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Verkehrssysteme Kapsch erwartet langen Streit um geplatzte Autobahnmaut

Der österreichische Konzern ist in die roten Zahlen gerutscht. Von der deutschen Regierung verlangt der Mautbetreiber einen Schadenersatz von 560 Millionen Euro.
16.06.2020 - 13:15 Uhr Kommentieren
Der börsennotierte Konzern verlangt von der deutschen Regierung einen Schadensersatz von 560 Millionen. Quelle: Imago
Georg Kapsch

Der börsennotierte Konzern verlangt von der deutschen Regierung einen Schadensersatz von 560 Millionen.

(Foto: Imago)

Wien Der österreichische Mautbetreiber Kapsch TrafficCom rechnet nicht mit einer schnellen Entscheidung im Streit mit der deutschen Regierung um die gekippte Autobahnmaut in Deutschland. „Wir erwarten kein Ergebnis im Sommer oder Herbst. Das dauert länger“, sagte Vorstandschef Georg Kapsch auf Anfrage des Handelsblatts zu den laufenden Verhandlungen.

„Wir hatten den größten Auftrag in der Firmengeschichte, der überraschend aufgelöst wurde“, ärgert sich der seit fast zwei Jahrzehnten amtierende Vorstandschef. „Das hat uns schwer getroffen, weil wir die ganze Organisation darauf eingestellt haben.“ Der börsennotierte Konzern verlangt zusammen mit den Unternehmen CTS Eventim und Autoticket von der deutschen Regierung einen Schadensersatz von 560 Millionen wegen der geplatzten Autobahn-Maut.

Kapsch fordert eine rasche Lösung im Streit mit dem Verkehrsministerium in Berlin. „Je früher, desto besser. Es im Sinne der deutschen Bürger und des Unternehmens“, sagte der Manager mit guten Verbindungen zum österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Deutschland bestreitet die Schadensersatzansprüche der früheren Betreiber des Mautsystems in Deutschland. Das Verkehrsministerium strebt eine außergerichtliche Lösung mit den Mautbetreibern an.

Im Juni vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof über eine Klage der österreichischen Regierung entschieden und die geplante Autobahnmaut für Ausländer in Deutschland gekippt. Die Luxemburger Richter sahen darin eine Diskriminierung von ausländischen Fahrzeughaltern. Damit war das Prestigeprojekt der CSU und ihres Verkehrsministers Andreas Scheuer vom Tisch. Mit den Folgen beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss des Bundestages.

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    Auf die österreichische Regierung, welche die Klage in Luxemburg angestrengt hatte, ist CEO und Großaktionär Kapsch noch immer nicht gut zu sprechen. „Die Österreicher haben sinnloserweise geklagt“, kritisierte Kapsch bei der Bilanzvorlage am Dienstag. Damit seien Arbeitsplätze im eigenen Land vernichtet worden. Die Verträge über die deutsche Autobahnmaut sind nach Unternehmensangaben Ende September geendet. „Das schmerzt natürlich massiv“, sagte der Konzernchef. „Für Deutschland tragen wir nicht die Verantwortung. Wir haben gut verhandelt.“

    Die Folgen der Entscheidung sind in der jüngsten Bilanz nachzulesen. Die Kündigung des deutschen Mautvertrags schlug mit minus neun Millionen Euro durch. Hinzu kommen noch zahlreiche andere Probleme – beispielsweise in Nordamerika. Aus Personalmangel konnte dort der ansonsten gute Auftragsbestand nicht abgearbeitet werden. Noch härter als das Ende der Autobahnmaut in Deutschland traf das Unternehmen der katastrophale Geschäftsverlauf in Sambia – 27 Millionen Euro standen dort negativ zu Buche.

    Klage wegen geplatzter Maut in Tschechien

    Die Kapsch TrafficCom, die mit ihren Verkehrssystemen in über 50 Ländern aktiv ist, hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/2020 rote Zahlen geschrieben. Der Verlust belief sich auf 48 Millionen Euro. Im Vorjahr wurde noch ein Gewinn von knapp 48 Millionen Euro erzielt. Der Umsatz der Kapsch TrafficCom stagnierte bei 731 Millionen Euro (Vorjahr: 738 Millionen Euro).

    Die Nettoverschuldung steigt um 103 Millionen Euro auf 176 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Der Vorstand schlägt eine Kürzung der Dividende von zuletzt 1,50 Euro auf 0,25 Euro je Aktie vor. Im nächsten Jahr verspricht Kapsch wieder einen positiven Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit).

    Neben der deutschen Maut verlor Kapsch auch den langjährigen Betreibervertrag für Tschechien. Das kostete im vergangenen Geschäftsjahr zwei Millionen Euro. Die Entscheidung für einen Wettbewerber in Tschechien ärgert die Österreicher. „Die Ausschreibung ist nicht sauber gelaufen. Damit bricht uns ein Umsatz von 70 Millionen Euro weg“, sagt der 61-jährigen Firmenchef. Bereits seit zwei Jahren geht er dagegen rechtlich vor. „Das lassen wir uns nicht gefallen.“

    Der Aktienkurs hatte sich innerhalb eines Jahres fast halbiert. Immer neue Gewinnwarnungen schickten das Papier in den Keller. Die Coronakrise hat dann ihr übriges getan. Am Dienstagmittag gewann die Kapsch-Aktie an der Wiener Börse aber um 2,7 Prozent auf 9,25 Euro. Derzeit empfiehlt keiner der sechs Analysten, die das Unternehmen beobachten, die Aktie zum Kauf. Fast ausnahmslos empfehlen Marktbeobachter wie die Erste Group oder Raiffeisen Centrobank, das Papier zu halten.

    Die Aussichten sind dennoch ungewiss. Angesichts der Pandemie gibt das Unternehmen keinen verlässlichen Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr. „Die Auswirkungen von Corona wissen wir noch nicht. Es gibt Verzögerungen bei Projekten“, sagte Kapsch.

    Im Sommer entscheidet das Familienunternehmen zudem über eine neue Strategie. Nach Unternehmensangaben fließen jährlich rund 900 Milliarden Dollar in die globale Verkehrsinfrastruktur. Statt auf riskante Großprojekte wie Deutschland will Kapsch auf kleinere und mittlere Projekte setzen. Es ist noch nicht entscheiden, ob das weitere Wachstum über Zukäufe oder doch organisch erfolgen soll.

    „Jedes Unternehmen muss sich alle fünf bis zehn Jahre neu erfinden“, sagte Kapsch angesichts der technologischen Dynamik wie der Vernetzung von Fahrzeugen. „Wir bauen ein Mautdienstleistungsgeschäft auf – auch ein B-to-C-Geschäft.“ Seit vergangenem Jahr wird stark in eine Kundenbasis investiert. „Wir bleiben dem Verkehr treu“, versprach der CEO. Für die Neuausrichtung seines Konzerns wird Georg Kapsch künftig mehr Zeit haben. Am Donnerstag gibt er seine Aufgabe als Präsident der Industriellenvereinigung Österreich – eine Art rot-weiß-roter BDI – ab. Unter den drei Kandidaten für die Nachfolge ist der frühere Chef des Stahlkonzerns Voestalpine, Wolfgang Eder.

    Mehr: Deutsche Pkw-Maut verstößt gegen EU-Recht.

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