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Warum erst jetzt? VW stoppt Verkauf von Neuwagen mit Schummelmotor

Volkswagen zieht Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal: Das Unternehmen hat den Verkauf von Neuwagen mit dem Euro-5-Motor gestoppt. Anfang nächsten Jahres werden 8,5 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten zurückgerufen.
21.10.2015 Update: 21.10.2015 - 17:41 Uhr

So werden VW-Motoren „entmanipuliert“

Hamburg Im Skandal um millionenfach manipulierte Abgaswerte bei VW-Dieselwagen sieht der neue Konzernchef Matthias Müller noch keine konkreten Folgen für die Jobs bei Europas größtem Autobauer. „Im Moment haben wir keinen Anlass, über Kurzarbeit auch nur nachzudenken“, sagte der Manager am Mittwoch in Wolfsburg. Derweil verhängte Volkswagen Verkaufsstopps in EU-Ländern für einige wenige betroffene Autos, die noch auf Lager stehen.

Zur Frage, ob unter Umständen eine Reduzierung der Leiharbeit erwägt werde, äußerte sich Müller nicht. Für neuen Ärger sorgte unterdessen eine aus der niedersächsischen Staatskanzlei verschwundene VW-Akte.

Müller besuchte zusammen mit Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD) sowie Betriebsratschef Bernd Osterloh Mitarbeiter in der Wolfsburger Golf-Produktion. Der Konzern muss wegen des Abgas-Skandals allein in Deutschland 2,4 Millionen Diesel in die Werkstatt rufen. Die Aktion soll im Januar beginnen.

Der Vorstandschef bat um Geduld bei der Suche nach Antworten zur Schuldfrage: „Es ist nach wie vor so, dass wir in der Aufklärung begriffen sind.“ Parallel dazu gelte es nun, die richtigen Schlüsse zu ziehen, um ähnlichen Verfehlungen künftig vorzubeugen. Zudem liege ein Hauptaugenmerk auf der Reform der Strukturen. Das Unternehmen müsse „schlanker, disziplinierter und entscheidungsfreudiger“ werden.

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Standort erkennen

    Müller hatte Ende September Martin Winterkorn abgelöst. Dieser hatte die Verantwortung für manipulierte Stickoxid-Messwerte in den USA übernommen, ein persönliches Fehlverhalten aber zurückgewiesen.

    Weil betonte, dass ein Aspekt derzeit oft zu kurz komme: „Volkswagen ist eine Perle der deutschen Industrie.“ Der Belegschaft sei klar, dass der Konzern durch eine schwierige Phase gehe. Es sei aber gleichzeitig ein starker Wille der Mitarbeiter zu erkennen, für ihr Unternehmen zu kämpfen, um Vertrauen zurückzugewinnen.

    Osterloh, der wie Weil im VW-Aufsichtsrat sitzt, unterstrich nach dem Besuch die enge Allianz zwischen Niedersachsen als VW-Großeigner und der Arbeitnehmerseite. „Das Land steht zu 100 Prozent hinter Volkswagen und der Belegschaftsvertretung“, sagte Osterloh.

    Vor dem Eintreffen des Regierungschefs hatten aus der Staatskanzlei verschwundene Dokumente zum Abgas-Skandal neue Irritationen ausgelöst. Die sogenannte Handakte, in der fortlaufend Material und Informationen zu der Affäre gesammelt werden, ruft aufgrund einer Strafanzeige der Landesregierung die Staatsanwaltschaft Hannover auf den Plan - wegen möglichen Diebstahls. In dem Ordner sollen jedoch keine brisanten Informationen wie etwa Aufsichtsratsunterlagen sein.

    „Wir haben ein Ermittlungsverfahren zunächst gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf Diebstahl eingeleitet“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet.

    Ob die Handakte am Ende wirklich gestohlen, nur verlegt oder gar versehentlich in den Müll geworfen wurde, war zunächst offen. In der Staatskanzlei wird ein Diebstahl nach dpa-Informationen jedoch „als naheliegendste Variante“ vermutet. Die Akte soll nach Angaben von Regierungssprecherin Anke Pörksen am 9. Oktober „zuletzt bewusst gesehen“ worden sein. Vermisst gemeldet wurde sie dann am 12. Oktober vom zuständigen Sachbearbeiter, die Anzeige erfolgte am 16. Oktober.

    Pörksen sagte: „In der Handakte befanden sich ausschließlich Ausdrucke und Duplikate von Unterlagen, die meisten davon sind im Netz verfügbar, aber auch hausinterne Vermerke zu rechtlichen Fragen, keine Aufsichtsratsunterlagen.“ Insofern sei der Verlust ärgerlich, aber nicht hoch problematisch.“ Eine bereits durchgeführte Befragung von rund einem Dutzend Mitarbeitern habe bislang nichts ergeben.

    In der EU verkauft Volkswagen jetzt gar keine Neuwagen mehr mit dem betroffenen Motor EA 189. Bisher standen vereinzelt noch ältere Diesel-Neuwagen mit der Manipulations-Software bei Händlern im Lager - nun hat VW dafür einen Verkaufsstopp in allen 28 EU-Ländern verhängt.

    Es handle sich dabei um eine „sehr begrenzte Anzahl“, sagte ein Konzernsprecher. „In Einzelfällen“ könne es daher passieren, dass Kunden bestellte Fahrzeuge deshalb nun nicht ausgeliefert bekommen. Die neue Generation der VW-Dieselmodelle hat neue Motoren, die die Euro-6-Norm erfüllen und nicht von den Rückrufen betroffen sind.

    Auch Toyota kündigte eine große Rückrufaktion an. Weltweit muss der japanische Autoriese nach eigenen Angaben 6,5 Millionen Wagen in die Werkstätten beordern. Grund sei ein Defekt bei Fensterhebern. Erst im vergangenen Jahr hatte Toyota Millionen von Fahrzeugen zurückgerufen.

    Volkswagen und Toyota liefern sich ein Wettrennen um den Titel des weltgrößten Autokonzerns. Die Wolfsburger stehen wegen der Abgas-Affäre vor dem größten Rückruf ihrer Geschichte: In den 28 EU-Ländern holt VW 8,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten. Rund 2,4 Millionen davon entfallen auf den Heimatmarkt Deutschland.

    Wer Volkswagen alles verklagen will
    Texas
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    Harris County im US-Bundesstaat Texas ist bereits Ende September, keine zwei Wochen nach Bekanntwerden des Skandals, gegen Volkswagen vor Gericht gezogen. Der Landkreis, zu dem auch Amerikas viertgrößte Metropole Houston gehört, will den Wolfsburger Autobauer wegen unerlaubter Luftverschmutzung belangen und erhebt saftige Forderungen: Rund 100 Millionen Dollar Strafe soll Volkswagen zahlen, wenn es nach dem Willen von Staatsanwaltes von Harris County geht. „Ich denke, der Betrug wird relativ einfach nachzuweisen sein“, sagte der Anwalt des Landkreises, Richard Mithoff.

    (Foto: Imago)
    Texas
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    Rund 6000 betroffene Diesel-Kleinwagen aus dem Hause VW sollen in Harris County unterwegs gewesen sein. Der Landkreis war die erste staatliche Stelle, die eine Klage gegen den Autobauer eingereicht hat. Dabei ist Texas, der Staat der Öl-Konzerne und Pickup-Trucks, nicht gerade für sein großes Umweltbewusstsein bekannt. Der Landkreis Fort Bend ist ebenfalls nachgezogen und fordert rund eine Million von Volkswagen und Audi. Doch auch der Bundesstaat hat zwei separate Klagen gegen Volkswagen und Audi eingereicht und will so weitere Entschädigungszahlungen erstreiten.

    (Foto: ap)
    West Virginia
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    West Virginia war der erste Bundesstaat, der eine Klage gegen die Wolfsburger eingereicht hat. Hier hat schließlich auch alles angefangen. In einem kleinen Labor der staatlichen Universität des Bundesstaates wurde die Schummel-Software der Wolfsburger entdeckt.

    (Foto: Reuters)
    West Virginia
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    „Die Verbraucher aus West Virginia sind auf Volkswagens Werbung angesprungen und haben TDI Clean Diesel Modelle gekauft, in der Erwartung, dass diese besser für die Umwelt sind, sparsamer und gleichzeitig eine hohe Fahrleistung bringen“, sagt Generalstaatsanwalt Patrick Morrisey. Die Kunden hätten bis zu 6500 Dollar mehr für einen VW-Diesel ausgegeben. Dieses Geld sollen sie nun zurückbekommen, so die Forderung in der Klageschrift. Zudem will der Staat noch eine Strafe von 5000 Dollar pro Fahrzeug erheben. In West Virginia waren rund 2700 betroffene Autos auf den Straßen.

    (Foto: ap)
    Die Umweltbehörde
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    Amerikas Umweltbehörde EPA hatte Dieselgate überhaupt erst ins Rollen gebracht. Das Gesetz in den USA ist eindeutig: Bis zu 37 500 Dollar Strafe kann die US-Regierung laut dem Luftreinheitsgesetz für ein Auto verlangen, das nicht den Vorgaben des „Clean Air Act“ entspricht.

    (Foto: imago/UIG)
    Die Umweltbehörde
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    Volkswagen stattete insgesamt 482.000 Beetle, Golf, Passat und Audi A3 mit der Schummel-Software aus. Das wären – rein rechnerisch – 18 Milliarden Dollar. Es ist jedoch noch unklar. ob eine Summe in dieser Höhe eingefordert werden wird.

    (Foto: ap)
    Die US-Regierung
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    Das amerikanische Justizministerium bereitet Medienberichten zufolge eine strafrechtliche Untersuchung gegen Volkswagen vor. Dabei will sich die Regierung offenbar möglichst breit aufstellen und in verschiedene Richtungen untersuchen: Luftverschmutzung, Irreführung von Regierungsvertretern und falsche Versprechungen, die gegenüber Verbrauchern gemacht wurden, berichtet das „Wall Street Journal“.

    (Foto: ap)
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