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Stahlkocher am Hochofen

Ein Mitarbeiter der Salzgitter AG arbeitet vor einem angestochenen Hochofen. Der Konzern rechnet für 2019 mit einem Verlust.

(Foto: dpa)

Verluste und Jobkürzungen Europas Stahlhersteller geraten erneut in die Krise

Die Stahlindustrie in der EU leidet am Strukturwandel in der Autoindustrie, Druck aus dem Ausland – und an hausgemachten Problemen. Zumindest an einer Stelle kann Brüssel helfen.
19.12.2019 - 09:16 Uhr Kommentieren

Düsseldorf 1200 gestrichene Stellen bei Thyssen-Krupp, 1500 bei der Stahl-Holding Saar, 3000 bei Tata Steel Europe: Angesichts der schlechten Konjunkturlage planen immer mehr Stahlkonzerne in Europa einen massiven Jobabbau. Die anhaltenden Strukturprobleme in der Automobilindustrie, das raue Handelsklima und der Druck zunehmender Importe aus Nicht-EU-Ländern drücken auf die Ergebnisse der Unternehmen.

Reihenweise haben die Stahlfirmen in den vergangenen Monaten ihre Prognosen gesenkt. Wie zuletzt an diesem Montag die österreichische Voestalpine, die angesichts sich verschlechternder Aussichten eine kurzfristige Wertberichtigung einiger Anlagen in Österreich, Deutschland und den USA in dreistelliger Millionenhöhe vornehmen musste – und für das Geschäftsjahr 2019/20, das bis zum März läuft, mit einem Gewinn knapp oberhalb der Nulllinie rechnet.

„Wir sehen keine positiven Zeichen“, sagte Vorstandschef Herbert Eibensteiner Anfang der Woche in einer Telefonkonferenz. „Wir stellen uns auf ein weiteres schwieriges Jahr ein.“ Dabei ist das Unternehmen aus Linz gerade noch glimpflich davon gekommen.

Andere hat es noch härter getroffen als die Voestalpine, die als margenstärkstes Unternehmen der Branche gilt. So lief bei Thyssen-Krupps Stahlsparte im vergangenen Jahr ein Verlust (Ebit) von 123 Millionen Euro auf. Auch Tata Steel Europe, nach Thyssen-Krupp die Nummer Drei in der EU und einstiger Wunsch-Fusionspartner, kämpft mit spürbaren Gewinnrückgängen und will seine Kosten in der Verwaltung drastisch kürzen.

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Standort erkennen

    Kein Zweifel: Es herrscht wieder Stahlkrise in Europa. Zwischen Januar und Oktober ging die Stahlproduktion in der EU um 3,6 Prozent zurück. Erste Analysten sprechen Verkaufsempfehlungen aus. Denn derzeit scheint kein Ende der Turbulenzen in Sicht.

    Neben dem gestiegenen Preis für Eisenerz, der binnen Jahresfrist um gut 37 Prozent zugelegt hat, leiden die Hersteller vor allem an der ausbleibenden Nachfrage aus der Autoindustrie. Von BWM über Daimler bis VW fahren die Hersteller schrittweise ihre Investitionen in traditionelle Antriebsarten zurück. Die Investitionen in E-Mobilität nehmen zwar, kompensieren aber den Rückgang noch nicht.

    Deshalb sind ausgerechnet jene Stahlhersteller besonders von der Krise betroffen, die ihr Geschäft auf das margenstarke Geschäft mit dem Automobilbau ausgerichtet haben. So zum Beispiel Thyssen-Krupp: Zwar erzielt der Konzern nur 50 Prozent seines Umsatzes mit Kunden aus der Automobilindustrie. Doch der Anteil am Gewinn ist mit über 90 Prozent deutlich höher – und damit entscheidender als das restliche Produktportfolio.

    Auch bei der Voestalpine entfällt ein Teil der Wertberichtigungen auf das neue Automotive-Werk in Cartersville im US-Bundesstaat Georgia. Der Konzern aus Linz produziert dort seit einigen Jahren ultrahochfeste Karosseriebauteile für die dortige Autoindustrie und hat seine Kapazitäten in den USA seit 2014 kontinuierlich ausgebaut.

    Seit der letzten Ausbaustuf hat der Standort in Cartersville jedoch immer wieder mit Problemen gekämpft. So dauert der Hochlauf nun schon sehr viel länger als ursprünglich geplant. Nun sollen die Personalkapazitäten erweitert werden, wodurch die ursprünglich kalkulierten Ergebnisse wohl nicht mehr erzielt werden können. Immerhin zeichne sich nun ein „Ende der technischen Herausforderungen“ ab, so Vorstandschef Eibensteiner.

    Importe in die EU steigen

    Während die Nachfrage sinkt, machen den Herstellern gleichzeitig steigende Importe aus dem Ausland zu schaffen. Denn durch die Stahlzölle in den USA ist der Importdruck auf den europäischen Markt gestiegen – durch sogenannte Umlenkungseffekte, also durch Importe, die zuvor in die USA gegangen wären, aber nun in die EU geliefert werden.

    Zwar hat die EU-Kommission mittlerweile mit entsprechenden, aber WTO-konformen Schutzzöllen auf die Maßnahmen reagiert, die auch solche gestiegenen Importe aus anderen Ländern umfasst. Doch jedes Jahr wird die erlaubte Menge erhöht – erst um jährlich fünf, mittlerweile um drei Prozent.

    Nach Berechnungen der Wirtschaftsvereinigung Stahl lagen die Importe in der EU in den ersten sieben Monaten des Jahres 2019 so rund zehn Prozent höher als im vergleichbaren Zeitraum 2017. „Die Europäische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, die EU-Stahlindustrie wirkungsvoll vor Umleitungseffekten zu schützen“, kritisiert Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der WV Stahl. „Dieses Versprechen wurde bislang nicht erfüllt.“

    Eines der Probleme sind dabei die Kostennachteile, die den europäischen Herstellern im Vergleich zu einigen ausländischen Produzenten durch den europäischen Emissionsrechte-Handel entstehen. Pro Tonne Stahl emittieren die Stahlkocher im Schnitt 1,3 Tonnen CO2. So entsteht theoretisch ein Preisaufschlag von derzeit gut 31 Euro. Bei einem Preis von zuletzt rund 435 Euro je Tonne Warmband in Europa macht das immerhin einen Anteil von sieben Prozent.

    In der Praxis jedoch bekommen die Hersteller einen Teil dieser Zertifikate kostenlos zugeteilt. Deckte diese Menge die Emissionen der Stahlbranche anfangs lange weitgehend ab, werden die zugeteilten Zertifikate nun immer weniger. Weshalb es wahrscheinlich ist, dass der Preis für Emissionen – derzeit rund 24,20 Euro je Tonne CO2 – langfristig steigen wird.

    Die neue EU-Kommission unter Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU) will den Kostennachteil der EU-Produzenten im Rahmen des „Green New Deal“ beheben. Mittels eines Grenzsteuerausgleichs sollen importierte Produkte, einschließlich Stahl, je nach ihrer CO2-Bilanz mit denselben Kosten belegt werden wie in der EU produzierte Produkte.

    „Der Grenzausgleich muss so schnell wie möglich in Kraft treten“, lobte der Generaldirektor des europäischen Stahlverbands Eurofer, Axel Eggert, vor wenigen Tagen. „Wir brauchen einen regulatorischen Rahmen, der auf dem CO2-Fußabdruck über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg basiert.“

    Machtlos ist die Politik hingegen bei hausgemachten Problemen. So leidet etwa Thyssen-Krupp an den Folgen eines jahrelangen Investitionsstaus, der infolge der Fusionspläne mit Tata Steel Europe entstanden war. Um aufzuholen, muss der Konzern nun viel Geld in die Hand nehmen – während nicht zu erwarten ist, dass sich die Lage bald bessert.

    Auch Tata kämpft seit Jahren mit einzelnen defizitären Werken, vor allem in Großbritannien. Wie sich dort darüber hinaus der bevorstehende Brexit auf das Geschäft auswirken wird, scheint derzeit kaum abzusehen. 3000 Stellen hat Tata Steel in Europa zur Disposition gestellt. Betroffen sind auch die Werke in den Niederlanden.

    Mehr: Das konjunkturelle Umfeld zwingt die österreichische Voestalpine zur zweiten Prognosesenkung in zwei Monaten. In Deutschland sollen nun Arbeitsplätze wegfallen.

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