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Innovationweek

Interview Bert Rürup: „Wir können Wohlfahrtsveränderungen nicht adäquat messen“

Die Digitalisierung treibt unseren Wohlstand, doch in der Produktivitätsstatistik lassen sich diese Innovationen kaum erkennen. Ein Problem unserer Instrumente, sagt der HRI-Präsident.
06.05.2021 - 16:20 Uhr Kommentieren
Bert Rürup ist ehemaliger Wirtschaftsweiser und Präsident des Handelsblatt Research Institute.
Handelsblatt-Chefökonom

Bert Rürup ist ehemaliger Wirtschaftsweiser und Präsident des Handelsblatt Research Institute.

Warum hinterlässt die Digitalisierung, die die Wirtschaft revolutioniert und alle Lebensbereiche durchdringt, kaum Spuren in der Produktivitätsstatistik? Bert Rürup, HRI-Präsident und ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrats, liefert überraschende Antworten.

Herr Rürup, in keiner Rede eines Managers oder Politikers darf das Wort „Innovation“ fehlen. Warum sind Innovationen so wichtig für eine Volkswirtschaft?
Das Wachstumspotenzial entwickelter Volkswirtschaften ist durchweg geringer ist als das von Schwellenländern. Deshalb sind Innovationen, also neue Produkte, neue Fertigungsverfahren oder neue Vertriebsformen, für sie die wichtigsten Treiber der gesamtwirtschaftlichen Dynamik. Je moderner und arbeitsteiliger eine Volkswirtschaft ist, desto wichtiger sind Innovationen.

Wenn unser Wohlstand so von Innovationen abhängt, wie kommt es dann, dass die Digitalisierung, die wohl größte Innovation der jüngsten Zeit, keinen Produktivitätsfortschritt gebracht hat – zumindest keinen messbaren?
Es stimmt, das Produktivitätswachstums ist seit Längerem sehr gering – und zwar nicht nur bei uns. Ein Grund dafür dürfte sein, dass unsere Messapparatur, das System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und das Bruttoinlandsprodukt (BIP), vor nahezu 90 Jahren in den USA entwickelt wurde, um das militärische Potenzial der Sowjetunion abschätzen zu können.

Das heißt, wir messen den Fortschritt falsch?
Je entwickelter eine Volkswirtschaft ist und je differenzierter die Wünsche der Bevölkerung sind, desto geringer wird die Aussagekraft des BIP für das Wohlstandsempfinden. So unterscheidet das BIP nicht zwischen den Einkommen, die bei der Beseitigung der Schäden einer Hochwasserkatstrophe entstehen oder beim Bau neuer erschwinglicher Mietwohnungen. Kurzum, bei der Produktion entstandene Einkommen sagen nur wenig über die gesellschaftliche Bedarfsgerechtigkeit der Produktion aus.

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    Der Produktivitätsfortschritt ist also da, wir finden ihn nur nicht?
    Wir können Wohlfahrtsveränderungen jedenfalls nicht adäquat messen. Nehmen wir an, ein Erdbeben vernichtet weite Teile einer Stadt – ein gewaltiger Wohlfahrtsverlust. Nun werden diese Schäden repariert, das BIP steigt rasant, während der Wohlstandsgewinn gleich null ist. Oder: Wikipedia hat die zuvor etablierten Lexika ersetzt. Für sich genommen sank dadurch das BIP. Doch kaum jemand würde behaupten, dass die Bequemlichkeit, die mit Wikipedia einhergeht, keine positiven Wohlfahrtseffekte hätte. Es gibt positive Innovationseffekte, die sich nicht in den erfassten Gehältern und Gewinnen niederschlagen.

    Glauben Sie, eine alle Lebensbereiche durchdringende Technologie wie die Digitalisierung könnte sich in der Rückschau in vielleicht 30 Jahren trotz aller Messprobleme als die disruptivere Kraft erweisen im Vergleich etwa zur Dampfmaschine?
    Daran habe ich keinen Zweifel. Zudem bin ich sicher, dass irgendwann neben das BIP weitere Messapparaturen treten werden, um die gesamtgesellschaftlichen Effekte und Veränderungen der Lebensqualität durch Innovationen besser abzubilden.

    Was sind die vielversprechendsten technologischen Entwicklungen der vergangenen Jahre, die unseren Wohlstand vergrößern?
    Für mich ist – nach der Digitalisierung – die wichtigste technologische Innovation in den letzten Jahren die Verbindung von Mobilfunk und Internet, die in ihrer Breitenwirkung durchaus vergleichbar mit der Erfindung des Computers ist. So haben Smartphone und Internet das chronisch unterentwickelte Afrika unabhängiger von funktionierender Infrastruktur und modernem Zahlungsverkehr gemacht.

    Andere sehen in der Künstlichen Intelligenz die größte disruptive Kraft.
    Das wird sicher so sein. Bei KI handelt es sich um angewandte Mathematik, die ohne Zweifel mit hohen Produktivitätsgewinnen einhergehen kann, die aber nicht ohne gesellschaftliche Risiken ist.

    Für mich ist – nach der Digitalisierung – die wichtigste technologische Innovation in den letzten Jahren die Verbindung von Mobilfunk und Internet. Bert Rürup

    Nun gilt das staatskapitalistische China inzwischen als führend bei der KI. Dabei hieß es im Westen immer, Freiheit sei die Voraussetzung für Innovation. Irritiert Sie das?
    Nein, das irritiert mich nicht. In den vergangenen 40 Jahren ist es der kommunistischen Führung gelungen, aus einem bitterarmen Agrarland die zweitgrößte Ökonomie der Welt zu machen. Und ohne Zweifel wird sie schneller als erwartet gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Leistung die größte sein. Angesichts des schnellen wirtschaftlichen Erfolgs aber wird oft verdrängt, dass dieser Erfolg mit einer rigiden Überwachung der Bevölkerung verbunden ist. Und bei dieser Repression kommt KI-Anwendungen eine Schlüsselrolle zu.

    Wie beurteilen Sie im Vergleich zu China und den USA die technologischen Fortschritte in Deutschland, dem Land der Ingenieure und Erfinder? Stimmt das Bild überhaupt noch?
    Deutschland spielt längst nicht mehr auf allen wichtigen Gebieten auf Augenhöhe mit, aber es gibt immer noch Bereiche, in denen deutsche Unternehmen führend sind: etwa im Maschinenbau oder Industrieanlagenbau. Und auch die Ingenieurskunst der deutschen Autoindustrie sollte man nicht unterschätzen.

    Das klingt jetzt eher nach 19. als nach 21. Jahrhundert ...
    Ja, das Auto wurde im 19. Jahrhundert erfunden. Aber das besagt doch nicht, dass ein „technical device“, welches das Bedürfnis nach individueller Mobilität befriedigt, ein Produkt von gestern ist. Was ist denn weltwirtschaftlich das wichtigere Unternehmen: Volkswagen oder Tesla? Tesla produziert 500.000 Autos im Jahr, VW neun Millionen. VW verdient mit Autos viel Geld, während die sehr überschaubaren Gewinne von Tesla vorwiegend aus dem Handel mit Emissionszertifikaten und aus Bitcoin-Spekulation stammen. Nicht jede Börsenbewertung sagt etwas über die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens aus.

    Nicht jede Börsenbewertung sagt etwas über die Innovationsfähigkeit einer Firma aus. Bert Rürup

    Würden Sie das auch insgesamt mit Blick auf den Technologie-Bereich so sehen? Die fünf teuersten Konzerne der Welt kommen aus den USA, und das sind alles Technologiekonzerne. Irren auch hier die Märkte?
    Diese Unternehmen sind durchweg Kinder der Digitalisierung, oft Plattformunternehmen, also virtuelle Marktplätze. Dort hat Deutschland wirklich den Anschluss verloren. Das liegt auch daran, dass als Ausfluss der Dominanz des ingenieurmäßigen Denkens in vielen Führungsetagen Digitalisierung lange Zeit mit Industrie 4.0 übersetzt und auf die Optimierung der Produktionsprozesse reduziert wurde. Und noch mal: Dass die Bereiche, in denen Deutschland Weltmeister ist, ihren Ursprung in vergangenen Jahrhunderten haben, bedeutet nicht, dass sie unwichtig wären.

    Unwichtig vielleicht nicht, aber auch zukunftsträchtig? Was müsste Deutschland tun, um auch in Bereichen, die aus Sicht der Börsen die Zukunft repräsentieren, voranzukommen? Hilft der vorgeschlagene Deutschland-Fonds?
    Diese Idee eines von der öffentlichen Hand sowie von privaten Investoren finanzierten Innovationsfonds ist ein Irrweg. Ehrlicher als die Etablierung eines Schattenhaushaltes wäre es, über eine Reform der Schuldenbremse oder eine moderne Industriepolitik zu reden.

    Industriepolitik wird in der ordnungspolitischen Denkschule aber kritisch beäugt. Ist die Ordnungspolitik noch zeitgemäß?
    Ordnungspolitik ist eine deutsche Spezialität. Fakt ist, dass keines der etablierten Industrieländer – weder die USA noch Deutschland oder Japan und Südkorea – auf rein marktwirtschaftlichem Weg dazu geworden ist. Überall hat der Staat mehr oder weniger massive Hilfsstellungen geleistet. Wir müssen uns aber von der nationalen und ideologischen Perspektive befreien.

    Auch in Deutschland wird die industriepolitische Debatte längst geführt. Welcher der drei Kanzlerkandidaten hat aus Ihrer Sicht das beste Programm zur Innovationsförderung?
    Netter Versuch. Kaum eine der großen Reformen, die im Nachkriegsdeutschland durchgesetzt wurden, stand in einem Wahlprogramm.

    Herr Rürup, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Diese 75 Ideen bringen Deutschland und Europa voran.

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