Zukunftstechnologien E-Mobilität und Roboterautos – VW und Ford bereiten umfassende Auto-Allianz vor

VW und Ford planen eine weitreichende Kooperation bei selbstfahrenden Fahrzeugen und E-Mobilität – und versprechen sich Einsparungen in Milliardenhöhe.
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Gemeinsam mit Ford soll die Forschung vorangetrieben werden. Quelle: Volkswagen AG
VW-Studie ID Neo

Gemeinsam mit Ford soll die Forschung vorangetrieben werden.

(Foto: Volkswagen AG)

Frankfurt, DüsseldorfVW-Chef Herbert Diess sorgt sich um den Bestand des Konzerns. „Aus heutiger Sicht stehen die Chancen vielleicht bei 50 zu 50, dass die deutsche Automobilindustrie in zehn Jahren noch zur Weltspitze gehört“, hatte er kürzlich gemahnt. Mit dieser Aussage will er auch die eigene Mannschaft auf den Kurs einschwören, für den der Aufsichtsrat auf seiner Sitzung am 16. November den Weg frei machen soll.

Die große Überraschung dabei: Um die Zukunftschancen seines Konzerns zu verbessern, will der Vorstandschef in bisher kaum vorstellbarem Maß mit dem US-Hersteller Ford zusammenarbeiten, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Die Unternehmen wollen in den wichtigen Zukunftsfeldern autonomes Fahren und Elektromobilität ihre Kräfte bündeln.

Ziel der Kooperation ist es, die Kosten für die Entwicklung dieser Zukunftstechnologien deutlich zu senken: Allein bei Volkswagen summieren sich die Investitionen in diesem Bereich auf rund 34 Milliarden Euro. Die Gespräche sind weit fortgeschritten, in der Aufsichtsratssitzung könnten die Weichen endgültig gestellt werden. Bei dem Treffen will VW-Chef Herbert Diess den Kontrolleuren seine Investitionsplanungen für die kommenden zehn Jahre vorstellen – und darin geht es vor allem um die Entwicklung von E-Motoren sowie selbstfahrenden und vernetzten Autos.

Wie kostspielig die Entwicklung der neuen Mobilität ist, zeigt sich an der Höhe der avisierten Ausgaben. Schon in der Planungsrunde des vergangenen Jahres hatte Volkswagen angekündigt, dafür bis 2022 rund 34 Milliarden Euro ausgeben zu wollen. „VW muss jede sinnvolle Chance nutzen, diesen Kostenberg zu senken“, hieß es dazu in Konzernkreisen. Und Ford könnte dabei helfen.

Die Pläne sind schon konkret

In der Topetage des Konzerns und im Betriebsrat sind sich die Akteure der Bedeutung bewusst. „Die Planungsrunde ist zwar arbeitsintensiv und stressig, aber aufgrund der einhelligen Einschätzung ungewohnt ruhig“, hieß es. „In den kommenden Jahren sollen dann die einzelnen Projekte mit den Amerikanern Stück für Stück ausgerollt werden“, sagte eine Führungskraft.

Die Pläne sind dabei schon konkret: Bereits im nächsten Schritt wollen Volkswagen und Ford eine gemeinsame Entwicklung für selbstfahrende Fahrzeuge anpacken. VW will die Kompetenzen rund um das autonome Fahren in der Mobilitätstochter Moia bündeln, die dazu ihren Sitz von Berlin nach Hannover verlegen soll. Über Moia könnte sich VW zu 50 Prozent an Ford Autonomous Vehicle beteiligen, einer Tochter des US-Konzerns.

Zwar hat Volkswagen in den vergangenen Jahren selbst intensiv an dieser Technik geforscht. Die Verantwortung dafür lag bislang bei der Premiumtochter Audi, die selbstfahrende Autos auf die Straße schicken könnte. Im Vergleich zu Konkurrenten wie der Alphabet-Tochter Waymo hinkt der Konzern aber zurück. „Die haben im Gegensatz zu uns bereits mit ihren Modellen 16 Millionen Kilometer autonomes Fahren geschafft“, sagte ein in die Überlegungen eingebundener Konzernmanager.

Der Google-Mutterkonzern hat damit einen Vorsprung: Während Waymo nun erstmals fahrerlose Autos im US-Bundesstaat Kalifornien auf die Straße schicken kann, wird VW noch lange warten müssen. „Diesen Rückstand müssen wir schnell überbrücken“, hieß es aus dem Management. Denn ohne eine solche Kilometerleistung könnten die Fahrzeuge nicht zugelassen werden und erhielten auch nicht den benötigten Versicherungsschutz.

Die Technik von Volkswagen und Audi gilt nicht als ausreichend erprobt. „Wir brauchen also Kilometer und noch mehr Kilometer“, ergänzte der Manager.

Diesen Rückstand will VW mithilfe von Ford aufholen. Außer einer Teilung der Kosten bietet der Traditionskonzern auch den Vorteil einer breiten Präsenz in den USA. Anders als in Europa werden in den Vereinigten Staaten Tests mit autonomen Fahrzeugen viel leichter bewilligt.

Die Zusammenarbeit mit Ford bei selbstfahrenden Autos ist nicht final beschlossen. In Konzernkreisen hieß es daher, es könnte alternativ auch mit Waymo oder anderen Firmen eine Partnerschaft geschlossen werden. Dies wäre aber mit Sicherheit sehr teuer, und zudem würde ein Neuling im Markt unnötig gestärkt. Es laufe daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf Ford hinaus, hieß es. Zum Verlauf der Gespräche mit Ford wolle sich Volkswagen nicht äußern.

Die Wolfsburger sind nach Angaben von Finanzchef Frank Witter offen für Partnerschaften bei der Entwicklung selbstfahrender Autos. „Es ist kein Geheimnis, dass das eine sehr teure Geschichte ist, das zu entwickeln, und dass es schon den ein oder anderen gibt, der weit fortgeschritten ist“, sagte Witter in dieser Woche in einer Telefonkonferenz.

Bob Shanks, Witters Amtskollege bei Ford, hatte bereits in der vergangenen Woche angedeutet, dass es zu einer sehr weitreichenden Zusammenarbeit mit Volkswagen kommen könnte. „Die Gespräche sind durch nichts limitiert. Eine Kooperation kann die Technologie, Produkte und die geografische Aufteilung umfassen“, sagte er im Gespräch mit Bloomberg. Bereits im Sommer hatten die beiden Konzerne eine Kooperation im Bereich leichter Nutzfahrzeuge angekündigt. Dabei wollen es Diess und sein Gegenüber bei Ford – Vorstandschef Jim Hackett – aber nicht belassen.

Volkswagen sieht genauso ein breites Feld von Möglichkeiten: Im Gespräch sei, dass Volkswagen auf Modelle von Ford zurückgreifen könnte, um seine Position in dem weltweit zweitgrößten Automobilmarkt zu stärken. Bislang sind die Niedersachsen in den USA mit einem Absatz von wenigen Hunderttausend Fahrzeugen nur ein Nischenanbieter.

„Attraktiv sind vor allem die Pick-ups, bei denen Ford anders als VW gut aufgestellt ist“, sagte ein Beteiligter. Ford- und Volkswagen-Modelle könnten gemeinsam in US-Fabriken produziert werden.

Die Zusammenarbeit soll keine Einbahnstraße werden. Hilfe für ihr Geschäft erhoffen sich auch die Amerikaner, die mit großen Problemen auf ihren Auslandsmärkten kämpfen. Um das schleppende Geschäft in Europa in den Griff zu bekommen, will Ford den Elektrobaukasten MEB von Volkswagen nutzen. Diese Plattformen sind ein Grundgerüst, auf dem sich die neuen Elektromodelle entwickeln lassen. Volkswagen ist hier führend.

Ford hat in Europa Probleme

Wie seine Wettbewerber muss Ford massiv in die Entwicklung von Elektroautos investieren, um die Umweltrichtlinien in der EU einhalten zu können. Bereits von 2021 an drohen hohe Strafen, wenn die Grenzwerte beim Ausstoß von Kohlendioxid überschritten werden. Elektroautos leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, dass die Autohersteller die neuen Abgasvorschriften erfüllen können.

Europa entwickelt sich für Ford zu einem immer größeren Problem. Im zweiten Quartal dieses Jahres hat der US-Konzern auf dem europäischen Markt 73 Millionen Dollar verloren. Im Sommer ging es noch weiter bergab: Für das dritte Quartal weist Ford in Europa einen Verlust von 245 Millionen Euro aus. Der US-Konzern entfernt sich immer weiter vom Ziel einer Mindestrendite von sechs Prozent, die in der Autobranche heute als Überlebensgarant angesehen wird.

VW sei grundsätzlich offen, den MEB für Ford zu öffnen, hieß es. Mit den Einnahmen für die Überlassung würden die Entwicklungskosten für die Plattform schneller wieder hereinkommen. Allerdings werde dies erst ein oder zwei Jahre nach der Einführung der entsprechenden VW-Modelle möglich sein. „Diess will uns nicht den technologischen Vorteil nehmen lassen“, berichtete ein Manager.

Mit dem Wechsel von Benzin auf Strom will Diess auch die Investitionen in Verbrennungsmotoren zurückfahren. Dazu sei geplant, Motoren von Ford zu übernehmen. Diese gelten als besonders effizient. „Wir würden mit jedem Motor, auf dessen Entwicklung wir verzichten, Hunderte von Millionen sparen“, sagte eine Führungskraft.

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