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Weltstahlkonferenz Auf diese Belastungen muss sich die Stahlindustrie im kommenden Jahr einstellen

Kaum steigen die Stahlpreise, drohen der Branche neue Rückschläge – etwa durch geopolitische Krisen und Veränderungen in der Automobilindustrie.
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Trotz Stahlpreisanstieg ist das Geschäft der Stahlindustrie weiterhin unsicher. Handelskonflikte und Klimaschutzvorgaben bedrohen die Branche. Quelle: dpa
Stahlfabrik

Trotz Stahlpreisanstieg ist das Geschäft der Stahlindustrie weiterhin unsicher. Handelskonflikte und Klimaschutzvorgaben bedrohen die Branche.

(Foto: dpa)

Tokio Für die Chinesen hat Edwin Basson diesmal vor allem lobende Worte übrig. „Im vergangenen Jahr hat China große Produktionskapazitäten aus dem Markt genommen“, erklärte der Generaldirektor des Weltstahlverbandes gut gelaunt bei der Eröffnung der Jahreskonferenz am Dienstag in Tokio: „Das hat 500.000 Menschen den Job gekostet – und war ein großes Opfer der chinesischen Gesellschaft.“

Ein Olivenzweig, den Basson den chinesischen Mitgliedern des Verbandes reicht. Die werden schon länger vor allem von westlichen Herstellern dafür kritisiert, den Weltmarkt mit billigem Dumpingstahl zu fluten. 2016 führte das weltweite Überangebot zum drastischsten Preisverfall seit der Finanzkrise, der nahezu die gesamte Branche traf. Doch die Talsohle scheint vorerst überwunden.

Der Produktionsrückgang in China, der vor allem auf die Schließung veralteter Induktionsöfen zurückzuführen ist, ist nur ein Faktor für die Erholung. Auch die Nachfrage nach dem Werkstoff werde in den kommenden zwei Jahren anziehen, so das Ergebnis der halbjährlichen Prognose des Weltstahlverbands.

Bereinigt um statistische Sondereffekte soll die Nachfrage um 2,1 Prozent steigen, gefolgt von einem Wachstum von 1,4 Prozent im Jahr 2019. „Das Weltwirtschaftswachstum befindet sich derzeit auf einem Höhepunkt“, sagte Saeed al-Remeithi, Vorstandschef des arabischen Stahlherstellers Emirates Steel und Vorsitzender des Wirtschaftskomitees des Verbandes. „Wir gehen davon aus, dass sich der Trend in absehbarer Zeit umkehrt.“

So gebe es derzeit viele Unsicherheiten, die eine große Gefahr für die Weltwirtschaft darstellen – etwa das Risiko eines Handelskrieges, globale Spannungsphänomene wie der Brexit oder die zunehmenden Wahlsiege von Populisten in der westlichen Welt.

Noch allerdings läuft das Geschäft. So haben sich Schwellenländer wie Brasilien und Indien, in denen viel gebaut und damit traditionell auch viel Stahl verbraucht wird, im vergangenen Jahr von verschiedenen Krisen erholt. Besonders stark ist das Wachstum in den asiatischen Ländern: Für 2018 und 2019 rechnet der Weltstahlverband mit einem Nachfrageschub von 5,9 beziehungsweise 6,8 Prozent – China nicht eingerechnet.

Selbst in weitgehend gesättigten Märkten wie Nordamerika und der EU sollen die Umsätze der Branche in den kommenden zwei Jahren um etwa ein bis zwei Prozent steigen. „Die ökonomischen Bedingungen in der EU bleiben vergleichsweise stabil“, so al-Remeithi.

Unsicherheiten sind allgegenwärtig

Doch die Unsicherheiten sind allgegenwärtig. „Für 2019 rechnen wir mit einer Verlangsamung des Wachstums, bedingt durch möglicherweise aufziehende Handelskonflikte.“ Al-Remeithi muss den Verursacher der wachsenden Skepsis nicht beim Namen nennen. Auf dem wohl wichtigsten Treffen der Branche weiß jeder, wer gemeint ist.

Mit der Einführung von Stahlzöllen stellte US-Präsident Donald Trump im Frühling sowohl befreundete Regierungen als auch viele ausländische Hersteller vor vollendete Tatsachen. Seither müssen US-Kunden auf importierten Stahl einen Strafzoll in Höhe von 25 Prozent bezahlen.

Andere Länder reagierten ihrerseits mit Schutzmaßnahmen – so zum Beispiel die EU. Die setzte Mitte Juli sogenannte „Safeguards“ in Kraft, um zu verhindern, dass der ursprünglich für US-Kunden bestimmte Stahl künftig für Preisdruck in Europa sorgt. Aus ähnlichen Gründen hat auch Kanada inzwischen angekündigt, jene Stahlimporte mit einem 25-prozentigen Zoll zu belegen, die den Absatz-Durchschnitt der vergangenen Jahre deutlich überschreiten.

Zwar führten die Handelsbarrieren prinzipiell nicht dazu, dass weniger Stahl verbraucht würde, so Basson: „Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Zölle zunächst einmal nur dafür sorgen, dass sich in unterschiedlichen Regionen die Preise unterschiedlich entwickeln.“ Schlimmer seien aber die indirekten Effekte: ungleiche Produktionsbedingungen für Unternehmen, verlangsamtes Wirtschaftswachstum, Eskalation

So gehen Studien davon aus, dass die Weltkonjunktur bis 2020 um bis zu 0,8 Prozent schrumpfen könnte, sollten andere Staaten dem Beispiel der USA folgen und Vergeltungszölle etwa auf Autos erheben. Das dürfte sich negativ auf das Investitionsverhalten vieler Unternehmen auswirken und damit auch auf den weltweiten Stahlbedarf. Mit den zunehmenden Wahlsiegen populistischer Parteien wird ein solches Szenario wahrscheinlicher: Wie auch Trump stehen sie in der Regel für eine protektionistische Handelspolitik.

Stahlkonzerne im Visier von Klimaschützern

Hinzu kommen vor allem bei den europäischen Herstellern womöglich strengere Vorgaben für den Klimaschutz. Denn bei der Stahlproduktion werden große Mengen Kohlendioxid ausgestoßen, das als Hauptverursacher der globalen Erwärmung gilt.

2015 hatten fast 200 Staaten bei der Klimakonferenz vereinbart, die Erwärmung jährlich auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Doch viele Experten halten die bisherigen Anstrengungen nicht für ausreichend – was die Produzenten von CO2 in den Blick der Klimaschützer rückt.

Die Stahlindustrie ist gleich doppelt davon betroffen. Denn einer der Hauptabnehmer der Branche ist die Autoindustrie, die ebenfalls für große Teile des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich ist. Setzt sich der Trend zu Elektro-Antrieben fort, könnte sich das auch negativ auf den Stahlbedarf auswirken: Weil die Fahrzeuge besonders leicht konstruiert werden müssen, um die Akkuleistung zu verbessern, setzen die Autobauer dabei oft weniger Stahl ein als bisher – mit noch ungewissen Folgen für die Produzenten.

Chancen in dieser Entwicklung sehen vor allem spezialisierte Hersteller wie die österreichische Voestalpine, deren Stähle beispielsweise bei geringem Gewicht besonders stabil sind. Der indische Stahlkonzern Tata geht sogar davon aus, dass der Trend zur Elektromobilität die Nachfrage steigern könnte: Gegenüber den alternativen Werkstoffen Aluminium und Karbon habe Stahl den Vorteil, dass er unbegrenzt wiederverwertet werden könne, heißt es in einer Studie des Unternehmens. Das wiederum würde die Umweltbilanz eines Elektrofahrzeugs über die gesamte Lebensdauer verbessern.

Doch selbst wenn ein Handelskrieg abgewendet und die globale Erwärmung gestoppt werden kann – noch immer produzieren die Hersteller Branchenschätzungen zufolge rund 30 Prozent mehr, als ihre Kunden verbrauchen. „Die Überkapazitäten bleiben ein chinesisches Problem“, sagte ein Teilnehmer am Rande der Konferenz hinter vorgehaltener Hand.

Fragt sich also, wie schnell der Olivenzweig, den Weltstahldirektor Basson den Chinesen zu Beginn gereicht hatte, verwelkt.

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