VW-Chef Matthias Müller Tierversuche waren „unethisch und abstoßend“

VW-Chef Matthias Müller hat die umstrittenen Dieseltests mit Affen scharf verurteilt. Die Methoden seien falsch, unethisch und abstoßend. Ihm tue es leid, dass Volkswagen an diesen Vorgängen beteiligt war.
Update: 30.01.2018 - 06:47 Uhr Kommentieren
„Es gibt Dinge, die tut man schlicht nicht.“ Quelle: dpa
Matthias Müller

„Es gibt Dinge, die tut man schlicht nicht.“

(Foto: dpa)

BrüsselMatthias Müller tippt seinem Cheflobbyisten Thomas Steg auf die Schulter: „Wir müssen zum Flieger“, sagt er. 20 Minuten zuvor hat der VW-Chef seine Rede beim Neujahresempfang des Konzerns in Brüssel beendet. Nun verabschiedet er sich per Handschlag bei den Umstehenden. „Viel Glück“, wünscht ihm einer. „Danke, kann ich gebrauchen“, entgegnet Müller.

Eigentlich hatte der Vorstandschef seinen Auftritt im Brüsseler Renaissance-Palast nutzen wollen, um von Fortschritten zu berichten: bei der Aufarbeitung des Abgasskandals, dem Umstieg auf Elektroantriebe, der Entwicklung selbstfahrender Autos. Aber kurz vor dem Auftritt hat ihn die Vergangenheit wieder eingeholt – zu groß ist die Empörung zuhause um von der Autoindustrie finanzierte Abgasversuche an Affen. Müller bleibt nichts anderes übrig als zu reagieren.

Und er tut es, in aller Deutlichkeit. „Unethisch und abstoßend“ seien die Versuche an Affen gewesen, die die „Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportwesen“ (EUGT) in den USA 2013 in Auftrag gegeben hatte – finanziert von den Konzernen BMW, Daimler und VW. „Mit Interessensvertretung oder wissenschaftlicher Aufklärung hatte das nichts, gar nichts zu tun“, betont Müller. Die in den vergangenen Tagen ans Licht gekommenen Informationen machten auch ihn „fassungslos“.

Der Konzernchef entschuldigt sich für das Fehlverhalten der mit den Versuchen befassten Mitarbeiter und verspricht, die Arbeit des inzwischen aufgelösten EUGT im Detail zu untersuchen und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Fall zeige, dass sich sowohl der VW-Konzern als auch die gesamte Autoindustrie noch ernsthafter mit ethischen Fragen auseinandersetzen müssten, betont er: „Es gibt Dinge, die tut man schlicht nicht. Punkt!“

VW will Tierversuche nach eigener Aussage für die Zukunft nun komplett ausschließen, das sagte der VW-Generalbevollmächtigte Thomas Steg der „Bild“-Zeitung. Außerdem wolle man überprüfen lassen, was nach den Versuchen mit den Affen geschehen ist, in welchem Zustand sie übergeben wurden und wie es ihnen heute geht.

VW-Chef Müller sucht sein Heil in der Offensive – alles andere wäre angesichts der massiven Kritik von allen Seiten und bis hinauf zur Kanzlerin wohl auch sinnlos. Er weiß, wie sehr das Ansehen seines Unternehmens und der gesamten Branche in den vergangenen Jahren gelitten hat. Die Affäre um geschönte Abgaswerte ist noch nicht vergessen, die Diskussion um mögliche Diesel-Fahrverbote verunsichert die Kundschaft.

Vermutlich ärgert es ihn, dass erneut Volkswagen im Fokus der Angriffe steht – und sich Daimler und BMW „einen schlanken Fuß machen“, wie ein VW-Manager ätzt. Die Versuche, bei denen Forscher des Lovelace Respiratory Research Institute (LRRI) im US-Bundesstaat New Mexiko im Jahr 2013 Affen stundenlang Abgase hatten einatmen lassen, seien von allen drei Konzernen abgesegnet worden.

Müller sitzt nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die eigenen Kontrolleure im Nacken. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte die Versuche als „in keinster Weise nachvollziehbar“ verurteilt und angekündigt, dass sich das Präsidium des Kontrollgremiums bereits in der kommenden Woche mit dem Fall befassen werde.

Der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh fordert bereits personelle Konsequenzen. Dass das EUGT Tests an Tieren in Auftrag gegeben hat, war seit einigen Jahren bekannt. 2013 wurde der für die Regierungsbeziehungen zuständige Steg darüber in einer E-Mail informiert. Auch andere Abteilungen unterhalb des Vorstandes waren eingeschaltet. Das oberste Führungsgremium war indes nicht über das Treiben informiert, wie ein Konzernsprecher betonte.

Steg räumt am Abend ein, es sei ein Fehler gewesen, den Versuch nicht zu stoppen. Er habe zunächst nur von den Versuchsplänen erfahren, weil die Forscher dafür einen VW Beetle nutzen wollten. Ursprünglich, so Steg, hätten die LRRI-Wissenschaftler den Test sogar an Menschen durchführen wollen. Dies habe er aber gestoppt. Als Mitarbeiter der VW-Rechtsabteilung dann einem Versuch mit Affen zugestimmt hätten, habe er nicht mehr widersprochen. „Das werfe ich mir heute vor“, sagt Steg.

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