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Wirtschaftshistoriker Manfred Grieger NS-Aufarbeitung: „Conti ist da durchaus etwas später dran“

Der Autozulieferer hat seine Vergangenheit aufgearbeitet. Viele Konzerne verpassen bei dem Thema jedoch Chancen, warnt Unternehmenshistoriker Manfred Grieger.
27.08.2020 - 17:00 Uhr Kommentieren
Bis 2016 war er Chefhistoriker der Volkswagen AG. Seit 2007 ist Grieger auch als Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen tätig, wo er 2018 zum Professor ernannt wurde. Sein jüngster bekannterer Forschungsauftrag war die NS-Studie für den Kekshersteller Bahlsen. Quelle: Heidrich
Wirtschaftshistoriker Manfred Grieger

Bis 2016 war er Chefhistoriker der Volkswagen AG. Seit 2007 ist Grieger auch als Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen tätig, wo er 2018 zum Professor ernannt wurde. Sein jüngster bekannterer Forschungsauftrag war die NS-Studie für den Kekshersteller Bahlsen.

(Foto: Heidrich)

Düsseldorf Der Vorläufer des Dax-Konzerns Continental hat nach Erkenntnissen von Historikern eine bedeutsame Rolle in der NS-Wirtschaft gespielt und auch Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet. Dies geht aus einer am Donnerstag vorgestellten Untersuchung hervor. Der Autozulieferer folgt damit prominenten Beispielen wie etwa Volkswagen oder Deutsche Bank.

Viele deutsche Unternehmen hätten in der Aufarbeitung der eigenen unrühmlichen Vergangenheit jedoch nur eine lästige Pflicht gesehen, kritisiert der Wissenschaftler Manfred Grieger. Fast 20 Jahre war er Chefhistoriker bei VW, jetzt ist er Professor an der Uni Göttingen.

Herr Grieger, legt Continental seinen Bericht über die NS-Vergangenheit nicht vergleichsweise spät vor?
Die meisten Unternehmen im Dax – wenn man einmal von den wenigen Neugründungen absieht – haben das in den vergangenen 20 Jahren irgendwann einmal gemacht. Conti ist da also durchaus etwas später dran. Dass auch das Konzernarchiv erst wiederbelebt werden musste, deutet darauf hin, dass das Unternehmen in Fragen der Konzerngeschichte einige Zeit unentschieden war. Jetzt hat es offensichtlich einen Neuansatz gegeben, was erst einmal zu begrüßen ist. Zudem sollten aus den Forschungsergebnissen Lehren für die eigene Unternehmenskultur gezogen werden. Das Ganze muss also auch eine Bedeutung für die Gegenwart haben.

Halten wir also fest: Continental hätte damit durchaus etwas schneller sein können.
Bei diesen Themen ist es immer etwas schwierig zu sagen, ob es zu früh oder zu spät war. Hauptsache ist, dass diese Studie in Auftrag gegeben wurde. Continental war schon in der NS-Zeit ein großes Unternehmen, das von einem Historiker nicht einmal eben an einem Nachmittag analysiert werden kann. Seit den 1980er-Jahren war immerhin bekannt, dass Conti durch die Einbindung in das NS-Konzentrationslagerwesen da und dort ein besonders schwerer Fall war. Gummi- und Kautschukprodukte waren ein Kernbereich der deutschen Rüstungswirtschaft. Entsprechend muss das Führungspersonal mit den Spitzen des nationalsozialistischen Deutschland vernetzt gewesen sein.

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    Conti hat in den zurückliegenden Jahrzehnten viele andere Traditionsunternehmen mit eigener Geschichte aufgekauft. Macht das die Aufklärungsarbeit schwieriger?
    Von der historischen Aufarbeitung her ist das natürlich komplizierter. Aber grundlegend ist die Entscheidung des Unternehmens, ob es die Aufklärung geben soll oder nicht. Der Historiker hat es dann vielleicht etwas schwerer, weil er sich mehr ansehen muss. Man muss dann nur entsprechend mehr Zeit und Geld investieren.

    Gibt es einen generellen Unternehmenstrend bei dieser Art der Aufarbeitung?
    Die Unternehmen haben sich gewandelt. Ein Generationswechsel hatte sich schon länger angedeutet. Die Generation, mit der die NS-Aufklärungsarbeit zunächst begonnen hatte, ist aus Altersgründen schon wieder aus den Unternehmen heraus. Die meisten Konzerne machen so etwas heute nicht aus einer historischen Leidenschaft heraus. Ich würde es so formulieren: Sie brauchen dafür eine kommunikative Veranlassung. Bei Conti ist es ein nachvollziehbarer Grund, dass die Ergebnisse Einzug in die Unternehmenskultur halten sollen.

    Ist das denn bei anderen Unternehmen gelungen?
    Dass das auch tatsächlich in die Unternehmenskultur hineingesackt ist als kulturelles Gedächtnis, das kann eher bestritten werden. Eine entscheidende Frage bleibt doch: Was bedeuten solche Ergebnisse für das ökonomische Handeln in der Gegenwart? Ein Beispiel wäre etwa der Punkt, wie Unternehmen heute mit Diktaturen umgehen. Das ist aus meiner Sicht die nächste, sich anschließende Aufgabe.

    Viele deutsche Unternehmen haben in der historischen Aufarbeitung der NS-Zeit also nur eine lästige Pflichtübung gesehen, ohne Konsequenzen für die Gegenwart daraus zu ziehen?
    Ich würde sagen, dass das die grundlegende Tendenz ist. Es gibt nur wenige Unternehmen, die sich dauerhaft auf dem Feld der Erinnerung engagieren. Volkswagen macht das, aber wahrscheinlich dort auch eher nur die Arbeitnehmervertretung. Bei Siemens gibt es überhaupt noch keine umfassende Studie. Wir sehen also manchmal sogar gegenläufige Tendenzen. Vielleicht sind wir derzeit in einer Phase, wo die Unternehmensleitungen das frühere Konfliktthema Zwangsarbeiter-Entschädigung als erledigt ansehen, weil Geld gezahlt wurde. Aber das ist ein bekanntes Missverständnis, dieses Thema lässt sich nicht einfach „erledigen“.

    Kommen wir zu Conti zurück: Die Zeit wird zeigen, ob das Unternehmen die richtigen Schlüsse aus seiner eigenen NS-Studie zieht?
    So muss man das sehen. Wichtig ist die Ankündigung, dass das Unternehmen mit seinem Konzernarchiv eine transparente und weitgezogene Informationspolitik fahren will. Da geht es dann um die Zugänglichkeit von Unterlagen und vieles andere mehr.
    Herr Grieger, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Deutsche Unternehmen in der NS-Zeit: Dieser Mann soll bei der Aufarbeitung helfen

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