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Zumtobel-Investment Serbien wird zum „China des Balkans“

Der Balkan lockt die Industrie mit billigen Löhnen. Der Lichtkonzern Zumtobel verlegt darum seine Produktion von China nach Serbien.
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Zur Eröffnung des neuen Werkes des Leuchtenkonzerns Zumtobel in der serbischen Stadt Nis kommt auch der serbische Präsident Aleksandar Vučić (rechts). Zumtobel-Chef Alfred Felder führt ihn herum. Quelle: Zumtobel
Gemeinsamer Start

Zur Eröffnung des neuen Werkes des Leuchtenkonzerns Zumtobel in der serbischen Stadt Nis kommt auch der serbische Präsident Aleksandar Vučić (rechts). Zumtobel-Chef Alfred Felder führt ihn herum.

(Foto: Zumtobel)

Niš/BelgradSilbern glänzt die nagelneue Fabrik am Stadtrand der südserbischen Industriestadt Niš in der Herbstsonne. Der rote Teppich ist ausgerollt. Bis zum letzten Moment wird gewischt, gekehrt und poliert. Dutzende von Mitarbeitern wuseln aufgeregt durch den Eingangsbereich. Der Lichtkonzern Zumtobel will zur Eröffnung seiner größten Auslandsinvestition nichts dem Zufall überlassen.

Denn der serbische Präsident Aleksandar Vučić reist eigens in die drittgrößte Stadt seines Landes, um die neue Investition des österreichischen Konzerns mit dem Vorstand und den Großaktionären, der Familie Zumtobel, zu feiern. „Das Werk in Niš wurde Dank der Bemühungen unserer österreichischen Freunde, sowie der Regierung der Republik Serbien, innerhalb nur eines Jahres fertiggestellt“,  lobt sich Präsident Vučić selbst. Zum Start arbeiten 260 Mitarbeiter im neuen LED-Werk, in drei bis fünf Jahren sollen es bereits 1100 Mitarbeiter sein. Für den nationalkonservativen Staatschef ist die neue Fabrik ein weiterer Beleg, dass es mit dem Wirtschaftsstandort Serbien aufwärts geht.

Das Land lockt deutsche und österreichische Investoren mit Erfolg an. Es sei bereits das fünfte Werk, das er in Niš eröffne, sagte der proeuropäische Präsident und frühere Premier von Serbien. Auch der Nürnberger Automobilzulieferer Leoni hat in der 260.000 Einwohner großen Stadt im vergangenen Jahr eine Fabrik für 2200 Beschäftige errichtet.

Seit dem Start vor neun Jahren hat der Nürnberger M-Dax-Konzern rund 90 Millionen in Serbien investiert. Die Zahl der Beschäftigten soll von 6.000 und auf über 10.000 steigen, sobald das neue Werk in Kraljevo bei Niš voll ausgelastet ist. Dann wird Leoni der größte Arbeitgeber in der serbischen Fertigungsindustrie sein.

Die billigen Löhne, die sogar unter denen von China liegen, locken deutsche und österreichische Investoren in das EU-Bewerberland auf dem Balkan. Zumtobel zahlt Brutto-Arbeitslöhne zwischen 350 und 450 Euro, berichtet COO Bernard Motzko ein wenig verlegen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stehen im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern wie Ungarn oder Polen auch genügend Arbeitskräfte zur Verfügung. Allein Niš zählt 26.000 Arbeitslose.

Darüber hinaus fördert der serbische Staat neue Fabrikansiedlungen und verbessert seit Jahren auch die Verkehrsinfrastruktur. Von Niš führt eine gute ausgebaute Autobahn ohne Unterbrechung nach Deutschland und Österreich. Zudem lockt die baldige EU-Mitgliedschaft. Serbiens könnte bereits ab 2020 in die EU aufgenommen werden.

Zumtobel, das auch Werke in China betreibt, holt Produktion somit nach Europa zurück. „Wir haben Produkte von China nach Serbien verlagert“, sagte Vorstandschef Alfred Felder.  „Produkte mit hohem manuellen Anteil verlagern wir nun nach Niš.“ Durch die Rückverlagerung würden sich zudem die Transportkosten verringern. „China ist längst kein Billigstandort mehr“, resümiert der Zumtobel-Chef.

Der börsennotierte Konzern braucht eine Kehrtwende, um wieder in die Gewinnzone zurückzukehren. Nach einer Führungskrise um den ausgeschiedenen CEO Ulrich Schumacher, einst Chef des Halbleiterkonzerns Infineon, versucht der neue Vorstand unter dem früheren Siemens-Manager Alfred Felder noch im laufenden Geschäftsjahr 2018/19 aus den roten Zahlen zu kommen.

Der gebürtige Südtiroler bezeichnet den Dornbirner Konzern mit zuletzt nur noch 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz zwar gerne als „Mercedes der Lichtbranche“, doch  wie der Stuttgarter Autokonzern kämpft er mit ernsten Problemen. Die neue Produktion in Serbien ist ein wichtiger Schlüssel, eine Antwort auf den Preisverfall in der Leuchtbranche durch die Billigproduktion in China zu finden. „Wir müssen konkurrenzfähiger werden“, sagt COO Motzko.

Platz für einen Ausbau hat Zumtobel. Denn das erworbene Grundstück in Niš ist 40.000 Quadratmeter groß. Zumtobel beschäftigt weltweit 9200 Mitarbeiter.

Export nach Russland ist einfach

Doch der Anfang ist für Zumtobel in Serbien nicht einfach. Auch wenn Niš das Elektronikzentrum des Balkan-Landes ist, müssen die Fachkräfte eigens ausgebildet werden. Vorerst werden von den 260 Mitarbeitern darum einfache Leuchten hergestellt. Später sollen hochentwickelte Spots und Outdoor-Strahler hinzukommen.

30 Millionen Euro hat der Dornbirner Konzern in Niš investiert. „Die größte Herausforderung – nämlich das Werk optimal zum Laufen zu bringen – fängt jetzt erst an“, sagt COO Motzko. „Das dauert mindestens zwei bis drei Jahre.“ Die Produkte werden für Europa und den Nahen Osten produziert. In Europa macht Zumtobel nach Unternehmensangaben vier Fünftel seines Umsatzes. 

Serbien hat für den Vorarlberger Konzern noch einen weiteren Vorteil: Auf Grund eines Sonderwirtschaftsabkommen können Leuchten noch einfacher nach Russland exportiert werden als in die EU. „Wir wollen das Geschäft mit Russland ausbauen. Das spezielle Zollabkommen Serbien nützt uns“, sagt COO Motzko.

Deutschland hat Österreich als größter Auslandsinvestor in Serbien abgelöst, wie die Österreichische Wirtschaftskammer (WKO) berichtet. „Wir sind mit der Entwicklung in Serbien sehr zufrieden und beobachten eine wachsende Zahl deutscher Mittelständler, die eine Zusammenarbeit mit serbischen Zulieferern anstreben“, sagte Borislav Kostadinov, Vorstandsmitglied der Osteuropa-Bank ProCredit, dem Handelsblatt. „Serbien ist das China vor der Haustür. Wir sehen die Bewegung, Produktion in China abzuziehen und in Serbien mitten in Europa aufzubauen“, bestätigt die österreichische Wirtschaftsdelegierte Erika Teoman-Brenner in der serbischen Hauptstadt Belgrad. „Wir beobachten die Deutschen, die mächtig in Serbien investieren.“

Der EU-Beitrittskandidat hat daher das Tal der Tränen in der Wirtschaftsentwicklung durchschritten. Nach Angaben der langjährigen Serbien-Expertin Teoman-Brenner wächst die Wirtschaft des Balkan-Landes zwischen vier und fünf Prozent. Vor allem Bauwirtschaft, Verkehr, Energie und  Export tragen die Konjunktur „Serbien steht heute, wo Ungarn vor 20 Jahren stand“, sagt die Wirtschaftsexpertin in Anspielung auf die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte von Ungarn. Dort hatte zuletzt BMW den Bau eines neuen Werkes für rund eine Milliarde Euro angekündigt.

Doch auch in Serbien ist nicht alles Gold, was glänzt. „Einige Themen werden von ausländischen Unternehmen immer noch als große Herausforderungen wahrgenommen  – wie die Zahlungsdisziplin, die Effizienz des Justizsystems und die Effizienz der Bürokratie in einigen Bereichen“, berichtet Procredit-Vorstand Kostadinov, der selbst drei Jahre in Belgrad als Finanzmanager arbeitete. 

Die Korruption und die mangelnde Rechtsstaatlichkeit sind bislang ungelöste Probleme. Auch die ineffektive Bürokratie des Landes ist wie überall auf dem Balkan gefürchtet. Das sorgt für Enttäuschung – vor allem in der jungen Generation. „Abwanderung ist in Serbien ein Riesenthema wie auf dem ganzen Balkan“, sagt Teomann-Brenner. Das weiß auch Zumtobel. Darum setzt das Unternehmen auf eine überdurchschnittliche Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. 

Zur Zukunft des nordrhein-westfälischen Werkes in Lemgo gibt sich Zumtobel-CEO Felder auf Anfrage zurückhalten. Der seit Februar amtierende CEO sagte nur: „Die Strahler stehen unter hohen Konkurrenzdruck“. In Lemgo stellen derzeit 330 Mitarbeiter hochwertige Strahler her.

Die neue Konzernführung stellt derzeit das Familienunternehmen auf den Kopf. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres hat sich der kriselnde Konzern stabilisiert und schreibt wieder kleine schwarze Zahlen. Bis zum Geschäftsjahr 2020/21 wird eine Marge beim Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von sechs Prozent angestrebt. Für das Gesamtjahr 2018/19  hat sich der Vorstand ein leicht verbessertes Ebit über den Vorjahr zum Ziel.

2017/18 waren es knapp 20 Millionen Euro. Die krisengebeutelten Aktionäre des Lichtkonzerns brauchen daher Geduld. Die Zumtobel-Aktie hat sich innerhalb eines Jahres fast halbiert.

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