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VCI-Prognose Warum die Chemie kriselt – und das ein Frühwarnsignal für die gesamte Wirtschaft ist

Für die Chemie ist kein Ende der Schwächephase in Sicht. Der Branchenverband VCI erwartet 2020 eine Flaute. Das ist ein schlechtes Zeichen für die Gesamtkonjunktur.
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Die Chemieindustrie rechnet für 2020 mit schwachen Geschäften. Quelle: Lanxess AG
Rote Zahlen

Die Chemieindustrie rechnet für 2020 mit schwachen Geschäften.

(Foto: Lanxess AG)

Frankfurt Die deutsche Chemieindustrie steuert in einem schwierigen Konjunkturumfeld auf die wachsenden Herausforderungen in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu. Das machte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am Dienstag deutlich, mit einer nach unten revidierten Prognose für 2019 und einem verhaltenen Ausblick für das Jahr 2020.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie insgesamt dürfte danach im kommenden Jahr ihre Produktion zwar um 0,5 Prozent steigern. Doch dazu wird nach Erwartung des VCI ausschließlich die Pharmabranche beitragen, die traditionell in den Daten mit erfasst wird. Klammert man Pharma aus, zeichnet sich für die Chemie nach dem sehr schwachen Jahr 2019 ein weiterer Produktionsrückgang um 0,5 Prozent ab. 

„Die geringe wirtschaftliche Dynamik wird sich noch weit ins kommende Jahr ziehen.“, warnte der scheidende VCI-Präsident Hans Van Bylen, der sein Amt im kommenden März an Evonik-Chef Christian Kullmann abgeben wird

Die schwache Prognose für Deutschlands viertgrößten Industriezweig versetzt allen Hoffnungen einen Dämpfer, dass die Wirtschaft der Bundesrepublik nach dem schwachen Jahr 2019 rasch zu neuem Wachstum zurückfinden könnte.

Die Chemiezahlen reflektieren die geringe Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen wie der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Als wichtiger Lieferant von Vorprodukten für diese Branchen ist die Chemieindustrie ein konjunktureller Frühindikator: Ihre Kunden reduzieren Chemie-Bestellungen bei schwacher eigener Auftragslage meist sehr schnell. 

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Gebremst wird die Branche dabei zum einen von einer weiterhin schwachen Industriekonjunktur im Inland. Hier erwarte man für 2020 bestenfalls eine Stagnation und daher auch eine verhaltene Nachfrage der heimischen Kunden. Gleichzeitig versprechen aber auch die Auslandsmärkte nach Einschätzung des VCI keine starken Impulse. 

„Die Wachstumsdynamik der chinesischen Wirtschaft lässt nach. Groß angelegte Konjunkturprogramme mit Ausstrahlung auf die weltweite Entwicklung sind unwahrscheinlich. Auch aus den USA erwarten wir keinen positiven Effekt“, sagte Van Bylen. Die US-Wirtschaft wachse zwar weiterhin robust, befinde sich aber in einer Phase der Abkühlung. Zudem sei der schwelende Handelskonflikt zwischen den USA und China nicht abschließend beigelegt.

Verschärft wird die Situation für die Chemiehersteller von einem ausgeprägten Lagerabbau bei den Kunden. Angesichts der unsicheren geopolitischen und konjunkturellen Lage und auch in Erwartung weiterer Preissenkungen halten sie sich mit Neubestellungen zurück und reduzieren zunächst ihre Bestände. 

Das hat offenbar die Geschäftsentwicklung im vierten Quartal deutlich belastet und den VCI veranlasst, seine Prognose für 2019 nochmals nach unten zu korrigieren. Für die Chemie im engeren Sinne geht der VCI jetzt davon aus, dass die Produktion der Branche 2019 um 2,5 Prozent unter Vorjahr liegen wird.

Anfang November war der Verband noch von 1,5 Prozent Minus ausgegangen. Inklusive des Pharmasektors, der von einem Sondereffekt beeinflusst wurde, dürfte der Produktionsrückgang sogar bei 7,5 Prozent liegen – gegenüber einem zuvor prognostizierten Minus von sechs Prozent.

Der starke Einbruch im Pharmabereich wird dabei maßgeblich davon beeinflusst, dass der US-Konzern Abbvie 2018 noch große Vorräte an Hepatitis-Medikamenten in Deutschland produzierte, die Herstellung 2019 aber ausgelaufen ist.

„Es könnte noch hässlicher werden“

Auch externe Experten sehen für 2020 vorerst wenig Besserung für die Chemie. „Wir erwarten keine nennenswerten konjunkturellen Impulse für die Chemieindustrie. Es könnte noch hässlicher werden, bevor sich die Situation bessert“, sagt Markus Mayer, Chemiespezialist bei der Baader Bank. Einzelne Abnehmerbranche wie die Bauindustrie oder Windkraft liefen zwar relativ gut. In der Breite aber bleibe die Nachfrage schwach, was vor allem für die Automobilindustrie als wichtigste Kundengruppe gilt. 

Im zweiten Halbjahr 2020 könnte sich die Umsatz- und Gewinnentwicklung der Firmen etwas aufhellen – allerdings weniger durch einen konjunkturellen Schub als durch einen statistischen Effekt. Weil das Chemiegeschäft in den zurückliegenden Monaten bereits einknickte, sind die Vorjahres-Vergleichswerte aus dem zweiten Halbjahr 2019 entsprechend niedrig.

Der Blick in die Unternehmen zeigt, dass sie von der Konjunkturdelle unterschiedlich stark getroffen sind. Anbieter mit ausgeprägtem Massengeschäft wie BASF und der Kunststoffhersteller Covestro verzeichneten im dritten Quartal Gewinnrückgänge zwischen 30 und 50 Prozent.

Grund dafür ist vor allem ein starker Rückgang der Margen im Geschäft mit Basischemikalien und Kunststoffen. Hier wird die Branche davon belastet, dass in Asien und Nordamerika relativ umfangreiche neue Kapazitäten in Betrieb genommen wurden, während gleichzeitig die Nachfrage abkühlte. Das führte zu starkem Preisdruck. 

Besser schlugen sich in diesem Umfeld die auf Spezialchemie fokussierten Firmen wie Evonik und Lanxess. Branchenexperten rechnen damit, dass auch im kommenden Jahr die Geschäfte in der Spezialchemie besser laufen werden als in der Basischemie.

Die Hersteller profitieren in diesem Bereich von engen Kundenbeziehungen und dem Fokus auf Abnehmer in der noch stabil laufenden Kosmetik- und Ernährungsbranche. Chemieexperte Mayer geht daher davon aus, dass sich die europäische Chemie noch stärker auf Spezialprodukte ausrichten wird. „Das wird einer der Treiber für weitere Übernahmen, Verkäufe oder Abspaltungen sein“, sagt er.

Insgesamt wird die deutsche Chemiebranche von der Konjunkturflaute in einer schwierigen Phase getroffen: Es gilt steigenden Anforderungen im Klimaschutz und bei der Vermeidung von Kunststoffabfällen gerecht zu werden. 

„Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen mit Blick auf Klimaneutralität“, warnt der neue VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. „Von daher wäre es Gift für die Industrie, wenn sich nun die Politik wieder intensiv mit dem Koalitionsvertrag beschäftigen würde.“

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Vor allem eine kurzfristige Verteuerung der CO2-Emissionen wäre für die Branche mit Blick auf die internationale Konkurrenzfähigkeit problematisch. Denn in dieser Hinsicht steht die Branche ohnehin bereits unter Druck, wie jüngst eine neue Langfrist-Analyse zeigte, die der VCI in Kooperation mit dem Schweizer Forschungs-Institut Prognos erstellte. 

Die deutsche Chemiebranche (ohne Pharma) muss sich danach für die kommenden drei Jahrzehnte für ihre angestammten Geschäftsaktivitäten auf ein durchschnittliches Wachstum von nur etwa 0,6 Prozent pro Jahr einstellen.

„Der Innovationsvorsprung deutscher Chemieunternehmen schmilzt, da die Schwellenländer technologisch rasch aufholen“, heißt es in der Studie. Nachteilig wirkten sich ferner die im Vergleich hohen Rohstoff- und Energiekosten in Deutschland aus.

Das trifft vor allem die Basischemie-Produktion, die nach Schätzung des VCI in Deutschland bis 2050 von derzeit 52 auf etwa 44 Milliarden Euro schrumpfen dürfte. Hinzu kommt der Effekt, dass durch den zunehmenden Protektionismus in vielen Schwellenländern die lokalen Produktionskapazitäten überproportional ausgeweitet werden. 

Für die Chemiefirmen wird es in diesem Umfeld stark darauf ankommen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Zusätzliche Wachstumschancen ergeben sich etwa durch produktbegleitende Dienstleistungen oder neue Recyclinglösungen.

Van Bylen bekräftigte die Bereitschaft und technische Fähigkeit der Branche, ihre Produktion bis 2050 auf weitgehend Treibhausgas-neutrale Verfahren umzustellen.

Dafür allerdings sind nach Schätzung des Verbandes 45 Milliarden Euro an Investitionen erforderlich und zudem eine Versorgung mit sehr großen Mengen an Strom aus erneuerbaren Energien. Und dies zu einem deutlich günstigeren Preis als heute. „Dieser Kraftakt lässt sich nur gemeinsam von Industrie, Politik und Gesellschaft bewältigen“, so der VCI-Präsident.

Mehr: Evonik-Chef Christoph Kullmann löst Hans Van Bylen ab und soll dem VCI ein politisch stärkeres Gewicht geben. Traditionell wird die Spitze vom Chef eines der großen Branchenkonzerne besetzt.

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