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VW-Tochter Vorsprung durch Umbau: Audi streicht in Deutschland 9500 Stellen

Noch bevor der neue Audi-Chef Markus Duesmann kommt, legt die VW-Tochter ein großes Sparpaket auf. Damit soll Audi bald wieder mit BMW und Daimler konkurrieren können.
Update: 26.11.2019 - 18:27 Uhr 8 Kommentare
Die Werke der VW-Tochter sind schlecht ausgelastet. Quelle: Audi
Produktion des Audi Q2

Die Werke der VW-Tochter sind schlecht ausgelastet.

(Foto: Audi)

München, Frankfurt Die VW-Tochter Audi wird tief greifend saniert. Management und Betriebsräte einigten sich am Dienstag nach monatelangen Verhandlungen auf den Abbau von insgesamt 9500 Stellen in Deutschland. Im Gegenzug will der Konzern 2000 neue Jobs in Zukunftsbereichen schaffen.

Der drastische Stellenabbau soll sozial verträglich verlaufen, betriebsbedingte Kündigungen gelten als ausgeschlossen. Die verbleibenden mehr als 50.000 Audi-Beschäftigten in den Stammwerken Ingolstadt und Neckarsulm sollen eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2029 erhalten.

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Audi-Finanzvorstand Alexander Seitz hat in einer Marathonsitzung mit Vertretern von Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall maßgeblich das Sanierungsprogramm für die kriselnde Volkswagen-Tochter verhandelt. Die Vereinbarung mit dem markanten Namen „Audi-Zukunft“ ist eine Rosskur, die selbst hartgesottene Arbeitnehmervertreter nicht für möglich gehalten haben. Für die beiden deutschen Standorte Ingolstadt und Neckarsulm ist das ein herber Schlag.

Seit Wochen war über die Abbaupläne in Ingolstadt und Neckarsulm spekuliert worden, zuletzt war aber nur von rund 5000 Jobs die Rede. Tatsächlich sind die massiven Einschnitte aber wenig überraschend. Seit 2015 der vor allem von Audi-Technikern verübte Dieselbetrug aufflog, läuft die Marke neben der Spur.

Audi plant massiven Stellenabbau in Deutschland

Fast im Monatstakt verloren Vorstände ihre Posten, 2018 gipfelte die Krise in der Verhaftung des langjährigen Vorstandschefs Rupert Stadler. Seitdem führen der ehemalige Vertriebsvorstand Bram Schot und Finanzvorstand Alexander Seitz die Geschäfte. Vor allem Seitz drängte schnell auf eine harte Sanierung, schließlich verdiente Audi zuletzt nicht einmal mehr das Geld für die eigenen Investitionen.

Denn im Chaos von Ingolstadt blieb vieles liegen. Während die Konkurrenten in München und Stuttgart ihr Design änderten und die Modellpalette renovierten, blieb in Ingolstadt keine Zeit für Innovationen. Seit 2014 versuchten sich alleine fünf unterschiedliche Vorstände am Entwicklungsressort.

Die Folge: Brot-und-Butter-Modelle wie der Audi A4 verloren den Anschluss und mussten teuer nachbearbeitet werden. Die Eigenwerbung „Vorsprung durch Technik“ war längst nicht mehr zu halten. Der Druck der Mutter aus Wolfsburg wuchs, die einstige Gewinnmaschine aus Ingolstadt lieferte nicht mehr.

Denn alleine der VW-Konzern musste rund 30 Milliarden Euro für den Dieselbetrug aufwenden und setzte seinerseits das Messer an. Während bereits 2017 die Marke VW den Abbau von 23 000 Stellen verkündete, blieb bei Audi vorerst alles beim Alten.

Der vom VW-Konzern entsandte Sanierer Seitz nahm aber kein Blatt vor den Mund. Als im vergangenen Jahr der Gewinn einbrach, fand Seitz passende Worte: „Diese Performance reicht nicht für eine stolze Marke wie Audi“, sagte er bei der Bilanzvorlage im März dieses Jahres.

„Den Satz ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ streichen wir künftig bei Audi“, sagte Seitz. Zwar sprach auf der Veranstaltung auch Vorstandschef Bram Schot. Die Wirkungstreffer aber platzierte der Finanzvorstand. „2019 wird ein Jahr der Arbeit, des Ordnens, und am Jahresende wird dafür wahrscheinlich noch keine große Belohnung auf uns warten.“

Ein Viertel weniger Autos aus den deutschen Werken

Umso härter wurde verhandelt, Seitz und Schot drängten auf einen massiven Abbau der Kapazitäten in Deutschland. So war die Produktion zuletzt teilweise nur zu zwei Drittel ausgelastet, profitabel arbeitet man aber eigentlich bei Werten ab 90 Prozent.

Das Sparpaket soll Produktion und Nachfrage wieder ins Lot bringen. Die jährliche Kapazität in Ingolstadt wird auf 450.000 Autos begrenzt und in Neckarsulm auf 225.000. Dies ist eine Kürzung um rund ein Viertel – ein bislang beispielloser Abbau im VW-Konzern.

Mit dem Umbau will der Audi-Vorstand die Kosten bis zum Jahr 2029 um sechs Milliarden Euro senken. Mit den Einsparungen will der Autobauer sicherstellen, dass die operative Marge im Korridor von neun bis elf Prozent liegen wird.

Zugleich sollen finanzielle Mittel frei werden, um die Umstellung von Verbrenner auf Elektro als Antriebsform zu stemmen. Audi will bis 2025 dreißig neue Elektromodelle auf den Markt bringen. Die Masse soll in den deutschen Werken und in China gebaut werden, dem mit Abstand größten Absatzmarkt von Audi.

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Es war eine schwierige Zeit. Seit Monaten hätten beide Seiten miteinander verhandelt, hieß es in Kreisen des Unternehmens. Zwischenzeitlich kursierten Abbauziele zwischen 5000 und 15.000 Arbeitsplätzen. Die Gespräche seien konfliktgeladen gewesen, da der Betriebsrat einen geringeren Stellenabbau habe durchsetzen wollen. Bevor Freitagnacht eine Einigung erzielt wurde, hätten die Verhandlungen vor dem Abbruch gestanden, berichteten Beteiligte.

In den vergangenen Tagen hat der Betriebsrat seine verschiedenen Gremien über das Ergebnis informiert und diese gebilligt. Betriebsratschef Peter Mosch begrüßte die Einigung: „Die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft sind sicher“, erklärte der oberste Arbeitnehmervertreter. Die Verlängerung der Beschäftigungsgarantie sei in dem aktuell schwierigen Umfeld ein Erfolg, sagte er.

Ein Erfolg ist das Ergebnis vor allem für Seitz: Er hatte schon ein erstes Sparpaket durchverhandelt, das bis zum Jahr 2022 Kosten von insgesamt 15 Milliarden Euro vorsieht. Zu diesem Wert addieren sich die nun abgesprochenen Kostensenkungen von sechs Milliarden Euro – ein Ergebnis, das die Konzernoberen in Wolfsburg mit Wohlwollen beobachten.

Finanzvorstand Seitz wird nach Wolfsburg befördert

Seitz hat es geschafft, die Rosskur auch zu einem Erfolg der Arbeitnehmer zu machen. Der Manager selbst hat sich aber auch für höhere Weihen qualifiziert. Er soll zur Konzernschwester VW in Wolfsburg wechseln und dort das Finanzressort von Arno Antlitz übernehmen, der seinerseits den Posten von Seitz bei Audi übernehmen wird. Antlitz gilt als Vertrauter von Konzernvorstandschef Herbert Diess.

Mit dem Ringtausch nimmt VW-Chef Diess seinen Schützling aus der Schusslinie. Gegen Antlitz hatten Gewerkschafter um VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh Stellung bezogen. Für sie ist der Finanzmanager eine Fehlbesetzung, weil er zwar massiv auf die Kosten schaut, dabei aber den Blick für die Belange der Belegschaft verloren hat.

In der Welt von Volkswagen ist das ein Risiko für die eigene Karriere. Bei Audi übernimmt Antlitz nun einen Posten, auf dem die gröbsten Konflikte mit dem Betriebsrat ausgefochten sind. Auf Seitz indes wartet in Wolfsburg wieder harte Arbeit: Die Marke VW hat zwar schon massiv ihre Kosten gesenkt. Um aber auch in der Zukunft wirklich sicher zu sein, dürften weitere Umbauten nötig sein, berichten Manager.

Bei Audi hingegen schaut man jetzt nach vorne. Im kommenden April soll Bram Schot durch Markus Duesmann abgelöst werden. Der ehemalige BMW-Vorstand gilt als Wunschkandidat von VW-Chef Herbert Diess, der Duesmann von seinem alten Arbeitgeber abgeworben hat.

Der Topmanager aus München soll Audi wieder zu alter Stärke führen. Neben den kräftigen Kostensenkungen soll Audi von der verstärkten Zusammenarbeit mit Porsche und Volkswagen profitieren.

Mehr: Im April 2020 darf der designierte Audi-Chef Markus Duesmann seinen Posten bei der VW-Tochter antreten. Er ist der Wunschkandidat von Herbert Diess.

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8 Kommentare zu "VW-Tochter: Vorsprung durch Umbau: Audi streicht in Deutschland 9500 Stellen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Frau Eva Würstle 26.11.2019, 17:18 Uhr - Das ist wirklich billigste "BILD-Neid Debatte" . Was glauben sie denn wer den Skandal um die Boeing 737 MAX bezahlt. Boeing? Nein, der amerikanische Steuerzahler mit dem nächsten Militärauftrag. Und wenn ein Unternehmen sich die Loyalität der Mitarbeiter mit Zulagen sichert ist das nur mehr als Recht und Billig. Man muss in sein Human-Kapital investieren und Märkte erschließen als immer nur konzeptlos Personal reduzieren und das versucht Audi mit seinem sozial verträglichen Konzept.

  • Spannende Zeit, soviel los. Sind die OEMs alle mit dem Rücken an der Wand? BMW hat ja auch nicht das beste Jahr. Und Volkswagen? Im Silicon Valley sind knapp 1000 Selbstfahrende Fahrzeuge von um die 80 Unternehmen mit Testlizenz auf den Strassen unterwegs.

  • Herr Schönenberg, mit VW hätten Sie seit Juli 2018 bis Heute 21% Gewinn gemacht. Das kann sich doch sehen lassen. Und, mehr ist unterwegs.
    Die Deutsche Wirtschaft trennt sich endlich von unproduktivem Personalballast. Da ist zur Freude der Aktionäre noch viel in der Pipeline, auch bei anderen Dax Unternehmen.
    Also Obacht, das können nicht nur Profis sehen.

  • Ich habe schon vor vielen Jahren gelernt: keine Automobil-Aktien und deren Zulieferer ins Depot! Das ist nur was für Profis.

  • Ich wundere mich, das man als Unternehmer eine zehnjährige Beschäftigungsgarantie geben kann. Das wird mittelfristig schon schwer genug werden für Audi und co. Diese Firma hat den Dieselmotor auf dem Gewissen.

  • Die Löhne und Zulagen, die z.B. Audi zahlt, können normale Mittelständler mit 100 MA nicht zahlen, von Handwerkern etc. ganz zu schweigen. Insofern haben Sie recht, dass man kein Mitleid haben muss. Die Gewerkschaften, in diesem Fall IG Metall sind auf jeden Fall mitschuldig.

  • Frau Würstle, ich bin immer wieder erstaunt, welch geringe Kenntnis solche Leute wie sie über den Kapitalismus haben und der Neiddebatte auf dem Leim gehen.
    Klar, betrügen geht nicht. Keine Frage. Aber "sein" Produkt gut verkaufen ist ein imanentes Element des Kapitalismus. Und Profit machen ist das Ziel. Die Nachfrage bestimmt den Preis, nicht die Produktionskosten!
    Es ist ihnen völlig frei gestellt, sich bei VW und Co. zu bewerben und dort zu arbeiten.
    Ich kann nur sagen: "Augen auf bei der Wahl des Arbeitgebers" oder sich erfolgreich selbständig machen.
    Lesen sie weiter die "BILD" Zeitung, dort ist der Neid Geschäftsmodell.

  • Ich muß hier leider sagen, dass ich weder mit den Eigentümern noch mit den Mitarbeitern "Mitleid" haben kann. Haben die Eigentümer und die Leitung doch massiv betrogen und die Mitarbeiter bisher Löhne erhalten, wovon eine "Normaler" nicht in der Großindustrie tätiger Handwerker nur träumen konnte. Die Jahresendgratifikationen der Industriebeschäftigten (einschl. Chemie und Pharma) machen fast 1/3 eines "Normalverdienerlohnes" aus. Hinzu kommt noch die geringere Arbeitszeit und die sonstigen Beschäftigungsgarantien und üppigen Betriebsrenten.
    Die SPD hat ihre Gewerkschaften bedient und die CDU/CSU hat mitgeholfen.
    Auf der Strecke blieb der Durchschnittsarbeiter oder Geringverdiener.
    Dieser zahlt die Zeche des höchsten Stromverbrauches und der Höchstmieten einschl. der geringeren Rentenansprüche. Und da zeigen die entsprechenden Politiker doch völliges Unverständis, wie jemand nur AfD wähen kann........................................