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Videobotschaft Carlos Ghosn beteuert seine Unschuld: „Dies ist eine Verschwörung“

Der ehemalige Autoboss erhebt aus dem Gefängnis heraus schwer Vorwürfe gegen Nissan-Manager. Aber neue Anschuldigungen werden für ihn gefährlich.
Update: 09.04.2019 - 12:35 Uhr Kommentieren
Seit Donnerstag ist der Ex-Nissan-Chef wieder in Haft. Quelle: AFP
Carlos Ghosn

Seit Donnerstag ist der Ex-Nissan-Chef wieder in Haft.

(Foto: AFP)

TokioCarlos Ghosn dürfte am Dienstag wahrscheinlich regungslos auf einer Reisstrohmatte in seiner Gefängniszelle gesessen haben, als er die Gegenoffensive gegen seine Verhaftung begann. Denn das müssen Häftlinge in der Regel in Japan so tun, wenn sie nicht gerade verhört werden.

Immerhin genoss Ghosn am Dienstag einen großen Vorteil gegenüber japanischen Schicksalsgenossen: Er konnte auch aus der Haft seine Stimme erheben – mit einer Videobotschaft, die er am Tag vor seiner vierten Verhaftung am vorigen Donnerstag aufgezeichnet hatte.

„Wenn Sie mir in diesem Video heute zuhören, bedeutet das, dass ich nicht in der Lage war, es zu der Pressekonferenz zu schaffen, die ich für den 11. April geplant hatte“, sagte Ghosn auf Bildschirmen im Klub der Auslandskorrespondenten in Tokio. Sein Verteidiger Junichiro Hironaka hatte zu einer Pressekonferenz eingeladen, damit sich der frühere Chef der Autobauer Renault und Nissan doch noch persönlich gegen die Vorwürfe wehren konnte.

108 Tage saß Ghosn bereits seit November 2018 für Verstöße gegen Finanzmarktgesetze und Veruntreuung in Kraft. Erst Anfang März war er gegen eine hohe Kaution und unter strengen Auflagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Mehr als zehn Jahre Haft drohen ihm im Falle einer Verurteilung.

Auch ohne Schuldspruch entließen Nissans Aktionäre ihn und seinen mitangeklagten Vertrauten Greg Kelly am Montag auf einer außerordentlichen Aktionärsversammlung aus dem Verwaltungsrat. Doch Ghosn sieht sich zu unrecht an den Pranger gestellt und will die japanische Öffentlichkeit nun davon überzeugen.

„Ich bin unschuldig in allen Punkten der Anklage“, behauptete Ghosn wie schon in ersten Interviews aus der ersten Haft. Er liebe Japan und Nissan. Die Anwürfe von Nissan und den Rechtsanwälten seien nur dazu gedacht, ein Bild der Gier und Diktatur zu malen. „Dies ist eine Verschwörung“, so Ghosn, eine Verschwörung einer kleinen Gruppe bei Nissan.

Auch den vermeintlichen Grund für den Putsch will er ausgemacht haben. Die Angst bei Nissan, dass die nächste Entwicklungsstufe der Allianz wie eine Fusion oder tiefere Zusammenarbeit Karrieren oder gar Nissans Unabhängigkeit gefährden könnten.

Doch die größte mögliche Bombe, die namentliche Nennung der vermeintlichen Verschwörer, hatten Ghosns Rechtsanwälte vorsorglich aus dem Interview herausgeschnitten und damit entschärft. Rechtliche Bedenken führte Hironaka für die Zensur an.

Japans Medien berichten ausführlich über Ghosns Botschaft

Die westlichen Journalisten reagierten daraufhin enttäuscht. Denn der legendäre Autoboss, der Nissan vor dem Kollaps gerettet hatte, sagte im Video nichts Neues. In Japan hingegen erreichte auch der gemilderte Ghosn sein Ziel: Erstmals hörten und sahen die Japaner ihn persönlich nach seiner Verhaftung.

Gleich nach der Pressekonferenz war sein Video Gesprächsthema Nummer eins in den nachmittäglichen Talkshows. Satz für Satz wurde die wichtigsten Stellen rekapituliert und von Gästen kommentiert.

Die Ghosn-Show krankte nur an einem Problem: Zu den neuen Vorwürfen der Selbstbereicherung, die zu seiner vierten Verhaftung führten, konnte er naturgemäß noch nichts sagen. Doch selbst nach Meinung von Personen in Ghosn sind gerade diese Anschuldigungen, die ihm juristisch am gefährlichsten werden können.

Die juristische Stichhaltigkeit der ersten Anklage, nach der Ghosn in Geschäftsberichten nur die Hälfte seines Gehalts ausgewiesen habe, ist selbst in Japan umstritten. Die zweite für schweren Vertrauensbruch wiegt schon schwerer. Ghosn hat während der Finanzkrise persönliche Derivategeschäfte kurzzeitig an Nissan übertragen und später wieder ausgelöst, weil er kurzfristig hohe Devisenverluste nicht decken konnte.

Aber wenn die Staatsanwälte ihre neuen Vorwürfe nachweisen könnten, gehen wohl auch Ghosn Anhängern die Argumente aus. Laut Medienberichten hatte Nissan aus einer speziellen Kasse, über die der Konzernchef verfügen konnte, 3,5 Milliarden Yen (28 Millionen Euro) an einen Händler im Oman gezahlt. Ein Großteil des Geldes sei dann weiter an die libanesische Firma Good Faith Investments überwiesen worden, die tatsächlich Ghosn und seine Familie kontrolliert und für sich genutzt haben sollen.

Ghosns Frau setzte sich ab

So wirkt es wenig Wunder, dass die Ermittler Ghosns Ehegattin Carole bei dessen Verhaftung ihren libanesischen Pass und ein Handy abnahmen. Denn sie wollten auch sie vernehmen. Peinlicherweise überprüften die Ermittler jedoch nicht, ob sie auch mit dem konfiszierten Pass eingereist war, so wenigstens geht die Legende im Ghosn-Lager.

Einen Tag später setzte sie daher in einer Nacht- und Nebelaktion mit einem zweiten amerikanischen Pass und ihren eigentlich wichtigen Handys nach Frankreich ab. Der französische Botschafter begleitete sie zum Flughafen.

Als Grund gaben sie und auch Ghosns Rechtsanwalt an, dass sie sich in Japan nicht mehr sicher fühle und bei der französischen Regierung gegen die Verletzung von Ghosns Menschenrechten protestieren wolle. Auch Rechtsanwalt Hironaka kritisierte die erneute Verhaftung als ungerechtfertigt. Der ehemalige Nissan-Chef sei nicht aus Sorgen vor einer Flucht verhaftet worden. Es ginge nur darum, Druck auf Ghosn auszuüben, endlich zu gestehen.

Am Mittwoch will Hironaka daher eine einstweilige Verfügung am Obersten Gerichtshof gegen die Verhaftung beantragen. Außerdem arbeitet er mit ausländischen Anwälten des früheren Autobosses an einem Protestbrief. Denn die Staatsanwälte hatten auch den Schriftverkehr zwischen Ghosns und seinen japanischen wie ausländischen Rechtsvertretern beschlagnahmt.

Gerade für US-Bürger sind dieser geringe Schutz der Kommunikation zwischen Beschuldigten und seinen Verteidigern schwer verständlich. Doch in Japan sind Angeklagte tatsächlich in einer sehr schwachen Position. Ghosn Schlusswort klang daher wie eine Beschwörung: „Mein größter Wunsch ist eine fairer Prozess.“ Die Frage ist nur, ob er wirklich freigesprochen wird.

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