Stahlarbeiter bei Thyssen-Krupp

Konzernchef Heinrich Hiesinger will aus Thyssen-Krupp Steel Europe und Tata Steel Europe den zweitgrößten Stahlhersteller Europas formen.

(Foto: dpa)

Votum der Mitarbeiter Stolpersteine für Thyssen-Fusion mit Tata

Die IG Metall wirbt bis zuletzt für den Job-Pakt für die Stahlfusion bei Thyssen-Krupp. Noch könnte der mühsam erkämpfte Deal scheitern.
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DüsseldorfDrei Wochen lang haben sie diskutiert und das Für und Wider abgewogen. Noch läuft die Abstimmung, doch um 24 Uhr werden die Wahlurnen geschlossen. Am kommenden Montag wird ausgezählt und das Ergebnis verkündet: Dann steht fest, ob die Stahlwerker von Thyssen-Krupp die kurz vor Weihnachten erzielte Vereinbarung zur Standort- und Jobsicherung im Falle einer Fusion mit Konkurrent Tata billigen – oder eben nicht. Derzeit deutet einiges auf eine Zustimmung hin.

Noch immer gibt es allerdings in den 13 Werken des Konzerns Ressentiments gegen den Plan von Konzernchef Heinrich Hiesinger, aus Thyssen-Krupp Steel Europe und Tata Steel Europe den zweitgrößten Stahlhersteller Europas nach Weltmarktführer Arcelor-Mittal zu formen. Dabei können sich die Zusicherungen, die Betriebsrat und IG Metall nach zähen Verhandlungen mit dem Management Ende Dezember ausgehandelt haben und die in einen Tarifvertrag einmünden sollen, sehen lassen.

Das gilt insbesondere für den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für neun Jahre und Investitionszusagen für die deutschen Standorte von jährlich mindestens 400 Millionen Euro. Die Tarifkommission der IG Metall hatte sich nach gefundenem Kompromiss für eine Annahme des Verhandlungsergebnisses ausgesprochen.

Die Grundstimmung bei vielen Stahlkochern war bis zuletzt positiv: „Das gibt uns Planungssicherheit“, war an vielen Standorten zu hören. Was einem positiven Votum helfen könnte, ist das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter in vielen Thyssen-Krupp-Stahlwerken. Viele Beschäftigte können sich ausrechnen, dass sie nach neun Jahren von dann eventuell anstehenden Umbau- und Sanierungsmaßnahmen gar nicht mehr betroffen sein werden.

Trotzdem hat die IG Metall in den vergangenen Tagen noch einmal intensiv für den Kompromiss und die Teilnahme an dem Urnengang geworben. „Wir haben einen guten Abschluss erreicht“, sagte Heiko Reese, Leiter des IG-Metall-Stahlbüros in Düsseldorf. „Es ist uns wichtig, dass möglichst viele an der Abstimmung teilnehmen.“ Für die Gewerkschaft geht es auch ums Prestige: Im Frühjahr stehen Betriebsratswahlen an. Da kann es nicht schaden, im Betrieb und auch gegenüber dem Management auf einen starken Rückhalt in der Belegschaft zu verweisen.

Tekin Nasikkol, stellvertretender Betriebsratschef der Stahlsparte, hatte die Stahlkocher vor einer Woche noch einmal aufgefordert, zur Wahl zur gehen. „Wir haben gemeinsam mit den Beschäftigten hart und lange für diesen Tarifvertrag gekämpft“, sagte er in einem Gespräch mit der „WAZ“. „Der Tarifvertrag ist im Falle eines Joint Ventures ein Schutzschild für die Stahl-Beschäftigten und für die Stahl-Standorte.“

Die Gewerkschaft strebt eine Wahlbeteiligung von 80 Prozent ihrer gut 20.500 Mitglieder an – insgesamt beschäftigt die Stahlsparte von Thyssen-Krupp rund 27.000 Mitarbeiter. In einigen Werken hatten schon vor Tagen bis zu 70 Prozent ihr Votum online abgegeben – eine hohe Wahlbeteiligung ist daher wahrscheinlich. Die Vereinbarung gilt, wenn mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen und auch alle Standorte diese billigen.

Hier ist allerdings ein möglicher Stolperstein verborgen sein: Die Werke in Bochum, Eichen und Hüttenheim stehen unter verschärfter Beobachtung. Ab dem Jahr 2021 könnten hier einzelne Anlagen geschlossen werden, das sieht der Tarifvertrag vor. Allerdings gilt auch hier die Beschäftigungssicherung; frei werdenden Mitarbeitern müssen in dem Fall Arbeitsplätze in anderen Werken angeboten werden.

An den betroffenen Standorten regte sich trotz dieser Regelung Kritik am Verhandlungsergebnis und die Hoffnung, bei einer Ablehnung des Tarifvertrages eine neue und bessere Vereinbarung für die drei Werke auszuhandeln. Doch die IG Metall warnt vor falschen Erwartungen. Keinen Tarifvertrag zu haben sei die schlechteste Lösung. Auch gilt es als fraglich, ob das Management bereit ist, das gesamte Paket noch einmal aufzuschnüren und in einigen Punkten nachzubessern.

Denn die im Tarifvertrag erlaubte Flexibilität gibt Hiesinger einen Hebel, die angestrebten Synergien des Joint Ventures mit Tata von geplanten 400 bis 600 Millionen Euro zu erzielen. Beschäftigungssicherung ja, um den „Mitarbeitern des Gemeinschaftsunternehmens eine gute Zukunftsperspektive und sichere Arbeitsplätze zu geben“, wie er zuletzt immer wieder betonte.

Aber gleichzeitig braucht der Konzernchef die wirtschaftlichen Vorteile der Fusion und die Freiheit, unproduktive Anlagen notfalls schließen zu können. Nur so rechnet sich das Joint Venture. Hiesinger muss nicht nur auf das Wohl der Belegschaft achten, sondern auch die Aktionäre im Auge behalten.

Und die haben auf der Hauptversammlung des Konzerns vor zwei Wochen unzweideutig klargemacht, was sie vom Vorstandschef erwarten: eine deutlich höhere Rendite in den kommenden Jahren von allen Sparten – auch vom Stahl.

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