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Verstöße gegen Finanzmarktregeln Nissan-Chefaufseher Ghosn wegen Untreuevorwürfen festgenommen

Carlos Ghosn, der Konzernchef von Nissan-Renault, ist in Japan festgenommen worden. Er soll Konzerngelder für private Zwecke veruntreut haben.
Update: 19.11.2018 - 15:22 Uhr Kommentieren
Der 64-Jährige steht angeblich im Verdacht, sein eigenes Einkommen in den Jahresabschlüssen zu niedrig angesetzt zu haben. Quelle: Reuters
Carlos Ghosn

Der 64-Jährige steht angeblich im Verdacht, sein eigenes Einkommen in den Jahresabschlüssen zu niedrig angesetzt zu haben.

(Foto: Reuters)

TokioDas Ende des letzten Sonnenkönigs der Autoindustrie scheint um 22.02 Uhr Ortszeit in Tokio besiegelt. Nissan-Konzernchef Hiroto Saikawa trat vor die Kameras, um öffentlich mit seinem Konzernchef abzurechnen. Über Jahre hatte Carlos Ghosn den Konzern unumstritten geführt, die Marken Renault und Nissan saniert, ihn zu einem der größten Autobauer der Welt gemacht.

Doch die Vorwürfe, die an diesem Montag bekannt wurden, dürften der Karriere des Automanagers ein jähes Ende bereiten. „Wir haben bedeutendes Fehlverhalten von Ghosn festgestellt“, erklärte Nissan-Chef Saikawa. Nach Hinweisen eines Whistleblowers hatte das Unternehmen das Gebaren seines Chefs über Monate untersucht.

Am Ende lag der Schluss nahe, dass Ghosn Firmengelder für private Zwecke verwendet und über Jahre falsche Angaben zu seinem Einkommen gemacht hat. Der 64-Jährige, der auch Vorstandschef des französischen Autobauers Renault ist, soll sich daran persönlich bereichert haben. Über fünf Jahre soll Ghosn insgesamt fünf Milliarden Yen (etwa 40 Millionen Euro) zu wenig angegeben haben, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Eigentlich war Ghosn nach Japan gereist, um am Mittwoch auf einer großen Veranstaltung mit Yuriko Koike, der Gouverneurin der Tokioter Stadtregierung, über Elektroautos zu sprechen. Stattdessen wurde er am Montag von Ermittlern in Tokio festgenommen. Er habe sich bereiterklärt, mit der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten und sei wegen der Vorwürfe bereits verhört worden. Die Staatsanwaltschaft Tokio ermittelt wegen Steuerhinterziehung und falscher Buchführung.

„Es ist unnötig zu sagen, dass dies Handlungen sind, die das Unternehmen nicht tolerieren kann“, betont auch Nissan-Chef Saikawa, der persönlich von Ghosn eingesetzt worden war. Die Vorwürfe reichen für eine Entlassung, da seien sich die Anwälte des Unternehmens einig. Noch diese Woche will Nissan in einer außerordentlichen Vorstandssitzung die Trennung offiziell vollziehen. Auch der „Meister des Vorfalls“, der Vorstand Greg Kelly, werde aus dem Amt entfernt.

Außerdem wird der Vorstand einen unabhängigen Untersuchungsausschuss einführen, der dem Vorfall auf den Grund gehen soll.

Denn der Skandal sei vor allem ein Resultat „der übergroßen Konzentration der Macht“ gewesen, betonte Saikawa. „In der Zukunft wollen wir sicherstellen, dass wir nicht von einzelnen Individuen abhängen.“ Ghosn eilt branchenweit der Ruf voraus, sein Autoreich wie ein Alleinherrscher zu regieren und eine Macht auszuüben, die Erinnerungen an den einstigen VW-Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch wachwerden lassen.

An der Börse sorgt der Skandal um Ghosn nicht umsonst für Turbulenzen: Die Aktie von Renault fiel nach dem Bericht um zwischenzeitlich etwa 15 Prozent auf 55,42 Euro – ein neues Vier-Jahres-Tief. Die in Frankfurt notierten Titel von Nissan gaben zeitweise um 11,3 Prozent nach.

Denn Ghosn schien noch vor wenigen Stunden unverzichtbar für den Konzern. Der in Brasilien geborene Franzose mit libanesischen Wurzeln hatte in den vergangenen Jahren aus den beiden japanischen Autobauern Nissan und Mitsubishi sowie dem französischen Konzern Renault eine Allianz geschmiedet, die es bei den Verkäufen mit Branchengrößen wie Volkswagen und Toyota aufnehmen kann.

Mit 10,66 Millionen verkauften Fahrzeugen landete die französisch-japanische Allianz im vergangenen Jahr sogar knapp vor dem VW-Konzern, der global 10,53 Millionen Fahrzeuge verkaufen konnte.

Diesen Erfolg verdankt das Unternehmen vor allem Ghosn, der erst Renault und dann Nissan sanierte. Bei Renault hatte Ghosn 2005 den Chefposten von Vorgänger Louis Schweitzer übernommen. Sein Umbauplan führte in Frankreich zu viel Widerspruch. In der Branche eilte ihm seitdem der Spitzname „Le Cost Killer“ voraus.

Zuletzt arbeitete er daran, den Zukauf Mitsubishi zurück auf die Erfolgsspur zu führen, der nach Skandalen um manipulierte Abgaswerte in Schieflage geraten war. Dafür hatte Ghosn im April 2017 die Führung bei Nissan abgegeben und an Saikawa übertragen.

Aktienkurse von Nissan und Renault brechen ein

Seine Erfolge in den vergangenen Jahren ließ sich Ghosn auch gut bezahlen: 2017 kassierte er 735 Millionen Yen (5,7 Millionen Euro) von Nissan, 227 Millionen Yen (1,76 Millionen Euro) von Mitsubishi und 7,4 Millionen Euro von Renault. Damit gehörte er zu den bestbezahlten Automanagern der Welt.

Noch 2016 wollte sich Ghosn von den Aktionären eine höhere Bezahlung zusichern lassen, fiel mit diesem Vorhaben aber durch. Die französische Regierung unter dem damaligen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron überzeugte Ghosn, seine Bezüge um ein Drittel zu reduzieren. Der französische Staat hält immerhin noch 15 Prozent am Autobauer. Die jüngsten Skandale kommentiert das französische Wirtschaftsministerium darum bislang nicht.

In Japan geht die Presse, die sonst für ihre Zurückhaltung bekannt ist, dagegen hart mit dem Manager ins Gericht. „Die Entlohnung von Ghosn war schon lange umstritten“, betont Nihon Keizai Shimbun (Nikkei), die nach Auflage größte Wirtschaftstageszeitung der Welt. In einem Land, in dem Konzernbosse im Vergleich zu anderen Industrienationen eher gering vergütet werden, hält man die kolportieren Verstöße moralisch für kaum verzeihbar. „Der Verlust des Ansehens ist ein schwerer Schlag“, titelte die japanische Zeitung Sankei Shimbun.

Und auch Nissan-Chef Saikawa gab sich bei der Pressekonferenz zu den Vergehen seines Chefs persönlich. „Es ist sehr schwer, meine Gefühle in Worten auszudrücken“, sagte er. „Ich fühle große Enttäuschung und Verzweiflung.“ Selbst das Top-Management habe erst am Montag von den Anschuldigungen erfahren.

„Wir erwarten keinen großen Einfluss auf das operative Geschäft von Nissan“, versuchte der Nissan-Chef die verunsicherten Anleger zu beruhigen. Beim französischen Schwesterunternehmen sehe das anders aus. „Dies wird einen großen Einfluss auf Renault haben“, sagte Saikawa. Die Allianz der drei Autobauer sei aber durch die Vergehen Ghosns nicht in Gefahr.

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