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VW-Rechtsvorstand im Interview Hiltrud Werner: „Volkswagen muss dauerhaft skandalfrei bleiben“

VW-Konzernvorstand Hiltrud Werner glaubt an einen Kulturwandel im Unternehmen. Das voraussichtlich letzte Jahr des US-Monitors beginnt.
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VW: Hiltrud Werner: „Volkswagen muss dauerhaft skandalfrei bleiben“ Quelle: Michael Loewa/laif
Hiltrud Werner, VW-Vorstand für Integrität

VW muss weiter an sich arbeiten, meint Werner.

(Foto: Michael Loewa/laif)

Düsseldorf Volkswagen-Rechtsvorstand Hiltrud Werner sieht deutliche Fortschritte beim Kulturwandel, der nach dem Bekanntwerden des Dieselskandals vor bald vier Jahren im Konzern eingeleitet worden sei. „Mehr als 80 Prozent der Hinweise kommen bei uns inzwischen mit Quelle an“, sagte Werner im Gespräch mit dem Handelsblatt zur vorläufigen Bilanz des neuen Whistleblower-Systems.

Anfangs seien es nur 15 Prozent gewesen, der überwiegende Teil der Hinweise auf mögliches Fehlverhalten sei damals anonym abgegeben worden. Daran werde das gewachsene Vertrauen „doch sehr gut deutlich“, so Werner.

Auch der vom US-Justizministerium eingesetzte Monitor Larry Thompson muss VW diesen Kulturwandel bescheinigen. Der Monitor würde Wolfsburg im Sommer nächsten Jahres wieder verlassen, wenn er dem Konzern einen nachhaltigen Veränderungsprozess bescheinigt.

„Vorstand für Integrität und Recht“ lautet der offizielle Titel der einzigen Frau im Konzernvorstand von Volkswagen. Der Posten wurde vor knapp vier Jahren in Wolfsburg geschaffen, nachdem der Dieselskandal das Unternehmen erschüttert hatte. Zu ihren zentralen Aufgaben gehört die Zusammenarbeit mit Thompson.

Rechtsvorstand Werner sieht VW auf dem richtigen Weg: „Klarheit von Kompetenzen und Prozessen wird dazu beitragen, dass es keine Gesetzesverstöße mehr gibt.“ In der bevorstehenden Testphase des Monitors will sich Werner nicht unter Druck setzen lassen.

Volkswagen müsse nicht nur zu einem bestimmten Stichtag die Regeln zu Integrität und Compliance einhalten, sondern dauerhaft und beständig. „,Richtig‘ ist in diesem Fall für uns wichtiger als ,pünktlich‘ “, betonte sie. Der Monitor werde seine Mission nur erfüllt sehen, „wenn Volkswagen dauerhaft skandalfrei bleibt.“

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Hiltrud Werner:


Zwei von drei Jahren des Monitorprozesses von Larry Thompson sind inzwischen vorüber. Was ist in dieser Zeit passiert?
Mitte 2016 haben wir die Konzernstrategie bis 2025 entwickelt und 2017 unsere Verhaltensgrundsätze neu formuliert, dies schon mit der Unterstützung durch den Monitor. Außerdem haben wir die grundlegende Ursachenanalyse zum Dieselskandal vertieft. Das war eine ganz zentrale Aufgabe: Nur wenn man genau weiß, was falsch gelaufen ist, greifen Veränderungen an der richtigen Stelle. Die Compliance wurde organisatorisch und personell gestärkt, ein Hinweisgebersystem zusätzlich zum Ombudsmann-System geschaffen, das Integritätsmanagement aufgebaut und weitreichende Kulturinitiativen gestartet.

Die Entwicklungsabteilung war der Kern der Dieselaffäre. Was ist dort geschehen?
Wir haben Motorentwicklung, Prüfstände und Zulassungsbereich organisatorisch voneinander getrennt sowie „goldene Regeln“ für die Fahrzeugentwicklung aufgestellt. Mehr als 2.000 Mitarbeiter haben neue Aufgabenbeschreibungen bekommen, gut 20.000 Seiten Prozessbeschreibungen wurden aktualisiert. Klarheit von Kompetenzen und Prozessen wird dazu beitragen, dass es keine Gesetzesverstöße mehr gibt. Auch dies wurde in einem sehr engen Dialog mit dem Monitor erreicht.

Wichtig sind die Zwischenberichte des Monitors.
Das stimmt. Im März 2018 hat Larry Thompson seinen ersten Bericht abgegeben, ein Jahr später seinen zweiten. Beim ersten Mal sind uns 32 Handlungsfelder, hauptsächlich in den Feldern Compliance, Integrität, Risikomanagement und Unternehmenskultur aufgezeigt worden, beim zweiten Mal waren es 15 weitere.

Und jetzt im November wird es einen dritten Bericht geben?
Wenn wir alle Empfehlungen aus dem ersten und zweiten Monitorbericht umgesetzt und die entsprechenden Prozesse installiert haben, haben wir damit die messbaren Zertifizierungskriterien erfüllt. Allerdings ist das Monitorverfahren keine Übung zum Abhaken, wo sich Larry Thompson einfach nur einzelne Prüfkriterien ansieht. Die Zertifizierung beinhaltet auch eine subjektive Bewertung durch den Monitor, wobei das gesamte Bild des Unternehmens eine zentrale Rolle spielt. Und ja: Wir werden noch einen weiteren Bericht Ende des Jahres erhalten.

Welche Veränderungen wünscht sich Larry Thompson denn?
Es geht darum, dass wir mögliches Fehlverhalten schon im Vorfeld identifizieren und es gar nicht erst zu Problemen kommen lassen und dass wir unsere Fahrzeuge gesetzeskonform entwickeln und produzieren. Außerdem müssen die Umweltauflagen aus den Vereinbarungen mit den US-Behörden erfüllt werden.

Anders formuliert: Das sind alles Auflagen, um einen zweiten Dieselskandal zu verhindern?
Durchaus. In unseren Prozessen muss beispielsweise sichergestellt werden, dass Transparenz gegenüber den Behörden herrscht, etwa durch eine klare Nachvollziehbarkeit der technischen Dokumentation. Hier müssen wir auch jetzt noch Vertrauen zurückgewinnen, deshalb ist es wesentlich, dass wir auch jetzt noch intensiv daran arbeiten.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“

Lassen sich die ersten zwei Jahre so zusammenfassen: Unter der Aufsicht des Monitors ist ein institutioneller Rahmen entstanden. Jetzt in der abschließenden Testphase wird überprüft, ob alles funktioniert?
So kann man es formulieren. In den ersten zwei Jahren haben wir langfristige, nachhaltige Veränderungen angestoßen, wussten aber nicht genau, wo 2020 die Messlatte liegt, weil wir die Zertifizierungskriterien nicht kannten. Aus den Empfehlungen in den Zwischenberichten des Monitors wissen wir heute, in welche Richtung wir gehen und wie wir priorisieren müssen. Auch ohne weitere Monitor-Empfehlungen wissen wir, was wir konzernweit und weltweit noch zu tun haben.

Sie haben den institutionellen Rahmen verändert, indem Mitarbeiter etwa in Sachen Compliance geschult werden. Aber sind die Veränderungen wirklich in den Köpfen abgekommen?
Ich bin hier sehr zuversichtlich. Ursprünglich sollten bis zum Jahresende 151 Konzerngesellschaften, die zusammen 80 Prozent aller Mitarbeiter beschäftigen, geschult werden. Jetzt werden wir voraussichtlich schon 200 Konzerntöchter erreichen. Weltweit treffen wir auf eine motivierte Mannschaft mit viel Eigeninitiative. Mehr als 300 000 Mitarbeiter haben wir inzwischen mit unserem Programm erreicht. Wir sind weltweit unterwegs, also auch in Russland, China, Südafrika oder Brasilien. Wichtig ist dabei, dass wir risikoorientiert vorgehen und auf jeden Fall die Regionen früh erreichen, wo es laut internationaler anerkannter Indizes ein größeres Korruptionsrisiko gibt. 

Das ist für den Monitor interessant?
Genau das wird Larry Thompson jetzt überprüfen: Ist die Kultur der Integrität bei den Mitarbeitern angekommen? Theoretisch könnte er morgen in Zwickau oder Puebla in die Fertigung gehen und dort einen Mitarbeiter fragen, ob er schon einmal etwas von den neuen Konzerngrundsätzen gehört hat und warum die Einhaltung von Gesetzen so wichtig ist.

Und wird Larry Thompson das machen?
Von Anfang an hat Larry Thompson immer gesagt, dass es ihm sehr wichtig ist, dass die Veränderungen bei den Menschen ankommen. Es gibt zudem eine eigene Umfrage des Monitors zu Integrität und Compliance im Unternehmen von Ende vergangenen Jahres. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Woran lässt sich das festmachen?
Unsere Mitarbeiter sagen in den Umfragen, dass sich in den vergangenen drei Jahren viel verändert hat. Sie fühlen sich beispielsweise besser informiert, die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Bereichen ist größer geworden. Die direkten Vorgesetzten genießen hohes Vertrauen ihrer Mitarbeiter. Sie fragen öfter und offensiver, wo bei den Mitarbeitern der Schuh drückt. Für die Mehrzahl der Mitarbeiter sind damit die Veränderungen spürbar geworden. Sie bestätigen, dass der Konzern es mit dem Kulturwandel wirklich ernst meint.

„Der Schutz der Hinweisgeber scheint uns zu gelingen“

Was ist denn aus Sicht des Unternehmens wirklich wichtig?
Vertrauen. Im Whistleblower-System gibt es einen sehr guten Indikator dafür: Wie viele Hinweise werden anonym abgegeben, wie viele unter Nennung des Namens? Wenn Mitarbeiter ihre Identität preisgeben, sind die Ermittlungen natürlich viel effizienter. Denn damit werden Nachfragen zum Sachverhalt möglich. Wenn unsere Mitarbeiter ihren Namen nennen, dann trauen sie unseren Prozessen. Der Schutz der Hinweisgeber scheint uns also gut zu gelingen – auch dann, wenn ein Sachverhalt vielleicht gegenstandslos ist.

Wie messen Sie das?
Mehr als 80 Prozent der Hinweise kommen bei uns inzwischen mit Quelle an. Am Anfang waren das 15 Prozent. Daran wird das gewachsene Vertrauen doch sehr gut deutlich. Die absolute Zahl der Hinweise wäre keine hilfreiche Größe. Entscheidend ist auch, dass das Unternehmen konsequent, schnell und entschlossen reagiert, wenn es schwerwiegende Verstöße gegeben hat.

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Kommen wir zu der jetzt anstehenden Testphase durch Larry Thompson zurück. Was genau wird sich der Monitor jetzt ansehen?
Der erste Punkt ist die Corporate Governance: Wie führen Vorstand und Aufsichtsrat das Unternehmen? Zweitens geht es um Strukturen, Ressourcen und Budgets: Ist für die Compliance-Themen genug Geld da? Drittens werden wir nachweisen müssen, dass wir alle Mitarbeiter mit den Themen Integrität, Compliance und den Konzernwerten erreicht haben.

Weiterhin werden prozessuale Themen eine Rolle spielen. Funktionieren Compliance, das Hinweisgeber-System, Risikomanagement und auch die Kontrollinstrumente? Reagiert das Unternehmen schnell genug und angemessen auf Prozessabweichungen durch geeignete Eskalationsmechanismen? Der sechste Baustein betrifft Kommunikation, Information und Training – wird das Thema Integrität dauerhaft in die Prozesse integriert und gelebt? Zudem müssen wir dafür sorgen, dass alle Geschäftspartner mit einbezogen worden sind. Schlussendlich muss unsere IT ordentlich funktionieren. Dazu gehört etwa, dass wichtige Dokumente rechtssicher archiviert werden.

Wie viel Zeit haben Sie noch? Wie sieht der Zeitplan aus?
Rechnen wir zurück: Die dreijährige Amtszeit des Monitors läuft im nächsten Juni aus. Im April 2020 wird Thompson seinen Zertifizierungsbericht beim US-Justizministerium einreichen. Das wiederum heißt, dass er vermutlich ab Februar den Status zusammenträgt. Für uns bedeutet das, dass die Testphase spätestens im Januar abgeschlossen sein sollte. Wir müssen auch Zeit für Korrekturen auf Basis der Testergebnisse einplanen.

„Compliance tut manchmal weh“

Kommen Sie mit diesem engen Zeitrahmen klar?
Volkswagen ist ein Unternehmen, das sehr stark mit Meilensteinen, Fristen und Termindruck arbeitet – das kommt aus der Fahrzeugfertigung, wo feste Modellzyklen zum Alltagsgeschäft gehören. Das sollte also funktionieren. Bei allem Denken in Fristen dürfen wir aber nicht vergessen, dass es bei diesem gesamten Prozess um Nachhaltigkeit geht. Volkswagen soll nicht nur zu einem bestimmten Stichtag die Regeln zu Integrität und Compliance einhalten, sondern dauerhaft und beständig. „Richtig“ ist in diesem Fall für uns wichtiger als „pünktlich“. Wenn wir also bis zum Jahresende noch Optimierungsbedarf sehen, dann werden wir uns die Zeit nehmen für die Umsetzung.

Wäre es aber nicht eine Blamage für Sie und das Unternehmen, wenn Sie den Juni-Termin im nächsten Jahr nicht einhalten könnten?
Vertrauen werden wir nur zurückgewinnen, wenn wir Prozesse, Systeme und Strukturen robust ausgestaltet haben. Larry Thompson seinerseits wird in der Zertifizierung gründlich und gewissenhaft vorgehen. Compliance braucht Nachhaltigkeit, kostet Geld und tut manchmal weh. Wir geben unser Bestes, aber eben nicht für den Monitor oder irgendeinen Termin, sondern für uns, unser Unternehmen und unsere Kunden.

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Können Sie wirklich so gelassen sein?
Glauben Sie mir, gelassen bin ich nicht, aber sehr fokussiert. Larry Thompson und Volkswagen verbindet ein Ziel: Wir wollen gemeinsam erreichen, dass die Zertifizierungskriterien erfüllt werden. Der Monitor muss erreicht haben, was er erreichen wollte, wenn er uns wieder verlässt. Er wird seine Mission nur erfüllt sehen, wenn Volkswagen dauerhaft skandalfrei bleibt.

Wagen Sie eine Aussage dazu, wie das voraussichtlich letzte Jahr des Monitors in Wolfsburg aussehen wird?
Wir werden uns alle nicht langweilen. Alles hängt sehr stark von den Ergebnissen der Testphase ab und von der Frage, ob danach noch ein größerer Korrekturbedarf entsteht. Es könnte auch sein, dass wir im November-Bericht des Monitors schon eine Tendenz ablesen können.

Gibt es Signale von Larry Thompson?
Es ist am Ende seine ganz persönliche Entscheidung. Er hat aber schon mehrfach auch öffentlich betont, dass er ein System erwartet, welches „angemessen und effizient“ funktioniert. Larry Thompson sagt immer: „Denkt an einen Golf und nicht an einen Audi A8.“

Frau Werner, vielen Dank für dieses Interview.

Mehr: Dem Handelsblatt liegen brisante Bescheide des Kraftfahrt-Bundesamtes über manipulierte Motorentypen vor. Die Papiere helfen bei Klagen gegen den Hersteller.

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