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Interview Direktorin der Denkfabrik Dezernat Zukunft: „Niemand sollte sich verachtet fühlen“

Philippa Sigl-Glöckner gehört zu den einflussreichsten Frauen ihrer Generation in Deutschland. Die Ökonomin hat ein hehres Ziel: den Kapitalismus menschlicher machen.
07.05.2021 - 04:00 Uhr 2 Kommentare
„Auch nach einem Jahr Krise sehe ich hier noch keine Veränderung wie unter Biden nach 100 Tagen Amtszeit.“ Quelle: SZ Photo
Philippa Sigl-Glöckner

„Auch nach einem Jahr Krise sehe ich hier noch keine Veränderung wie unter Biden nach 100 Tagen Amtszeit.“

(Foto: SZ Photo)

Düsseldorf Wenn Philippa Sigl-Glöckner von einem menschlicheren Kapitalismus spricht, dann geht es der Münchener Ökonomin vor allem um „Würde, Sicherheit und Selbstbestimmung“. Sie möchte, dass Deutschlands Wirtschafts- und Finanzsystem für einen breit verteilten Wohlstand und für die Demokratie arbeitet.

Momentan konzentriert sich die Direktorin der Berliner Denkfabrik Dezernat Zukunft mit ihrem Team auf das Thema Staatsfinanzen und entwickelt ein Konzept für eine neue deutsche Finanzpolitik. „Wir wollen einen Vorschlag machen, wie Finanzpolitik sich um das kümmern kann, was zählt: Daseinsvorsorge, gute Arbeit und die Dekarbonisierung.“ Und die 31-Jährige ist der Meinung, dass die schwarze Null eine Wohlstandsbremse ist.

Frau Sigl-Glöckner, Sie wollen die Welt, genauer gesagt den Kapitalismus, besser machen. Was läuft denn falsch?
Kapitalismus ist ein schwammiger Begriff. Lassen Sie uns lieber über Privateigentum und Märkte reden. Beide haben ihren Sinn. Eine eigene Wohnung und ein Sparkonto – das gibt Sicherheit und eröffnet Chancen. Ein gut funktionierender Markt ist ein sehr schlauer Allokationsmechanismus, der vielen die Chance gibt, sich zu beweisen, einen guten Job zu erlangen oder mit einer guten Idee erfolgreich zu sein.

So weit die Theorie ...
Was falsch läuft, ist, dass 50 Prozent der Menschen hierzulande fast gar kein Vermögen haben, während die reichsten fünf Prozent 50 Prozent des Vermögens in Deutschland auf sich vereinen. Viele Märkte scheinen nicht mehr ganz so zu funktionieren wie gedacht.

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    Zum Beispiel?
    Statt dass viele umtriebige Unternehmerinnen und Unternehmer um Kapital, die besten Köpfe und Kunden konkurrieren, dominieren Tech-Giganten wie Alphabet, Apple und Amazon ganze Wertschöpfungsketten und lokale Arbeitsmärkte. Sie zahlen weniger Steuern als ihre lokalen Wettbewerber und legen dann teils mehr als 100 Milliarden Dollar an den Kapitalmärkten an, weil sie die Liquidität sonst nicht loswerden. Meiner Meinung nach sollten die Instrumente des Kapitalismus dem Menschen dienen, aber heute ist es andersherum.

    Woran würde ich als Bürgerin einen menschlicheren Kapitalismus erkennen?
    Ihn zeichnet aus, dass die Reinigungsfachkraft, die nachts Ihr Büro sauber macht, von ihrer Arbeit gut leben kann und in der Lage ist, den Job zu wechseln, wenn sie es möchte. Es geht um Würde, Sicherheit und Selbstbestimmung: Niemand sollte sich verachtet oder nur vom Schicksal getrieben fühlen, niemand jeden Tag in existenzieller Sorge verbringen.

    Was ist Ihre Vision, Ihre Mission für die nächsten Jahre?
    Ich will genau dazu beitragen: Dass wir als Gesellschaft aufhören, unsere Werte über Bord zu werfen, sobald es ans Geld geht; dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem, der Kapitalismus für die Werte Würde, breit verteilten Wohlstand und Demokratie arbeitet. Die individuelle Sicherheit, die daraus entstehen würde, würde unsere Gesellschaft und unsere Demokratie für alle zum Besseren verändern.

    Wie sieht das konkret in Ihrer Arbeitsrealität aus – wie machen Sie den Kapitalismus menschlicher?
    Momentan konzentrieren wir uns ganz auf das Thema Staatsfinanzen und arbeiten an einem Konzept für eine neue deutsche Finanzpolitik.

    Die würde wie aussehen?
    Das soll eine Finanzpolitik sein, die endlich nicht mehr Monstranzen wie die schwarze Null – ein Konzept, das übrigens die bilanzielle Buchführung noch nicht ganz verinnerlicht hat – vor sich herträgt.

    Gut, aber wo fängt man da an? Ich stelle mir das ziemlich komplex vor.
    Wir wollen einen Vorschlag machen, wie Finanzpolitik sich um das kümmern kann, was zählt: Daseinsvorsorge, gute Arbeit und die Dekarbonisierung. Erstklässler, die in Mathe mitkommen, Pfleger, die es uns ermöglichen, trotz kranker Eltern zu arbeiten, und CO2-arme Technologien, die uns erlauben, auch in 20 Jahren noch Autos in China zu verkaufen. All das, nicht staatliche Finanzarithmetik, sichert unseren Wohlstand.

    Wir brauchen Leute, die sich trauen, die Verantwortung zu übernehmen und zu tun, was nötig ist. Philippa Sigl-Glöckner, Direktorin Dezernat Zukunft

    Das sind aber ganz schön große Ziele für eine kleine Denkfabrik ...
    Das stimmt, aber wir versuchen, uns dem Ideal mit kleinen, sehr konkreten Schritten zu nähern. Unsere Reformvorschläge für diesen Sommer werden keine Grundgesetzänderung enthalten. Es gibt also keine Ausrede für alle Parteien, die eine zukunftsgewandte Politik versprechen, sich unserer Vorschläge nicht anzunehmen.

    Gibt es Länder, Staaten oder auch Regierungen, an denen man sich mit Blick auf einen aus Ihrer Sicht menschlicheren Kapitalismus ein Vorbild nehmen kann?
    Ja, die USA. Joe Biden vollzieht gerade eine ökonomische Revolution. Er hat die Monstranzen eingemottet, hört auf die weltbesten Ökonominnen und hat keine Angst zu tun, was nötig ist, auch wenn es dabei um viel Geld geht. Und er hat verstanden, worum es den Menschen geht. Bei seiner Klimapolitik geht es nicht um abstrakte Technologie, es geht darum, das Land schnell zu dekarbonisieren, und zwar auf eine Art, die so viele Jobs und wirtschaftliche Chancen für alle Amerikanerinnen und Amerikaner bietet wie möglich. Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.

    Sehen Sie in der Coronakrise eine Chance, weil sie offenbart hat, dass Kapitalismus hier und da eben nicht menschlich ist?
    Wir wussten auch schon vor der Krise, wie es in Altenheimen zugeht, dass mit der Wirtschaft etwas nicht ganz stimmt, dass viele abgehängt werden und dass wir einiges ändern müssen. Und auch nach einem Jahr Krise sehe ich hier noch keine Veränderung wie unter Biden nach 100 Tagen Amtszeit. Wir brauchen keine Krisen mehr. Wir brauchen Leute, die sich trauen, die Verantwortung zu übernehmen und zu tun, was nötig ist. Beim Dezernat Zukunft tun wir ehrlich gesagt das, was wir schon vor der Krise taten.

    Und das wäre?
    Wir versuchen, das momentane Wirtschafts- und Finanzsystem zu verstehen, um dann konkrete Ideen zu entwickeln, wie wir es wieder dem gesellschaftlichen Nutzen unterstellen können. Ansonsten wünsche ich mir wie, glaube ich, viele meiner Generation, dass wir diesen Moment nutzen, um den ersten Schritt in die Zukunft zu machen. Für mich ist das eine mutige Finanzpolitik, die die Herausforderungen der nächsten Jahre annimmt, anstatt sich im taktischen Klein-Klein der Berliner Bubble zu verlieren.

    Frau Sigl-Glöckner, vielen Dank für das Gespräch.

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    2 Kommentare zu "Interview: Direktorin der Denkfabrik Dezernat Zukunft: „Niemand sollte sich verachtet fühlen“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Allein mit dem Satz "Unsere Reformvorschläge für diesen Sommer werden keine Grundgesetzänderung enthalten" ist erkennbar, welcher Ideologie Frau Sigl-Glöckner verschrieben ist. Diese passt absolut in den derzeitigen Mainstream der Grünen.

      Einige Ansätze halte ich dennoch für richtig und gut. Es gilt aber, Augenmaß und Ausgewogenheit bei Transformationsprozessen im Blick zu behalten, die ich leider bei den aktuellen Diskussionen häufig vermisse. Ansonsten wird ein Problem gelöst, während ein anderes, möglicherweise Größeres entsteht.

    • Noch bevor Frau Sigl-Glöckner das Finanzsystem wirklich verstanden hat ("Wir versuchen, das momentane Wirtschafts- und Finanzsystem zu verstehen, ..."), steht die Lösung aller Probleme für Sie bereits fest: über massive Verschuldung den Himmel auf Erden einzuführen: Daseinsvorsorge, gute Arbeit usw.
      Damit beweist "Dezernat Zukunft", dass es genau das NICHT ist, was es vorgibt zu sein - eine Denkfabrik.
      Der ganze Auftritt erinnert mehr an eine politisch aktivistische Studentengruppe voller Idealismus und Träume, jedoch mit sehr bescheidenem Wissen.

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