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Zulieferer Qualifizierung statt Jobgarantien: Bei Continental wird um die Zukunft gerungen

Conti geht einen anderen Weg als Bosch und ZF. Statt Jobgarantien will Personalchefin Reinhart die Mitarbeiter weiterbilden. Offen ist, wie das Modell finanziert werden soll.
17.08.2020 - 12:24 Uhr Kommentieren
Der Autozulieferer verhandelt mit den Arbeitnehmervertretern über eine Arbeitszeitverkürzung. Quelle: dpa
Continental

Der Autozulieferer verhandelt mit den Arbeitnehmervertretern über eine Arbeitszeitverkürzung.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Deutschlands große Zulieferer suchen nach den besten Strategien, um ohne eine große Kündigungswelle durch die Coronakrise zu kommen. Bosch hatte Ende Juli die Arbeitszeit in den Bereichen Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung gesenkt. Einen Tag später folgte ZF mit einer Regelung, die für alle ZF-Beschäftigten bundesweit gilt. Beide Unternehmen sprachen Beschäftigungsgarantien für die kommenden zwei Jahre aus. Bei Continental will man es nun anders machen.

„Eine Arbeitszeitverkürzung mit einer Jobgarantie für ein paar Jahre ist aus unserer Sicht keine nachhaltige Lösung“, sagt Conti-Personalvorständin Ariane Reinhart im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Bei Continental suchen wir nach Wegen, die unseren Rahmenbedingungen und unserer Ausrichtung entsprechen. Wir wollen möglichst viele Mitarbeiter durch das Corona-Tal führen und mit ihnen die enormen Herausforderungen der Transformation der gesamten Autoindustrie meistern.“

Dabei hatte Continental selbst in der Coronakrise als erstes großes Unternehmen in der deutschen Autoindustrie eine Arbeitszeitverkürzung ins Spiel gebracht. Ende Juni hatte die Conti.Personalvorständin Reinhart diese Idee aufgebracht – nur um kurze Zeit später von den Konkurrenten überholt zu werden.

Conti will im Zuge einer möglichen Arbeitszeitverkürzung nun zwei Wege einschlagen. Zum einen sollen die Mitarbeiter, die durch eine geringere Arbeitszeit freigewordenen Stunden für die Weiterbildung nutzen, um am Ende des Strukturwandels eine zukunftsfähige Qualifizierung zu haben. „Zum anderen müssen wir dafür sorgen, dass Mitarbeiter, die ihren Job verlieren sollten, über eine Perspektivqualifizierung in anderen Berufen eine nachhaltige Anstellung finden können“, sagt Reinhart.

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    Bei Conti finden derzeit Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern statt. Im Gegensatz zu Bosch oder ZF muss sich Conti mit zwei Gewerkschaften, der IG Metall und der IG BCE, einigen. Auch das ist ein Grund, warum es beim Unternehmen aus Hannover länger dauert als bei der Konkurrenz im Süden. Die beiden Stiftungskonzerne Bosch und ZF hatten im Stillen bereits mit den Betriebsräten verhandelt.

    Zusätzlicher Druck auf die Zulieferer

    Autoexperten rechnen frühestens in drei Jahren mit einer Erholung der Pkw-Märkte. Conti-Chef Elmar Degenhart geht im schlimmsten Fall sogar davon aus, dass die weltweiten Pkw-Absatzmärkte erst 2025 das Rekordniveau von 2017 erreichen werden. Einige Branchenbeobachter halten es sogar für möglich, dass nie wieder Absatzzahlen um die 100 Millionen Einheiten erreicht werden.

    „Derzeit haben wir zu hohe Produktionskapazitäten für zu wenig Nachfrage“, sagt Reinhart. Darunter würden auch die Autobauer leiden, weshalb sie ihr Insourcing erhöht hätten. Auf diese Weise könnten sie die eigenen Kapazitäten besser auslasten. „Das sorgt aber für zusätzlichen Druck bei Zulieferern“, erklärt die Personalchefin des Dax-Konzerns.

    Neu ist die Idee einer Arbeitszeitverkürzung nicht. Inspiriert ist das Vorhaben von VW. 1993 hatte der Autobauer unter dem damaligen Personalchef Peter Hartz eine kollektive Absenkung der Arbeitszeit um 20 Prozent mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt und so 20.000 Arbeitsplätze gerettet.

    Die Viruspandemie beschleunigt aktuell den Strukturwandel in der Zuliefererbranche. Unter anderem durch politische Entscheidungen angetrieben, nimmt der Anteil der Elektromobilität bei den Neuzulassungen von Fahrzeugen schneller zu als ursprünglich angenommen. Dieser Wandel geht auch mit einem beschleunigten Wegfall von Arbeitsplätzen einher. Mit Weiterqualifizierung sollen die Mitarbeiter fit für neue Aufgaben gemacht werden.

    In Konzernkreisen heißt es, dass die Gespräche konstruktiv verlaufen. Es gebe keine verhärteten Fronten. Beide Seiten würden mit allen Mitteln versuchen, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Allerdings will man den Beschäftigten auch keine Arbeitsplatzgarantie aussprechen. 

    Stattdessen wollen Arbeitnehmervertreter und Management der Belegschaft Beschäftigungsperspektiven bieten, die über mehrere Jahre hinaus gehen. Es gehe außerdem nicht darum, ein vermeintlich besseres Modell als Bosch oder ZF zu entwickeln, erklärt eine mit der Sache betraute Person. Das Management gehe bewusst einen eigenen Weg, der mehr Zeit für Verhandlungen in Anspruch nehme.

    Laut Reinhart ist das Ziel, eine Art Werkzeugkasten zu entwickeln, in dem sich unterschiedliche Instrumente befinden. Das kann von Altersteilzeit über Arbeitszeitverkürzungen bis hin zu Weiterbildungsmaßnahmen oder Vorruhestand reichen. „Jeder Standort kann dann je nach Bedarf diese Instrumente anwenden, um Arbeitsplätze zu sichern.“ 

    Es muss nun mit den jeweiligen Betriebsräten am Standort verhandelt werden, in welchem Ausmaß diese Instrumente angewendet werden müssen. Am Ende sollen diese Maßnahmen zu der Sparsumme beitragen, die Konzernchef Degenhart bis 2022 zusätzlich zum bestehenden Strukturprogramm einsparen will.

    Bundesagentur für Arbeit soll Conti-Modell mitfinanzieren

    Offen ist zudem, wie die Finanzierung des Conti-Modells aussehen soll. Geht es nach Conti, soll die Weiterbildungszeit ähnlich wie bei der Kurzarbeit durch die BA finanziert werden. „So können wir Anreize für die Mitarbeiter zur Qualifizierung schaffen und die Einkommensverluste durch die Arbeitszeit- und Lohnabsenkung abfedern“, sagt Reinhart.

    Derweil kann Conti auf Unterstützung aus der Politik hoffen. Im kommenden Jahr sind Bundestagswahlen, und Hunderttausende Jobs in der Autoindustrie stehen auf dem Spiel. Stephan Weil, Ministerpräsident in Niedersachsen, macht sich große Sorgen um den Industriestandort Deutschland und die aus dem beschleunigten Strukturwandel resultierenden Konsequenzen für die Zulieferer.

    In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sagte er, dass viele Autozulieferer die Krise mitten im ohnehin schwierigen Transformationsprozess hin zu alternativen Antrieben erwischt habe. Die weiterhin erschreckend niedrige Nachfrage treffe vor allem kleine und mittelgroße Zulieferer besonders hart. „Ich befürchte, dass wir uns bis zum Herbst auf viele schlechte Nachrichten einstellen müssen, dieses Thema wird uns noch massiv beschäftigen“, sagte Weil.

    Auf Anfrage bestätigt Reinhart, neben den Gesprächen mit Arbeitsminister Hubertus Heil auch im Austausch mit Weil zu sein. Über die Inhalte der Gespräche verrät sie nichts.

    Mehr: So oder so wäre auf die Autoindustrie eine Konsolidierung zugekommen. Corona beschleunigt den Strukturwandel – und damit auch die Auslese im Zulieferersektor.

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