun wirft Markopolos GE vor, insgesamt 38 Milliarden Dollar Verluste in der Bilanz versteckt zu haben. So müsste GE nach Ansicht des Experten allein die Rückstellungen für die Pflegeversicherungssparte um 18,5 Milliarden Dollar aufstocken und auch in anderen Sparten milliardenschwere Verluste buchen.

GE weist die Vorwürfe zurück. Culp selbst hat nach dem Absturz an der Börse GE-Aktien im Wert von zwei Millionen Dollar gekauft. Auch die meisten Investoren haben sich mittlerweile wieder beruhigt. Es besteht zwar kein Zweifel daran, dass Markopolos Bilanzen besser lesen kann als die meisten Finanzanalysten. Aber viele Beobachter fragen sich, warum er mit seinem Material nicht zur Börsenaufsicht SEC gegangen ist.

Der neue CEO muss das Chaos beseitigen, das seine Vorgänger ihm hinterlassen haben. Quelle: Danaher Corporation
Larry Culp

Der neue CEO muss das Chaos beseitigen, das seine Vorgänger ihm hinterlassen haben.

(Foto: Danaher Corporation)

Stattdessen haben Markopolos und sein Team nach eigenen Angaben mit einem Hedgefonds zusammengearbeitet, der auf einen Absturz der GE-Aktie wettet und dessen Namen der Finanzexperte nicht nennt. Sollte der Hedgefonds an dem Deal verdienen, streicht Markopolos einen Teil davon ein. Dieser Interessenkonflikt weckt Zweifel an Markopolos’ Objektivität.

Es gibt allerdings auch einige Umstände, die dafür sprechen, dass die Bilanzen bei GE auch nach den Abschreibungen der vergangenen zwei Jahre noch nicht sauber sind. So untersuchen sowohl das Justizministerium wie auch die Börsenaufsicht SEC die Rückstellungen für die Pflegepolicen und auch die Buchungspraktiken im Geschäftsbereich Elektrizität. Bereits Ende Juli hatte GE bekanntgegeben, dass Jamie Miller, die mit Flannery als Finanzvorständin an Bord kam, ihr Amt niederlegen wird. Ein Nachfolger wird noch gesucht.

Wiederauferstehung oder Abstieg?

Wie geht es weiter bei GE? Die Meinungen der Analysten gehen stark auseinander. Nicholas Heymann von der Investmentbank William Blair gehört zu den Optimisten: „GEs Wiederauferstehung bleibt stabil auf Kurs“, schrieb Heymann diese Woche nach Treffen mit dem Management von GE. Die Elektrizitätssparte werde profitabler, und das werde auch der Aktie weiterhelfen. Der Vorstandsvorsitzende verlange von den Managern der Sparte, „dass sie eine kristallklare Strategie haben, wie sie ihre Märkte erobern wollen, und klare operative Prioritäten, die sich täglich, wöchentlich und monatlich messen lassen“, lobt der Analyst.

Auch der Credit-Suisse-Analyst John Walsh bemerkte jüngst, dass die Energiesparte „profitable Marktanteile gewinnt“. Walsh äußerte sich zuversichtlich, dass sich die neuen, effizienteren Kraftwerksturbinen von GE besser verkaufen werden als ihre Vorgängermodelle. Diese Zuversicht kann der bekannte GE-Kritiker Stephen Tusa von JP Morgan nicht teilen. In Zeiten, in denen der Trend hin zu erneuerbaren Energien geht, zweifelt der Analyst grundsätzlich an der Nachfrage nach Kraftwerken für fossile Brennstoffe.

Ob GE unter Culp der Wiederaufstieg gelingt, gehört zu den spannendsten Wetten, die man derzeit am US-amerikanischen Aktienmarkt eingehen kann. Aus Sicht von Siemens wäre es in jedem Fall ein Fehler, den Rivalen vorzeitig abzuschreiben.

Mehr: Harry Markopolos wirft General Electric vor, seine Zahlen frisiert zu haben. Schaden hat der prominente Ermittler damit bereits jetzt angerichtet.

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