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Vietnam exportiert mittlerweile mehr Schuhe nach Deutschland als Italien. Trotzdem sinken die Preise nicht. Schöne Schuhe vom Mekong

Rund um das Wirtschaftszentrum Ho-Chi-Minh-Stadt und in der Hauptstadt Hanoi hat sich die Schuh- und Lederbranche ausgedehnt. Sie ist so groß geworden, dass sie nach der Textil- und der Öl-Branche bereits die drittwichtigste Exportindustrie ist.
  • Stefanie Bilen (Handelsblatt)

HO-CHI-MINH-STADT. Hastig nimmt die Fabrikarbeiterin die weißen Pömps vom Fließband und zieht sie über einen Schuhspanner. Die langhaarige Vietnamesin in der leuchtend türkisen Arbeitskleidung überprüft, was ihre Kolleginnen zuvor in mühevoller Handarbeit zusammengenäht und geklebt haben. Wenn das Ergebnis zufriedenstellend ist, stellt sie die Schuhe in einen Karton. Täglich kommt die Spedition, um Berge von Schuhen abzuholen: 20 000 Paar produzieren die 4 000 Arbeiterinnen täglich – Stiefeletten, High Heels oder Halbschuhe, hauptsächlich aber günstige Schuhe aus synthetischem Material.

Auf den Sohlen stehen italienisch klingende Namen oder deutsche Marken wie die Deichmann-Eigenmarke „Roland“. „Nächste Saison werden sie in deutschen Geschäften stehen“, sagt Thomas Seibel, der einzige Deutsche in den riesigen neuen und aufgeräumten Produktionshallen. Über zahlreiche Subunternehmer lässt er Schuhe auch für den Hamburger Filialisten Görtz nähen. Doch die Namen seiner Kunden nennt er offiziell nicht, Diskretion ist Ehrensache.

Vor einem Jahr schon verkündete der Hauptverband der Deutschen Schuhindustrie, Vietnam habe sich weltweit an die Spitze der Schuhlieferanten für Europa gesetzt. In Deutschland stehen mehr vietnamesische Schuhe in den Regalen als Modelle aus Italien. Merkwürdig jedoch: Die Branche verzeichnet eher steigende als sinkende Preise.

Dabei produzieren die Vietnamesen fast konkurrenzlos billig. 45 $ beträgt der durchschnittliche Monatslohn eines Fabrikarbeiters. Die Einwohner des Landes gelten zudem als „Preußen Asiens“ – zuverlässig, diszipliniert, mit langer Handwerkstradition.

Thomas Seibel arbeitet seit gut vier Jahren in dem 80-Mill.-Einwohner-Land. Seit einem Viertel Jahrhundert ist er Teil einer Entwicklung, die die Hersteller in immer neue Niedriglohnländer bringt. Er hat in Tunesien und Nigeria gearbeitet, später in Indien und Bangladesch – und jetzt in Vietnam. „Die Schuhindustrie wird noch eine ganze Weile hier bleiben“, prophezeit er. Die Zahl der ausländischen Firmen nehme zu, die Produktqualität verbessere sich.

Der gelernte Schuhtechniker ist über eine Tochtergesellschaft für die Wortmann-Gruppe tätig, einen Hersteller und Händler aus Detmold. Wortmann beschäftigt 600 Mitarbeiter, lässt weltweit aber 27 000 Menschen in Subunternehmen für sich arbeiten. Diese Strategie zahlt sich aus: Zuletzt hat das Unternehmen seinen Umsatz um 5 % auf 454,6 Mill. Euro gesteigert.

Von solchen Zahlen kann die deutsche Schuhbranche nur träumen. Der Umsatz Schuhindustrie habe sich hier zu Lande im abgelaufenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um 3,8 % verringert und sei auf 3 Mrd. Euro gesunken, sagte gestern Dieter Rührschneck, Vorsitzender des Hauptverbandes der Deutschen Schuhindustrie e.V., im Vorfeld der Internationale Schuhmesse GDS.

Die vietnamesischen Schuhproduzenten steigerten dagegen ihren Export in den ersten neun Monaten 2003 erneut um ein Viertel auf 1,7 Mrd. $. So gut wie alle internationalen Sportartikelhersteller lassen ihre Schuhe dort fertigen und engagieren Subunternehmer mit Namen wie Freetrend oder Frama. Für Adidas ist Vietnam das zweitwichtigste Herstellungsland nach China.

Die Zeiten, in denen die Hersteller ihre asiatischen Mitarbeiter ausgebeutet haben, seien längst vorbei, sagt Seibel. „Wir arbeiten nur mit Firmen zusammen, die alle Mindestanforderungen erfüllen.“ Nach den Worten seines Werksleiters sind das eine Woche Urlaub im Jahr, 60 Stunden pro Woche und eine Woche Urlaub im Jahr. Und bei den 15- bis 18-Jährigen achte man darauf, dass sie keine Überstunden machen.

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