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Zollern-Chef Erkes im Interview „Altmaier kann jetzt zeigen, wie ernst er es mit seiner neuen Industriepolitik wirklich meint“

Der Mittelständler bekämpft das Veto gegen die Miba-Fusion. In einer Ministererlaubnis sieht er die letzte Chance. Doch einen Plan B hat er nicht.
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Der Geschäftsführer der Zollern-Gruppe kann die Entscheidung des Kartellamts nicht nachvollziehen. Quelle: ZOLLERN
Klaus Erkes

Der Geschäftsführer der Zollern-Gruppe kann die Entscheidung des Kartellamts nicht nachvollziehen.

(Foto: ZOLLERN)

DüsseldorfSeit etwas mehr als elf Jahren führt der gebürtige Rheinländer Klaus Friedrich Erkes die Zollern-Gruppe eher unspektakulär, wie schwäbische Mittelständler aus der Provinz nun einmal so sind. Aber wer sich in Schwaben von der Obrigkeit ungerecht behandelt fühlt, wird mitunter renitent – wie die Wutbürger beim Bau des Bahnhofs Stuttgart 21 oder wenn sie mit ihrem heiligen Diesel-Blechle nicht mehr in die Stadt fahren dürfen.

Das Veto des Bundeskartellamts gegen eine Fusion mit dem österreichischen Partner Miba bringt den 60-jährigen Manager zu der kühnen Idee, eine Ministererlaubnis zu fordern. Im Gespräch mit dem Handelsblatt in einem Restaurant am Stuttgarter Stadtrand erläutert Erkes die wichtigsten Gründe. Sein eindringlicher Appell: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier muss zeigen, wie ernst er es mit seiner neuen Industriepolitik wirklich meint, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen und europäischen Mittelstands geht.

Herr Erkes, das Bundeskartellamt hat Ihnen verboten, Ihr Gleitlagergeschäft mit dem österreichischen Familienunternehmen Miba zusammenzulegen. Können Sie das nachvollziehen?
Nein, nicht wirklich. Zusammen haben wir 300 Millionen Euro Umsatz, und nur bei den Gleitlagern für mittelschnell laufende Viertaktmotoren entstünde eine stärkere Marktstellung. Aber dieser Markt ist nur 13 Millionen Euro klein und damit ein Bagatellmarkt.

Also eine Fehlentscheidung?
Marktabgrenzungen sind bei Kartellentscheidungen immer eine Ermessensache. Das Bundeskartellamt hat den relevanten Produktmarkt von Gleitlagern mit großem Bohrungsdurchmesser in unseren Augen künstlich zusammengefasst. Da werden Marktanteile bei Gleitlagern addiert, die Zollern gar nicht herstellt.

Aber warum schießt dann das Kartellamt mit Kanonen auf Spatzen?
Wir sind zwar nicht groß, aber auch keine Spatzen, sondern Mittelständler, die sich mit einem Zusammenschluss auf dem Weltmarkt gegen den dreimal größeren Weltmarktführer Daido behaupten wollen.

Jetzt müssen Sie bitte mal kurz erklären, was Gleitlager sind.
Im Gleitlager sind die beiden sich relativ zueinander bewegenden Teile durch einen Ölfilm getrennt. Vereinfacht gesagt: Die Funktion von Kugeln in einem Kugellager übernimmt in Gleitlagern ein Schmiermittel. Gleitlager werden häufig bei größeren Aggregaten wie Schiffsmotoren oder Generatoren verwendet.

Was können Sie denn jetzt noch gegen die Bonner Entscheidung tun?
Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten. Eine Klage – aber die würde mindestens drei Jahre dauern. So viel Zeit haben wir nicht. Deshalb versuchen wir, eine Ministererlaubnis zu bekommen.

Aber das wäre ja gleich das ganz große Besteck, das Wirtschaftsminister Peter Altmaier auspacken müsste ...
Das mag sein. Unser Fall ist zwar klein, aber ein Paradebeispiel für den Sinn und Zweck einer Ministererlaubnis. Es geht hier um mehr. 

Und zwar?
Minister Altmaier hat ja gerade seine „Nationale Industriestrategie 2030“ ausgerufen. Er kann jetzt zeigen, wie ernst er es mit seiner neuen Industriepolitik wirklich meint, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands geht. Altmaier muss seinem Reden Taten folgen lassen.

Eine Ministererlaubnis wurde seit der Einführung im Jahre 1973 erst 22 Mal beantragt und nur in neun Fällen erteilt. Das spricht nicht für eine hohe Erfolgschance.
Aber wir probieren es trotzdem – und die neue Industriepolitik des Wirtschaftsministeriums sollte die Chancen zur Genehmigung deutlich erhöhen.

Und warum sollte sich Bundeswirtschaftsminister Altmaier wegen so einer Sache mit der Kartellbehörde anlegen und deren Entscheidungen kassieren?
Weil es um den Mittelstand geht, der ihm am Herzen liegt – wie er immer betont –, und wir nur mit dem Zusammenschluss auf Dauer mit dem japanischen Weltmarktführer Daido konkurrieren können.

Das müssen Sie genauer erklären.
Der Markt für Gleitlager schrumpft seit fünf Jahren. Es gibt Überkapazitäten auf dem Frachtmarkt. Unter anderem sind die Frachtschiffe, in deren Motoren unsere Gleitlager verbaut werden, nach dem Ausbau des Panamakanals immer größer geworden. Deshalb sinkt bei uns die Nachfrage, und der Preisdruck steigt. Zudem sehen wir uns einer staatlich subventionierten Konkurrenz in Asien gegenüber, und dies bei deutlichen Überkapazitäten.

So etwas kommt auch in anderen Märkten vor.
Aber bei uns kommt noch hinzu, dass wir in dem sinkenden Markt hohe Entwicklungskosten für neue, zukunftsträchtige Gleitlageranwendungen wie etwa Windkraftgleitlager oder Gasturbinengleitlager stemmen müssen.

Auch eine solche Umbruchsituation ist nicht so ungewöhnlich.
Aber es gibt zusätzlich noch ein Problem: Zollern wird von seinem Vormateriallieferanten unter Druck gesetzt.

Inwiefern?
Wir produzieren als einziger Gleitlagerhersteller unser Rohmaterial für Motoren nicht selbst. Wir sind da abhängig von Federal Mogul, einem Unternehmen, das uns das schwierig herzustellende Stahl-Bronze-Band, das man für Gleitlager braucht, zuliefert. Federal Mogul hat ein Joint Venture mit einem indischen Gleitlagerhersteller geschlossen, drängt auf unseren Markt und erhöht gleichzeitig die Preise seiner Vormaterialien für uns. Diesen Nachteil können wir nicht ausgleichen. Miba hat ein eigenes Vormaterialwerk, das wir im Joint Venture gleichberechtigt nutzen könnten. Andere Rohmateriallieferanten gibt es zurzeit nicht.

Was sagen eigentlich Ihre Mitarbeiter dazu, dass Sie künftig für ein österreichisches Unternehmen arbeiten sollen?
Das Unternehmen ist seit 300 Jahren und elf Generationen im Besitz der Familie Hohenzollern. Die Gruppe hat noch fünf weitere Sparten. Wir sind ein typischer langfristig denkender Mittelständler. Unsere Beschäftigten haben ein sehr feines Gefühl fürs Geschäft, und der Betriebsrat unterstützt unser Vorhaben. Die Miba macht mit Gleitlagern 220 Millionen Euro Umsatz, wir machen 70 Millionen Euro. Da sind die Kräfteverhältnisse klar. Aber mit einem Anteil von 25,1 Prozent können wir auch weiterhin unsere und die Interessen unserer Mitarbeiter wahren.

Und warum sieht das Kartellamt diese Zusammenhänge nicht?
Weil es ja nur nach seinen Vorgaben und Richtlinien entscheidet. Und weil es bei den relevanten Märkten und den Abgrenzungen der Produkte eben anders entschieden hat, als wir das sehen. Aber der Paragraf 42 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist ja dafür da, dass der Minister aus übergeordneten Gründen sich über die rein wettbewerbliche Betrachtung hinwegsetzen kann.

Doch auch dafür muss es Voraussetzungen geben.
Die sind aus unserer Sicht und der unserer Berater erfüllt. Die tatsächliche Überschneidung liegt in Deutschland unter der Bagatellmarktgrenze. Das Zusammengehen wäre gesamtwirtschaftlich vorteilhaft und wertvoll, weil wir eine Schlüsseltechnologie für den Motoren- und Maschinenbau beherrschen, mit großem Innovationspotenzial für künftige umweltschonende Technologien wie Wind-, Wasser- und Gaskraft. Zudem würden hochqualifizierte Arbeitsplätze in einem strukturschwache Raum wie Osterode erhalten. Es wäre ein klarer Einzelfall in der Mittelstandsförderung. Damit wäre die Anwendung der Ministererlaubnis verhältnismäßig und gesetzeskonform. 

Aber es hätte doch sicher noch Alternativen gegeben ...
Nein, eben nicht. Kein anderer Hersteller war bereit, mit Zollern ein Joint Venture einzugehen. Und einer chinesischen Firma oder Marktführer Daido wollten wir uns nicht an die Brust werfen. Die hätten nur Know-how und Kunden abgezogen. Von den Arbeitsplätzen hierzulande ganz zu schweigen.

Und was passiert, wenn der Minister nicht mitspielt?
Dann wird es für die beiden europäischen Hersteller zunehmend schwierig, sich gegen die asiatischen Wettbewerber zu behaupten.

Wie sehen denn die österreichischen Kartellbehörden den Fall?
Das ist ja gerade das Verrückte: Die Österreicher haben keinerlei Bedenken. Alle drei Kunden in Europa, MAN, Wärtsilä und Caterpillar, haben keine Einwände gegen unser Zusammengehen. Eben weil sie nicht von Weltmarktführer Daido abhängig werden wollen.

Dann dürfte es aber für Herrn Altmaier nicht so schwer sein, über dieses Stöckchen zu springen.
Eigentlich nicht. Es tut ja keinem weh. Es wäre ein Prototyp für sinnvolle Industriepolitik mit denkbar geringem Aufwand. Wir wollen nicht, dass die Politik uns schützt. Wir wollen nicht wie bei der Batteriezellenfertigung Subventionen für ein Geschäftsmodell, das es nicht gibt, und wir wollen keine Bevorzugung. Und keiner im Markt außer Daido ist sauer. Wir wollen nur eine Genehmigung.

Und was passiert jetzt gerade?
Der Minister holt Meinungen ein. Die vom Kartellamt hat er. Jetzt fertigt die Monopolkommission bis Mitte April ein Sondergutachten an. Danach hat er maximal sechs Monate Zeit zur Entscheidung. Und auch sein eigenes Ministerium prüft den Fall. In dieser Woche ist beispielsweise eine Anhörung mit uns.

Drei unterschiedliche Institutionen sitzen an dem Fall?
Ja, und dann hat der Minister am Ende drei Ordner, einen roten, einen gelben und einen grünen auf dem Tisch und entscheidet dennoch eigenständig.

Und wenn er Nein sagt?
Ehrlich gesagt, ich habe keinen Plan B oder C. Für eine immer noch mögliche Klage lässt der Wettbewerb uns keine Zeit.

Herr Erkes, vielen Dank für das Interview.

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