Opel in Rüsselsheim

In dem Entwicklungszentrum arbeiten aktuell etwa 7000 Menschen.

(Foto: dpa)

Verhandlungen gestartet Opel will bis zu 2000 Mitarbeiter auslagern

Nach der Übernahme durch PSA sollen 2000 Entwickler zu einem französischen Zulieferer wechseln. Die IG Metall fürchtet um die DNA von Opel.
Update: 05.09.2018 - 18:27 Uhr Kommentieren

DüsseldorfDie Entwicklungsabteilung ist das Herz eines jeden Autoherstellers. Dort läuft alles zusammen, was ein Auto ausmacht: Motoren, Karosserie, Design. Auch bei Opel, dem angeschlagenen Hersteller aus dem hessischen Rüsselsheim, ist das so.

Im Entwicklungszentrum ITEZ arbeiten bislang noch mehr als 7000 Ingenieure. Opel kommt in Deutschland insgesamt auf etwa 18.000 Beschäftigte. Das zeigt, wie stark das Gewicht der Entwickler tatsächlich ist.

Doch die Verluste bei Opel sind gewaltig. Fast 20 Milliarden Euro waren es in den beiden zurückliegenden Dekaden im Konzernverbund unter General Motors. Die 500 Millionen Euro operativer Gewinn unter der neuen Muttergesellschaft PSA sind vor diesem Hintergrund nur ein erster Hoffnungsschimmer. Opel muss noch weiter mit den Kosten herunter, um dauerhaft profitabel zu werden. Auch im Entwicklungszentrum.

Dort kündigen sich jetzt die ersten größeren Veränderungen an. Opel will einen Teil des ITEZ auslagern und an ein anderes Unternehmen weiterreichen. 2000 Arbeitsplätze gehen voraussichtlich an das französische Familienunternehmen Segula Technologies, einen Entwicklungsdienstleister aus dem Großraum Paris, der bereits für PSA tätig ist.

Angestrebt sei eine „strategische Partnerschaft“ mit Segula, sagte Opel-Chef Michael Lohscheller am Mittwoch in Rüsselsheim. Die ITEZ-Bereiche würden im Falle einer Einigung zu 100 Prozent an Segula übergehen. Das französische Unternehmen würde Anlagen aus der Fahrzeug- und der Antriebsentwicklung übernehmen. Opel-Ingenieure, die zu Segula wechseln, sollen weiter für ihren bisherigen Arbeitgeber tätig sein: Beide Seiten haben demnach ein festes Auftragsvolumen vereinbart.

Segula habe ein „sehr überzeugendes Zukunftskonzept“ zum Ausbau seiner Kapazitäten in Deutschland vorgelegt, ergänzte Lohscheller. So wolle das weltweit tätige Unternehmen mit 11 000 Mitarbeitern in Rüsselsheim seine Zentrale für Nordeuropa errichten.

„Wir werden den Vorschlag dieser strategischen Partnerschaft nun im Detail mit unseren Sozialpartnern diskutieren“, kündigte Lohscheller an. „Wir wollen das natürlich zügig zu einem Abschluss bringen. Denn dann haben wir wirklich die Arbeitsplätze gesichert und eine gute Zukunftsperspektive für alle hier.“

An die bis 2023 zugesagte Beschäftigungsgarantie werde sich auch Segula halten. Die Ingenieure sollen künftig aber auch für andere Auftraggeber arbeiten. Segula verspricht sich davon eine bessere Auslastung seines künftigen ITEZ-Anteils. Das französische Unternehmen nimmt beispielsweise auch Entwicklungsaufträge aus dem Bereich Schienenverkehr an.

Im PSA-Konzernverbund werden die Dienste der Opel-Entwickler seltener gebraucht. Die Franzosen haben eine eigene Entwicklungsabteilung mit rund 13 000 Technikern und kein Interesse an teuren Doppelstrukturen. Und das ITEZ leidet an Überkapazitäten von etwa 40 Prozent, die sich auch noch ausweiten dürften. Der Grund: Das Volumen jener Aufträge, die Opel für den früheren Eigentümer General Motors (GM) abarbeitet, ist stark rückläufig. GM hatte alte Entwicklungsaufträge, die eigentlich noch länger gelaufen wären, vorzeitig zum Jahresende gekündigt.

Ursprünglich hatte Opel eine viel weiter reichende Kooperation für das ITEZ angedacht. Das geht aus einer internen Strategiepräsentation des ebenfalls in Frankreich beheimateten Entwicklungsdienstleisters Altran hervor, der lange als aussichtsreichster Kooperationspartner für das ITEZ von Opel galt.

In dem Entwicklungszentrum arbeiten aktuell etwa 7.000 Menschen. Quelle: dpa
Opel in Rüsselsheim

In dem Entwicklungszentrum arbeiten aktuell etwa 7.000 Menschen.

(Foto: dpa)

Das Papier mit dem Titel „Mega-Deal“ und dem Codenamen „Greenland“ liegt dem Handelsblatt vor und gewährt tiefe Einblicke in den ursprünglichen Verkaufsprozess. Demnach wollte Opel eigentlich außer der Antriebssparte und der Fahrzeugentwicklung auch den Werkzeugbau und das Testzentrum Dudenhofen veräußern. Die Bereiche hätten 3 980 Ingenieure und Techniker sowie 160 Prüfstände und 27 Gebäude umfasst.

Laut den internen Management-Präsentationen von Altran bemüht sich Opel schon seit Monaten um einen Käufer für die Kernsparten. Demnach fanden die ersten Gespräche mit Interessenten dazu bereits im September und Oktober 2017 statt, also schon bald nach der Übernahme von Opel durch den PSA-Konzern. Die Rothschild Bank, die als Mittler in dem Prozess agierte, bat Altran am 2. Februar um die Abgabe eines unverbindlichen Angebots. Die Franzosen antworteten am 4. April und diskutierten im selben Monat mit Opel ihre Strategie.

Die Verkaufsgespräche mit Altran waren weit fortgeschritten. Um Teile des ITEZ loszuwerden, war Opel offenbar zu erheblichen Zugeständnissen bereit. So konnte sich der Autohersteller vorstellen, die Gesamtbetriebskosten für die vier zum Verkauf angebotenen Bereiche zwei Jahre lang weiterzubezahlen. Das hätte laut den Altran-Papieren einem Betrag von einer Milliarde Euro entsprochen.

Falls die Regularien der deutschen Mitbestimmung für Probleme gesorgt hätten, wäre Opel möglicherweise darüber hinaus noch zu Ergebniskompensationen bereit gewesen. Doch Altran schien das alles nicht auszureichen. „Wir haben […] angegeben, dass wir mehr Unterstützung benötigen“, schrieben die Franzosen schon im April.
Auf den ersten Blick seien die Opel-Ingenieure „nicht wettbewerbsfähig“, heißt es in den Papieren. Die ITEZ-Beschäftigten seien „alt, vertraglich geschützt, teuer und beinhalten einfache Arbeiter“. Den Einsparungsbedarf bezeichnete Altran als „sehr hoch“. Von den deutschen Arbeitnehmervertretern hielt Altran zudem reichlich wenig. „Das Eindringen der Gewerkschaft IG Metall in unser Geschäftsfeld muss verhindert werden“, heißt es in den Unterlagen.

Am Ende winkte Altran ab. Auf eine Anfrage des Handelsblatts von Anfang August, ob Altran kurz davor stehe, Teile von Opel zu übernehmen, antwortete eine Unternehmenssprecherin schriftlich: „Altran ist nicht an diesem spezifischen Deal beteiligt.“ Mit Segula sind die Verhandlungen offenbar erfolgreicher verlaufen. Das Opel-Management ist sich mit den Franzosen ziemlich weitgehend einig geworden. Jetzt braucht Opel-Chef Lohscheller noch die Zustimmung der Arbeitnehmer.

Doch das ist auch ein Problem. Die Arbeitnehmerseite zeigte sich am Mittwoch sehr verärgert darüber, dass sie nicht vorab über die Segula-Pläne informiert worden war. „Wer glaubt, Arbeitnehmervertreter seien dazu da, Entscheidungen des Managements nachträglich abzunicken und dann widerspruchslos bei der Umsetzung mitzuwirken, produziert harte Konflikte“, schimpfte Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte. Die Konzernmutter PSA habe immer noch Probleme mit der deutschen Mitbestimmung und lasse einen fairen Umgang mit den Betriebsräten vermissen. „Veräußert man das Entwicklungszentrum, beraubt man Opel seiner DNA“, warnte Köhlinger zugleich.

Wie aus Unternehmenskreisen verlautete, soll es am Donnerstag ein erstes Treffen von Management und Betriebsrat zur geplanten Segula-Übernahme geben. Vielleicht kann das die Gemüter in Rüsselsheim wieder beruhigen.

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