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Google-Chef Sundar Pichai
(Foto: AFP)

Anhörung in Washington Google gibt Pläne für zensierte Suchmaschine in China auf

Vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses wollte Google-Chef Sundar Pichai am Dienstag Vertrauen zurückgewinnen. Dabei gab er auch Einblicke in aktuelle Projekte.
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San FranciscoDie Gelegenheit will sich die demokratische Abgeordnete Zoe Lofgren dann doch nicht entgehen lassen. „Warum“, fragt sie mit todernstem Gesicht Google-Vorstandschef Sundar Pichai, „kommt, wenn ich das Wort ,Idiot‘ in der Google-Bildersuche eingebe, was ich gerade eben auf meinem Smartphone gemacht habe, ein Bild von Donald Trump als Suchergebnis? Wie funktioniert das?“

Bei keinem der Anwesenden im Raum 2141 des Rayburn House Office in Washington verzieht sich am Dienstagmorgen nach der Frage ein Gesichtsmuskel. Und auch Sundar Pichai antwortet ruhig, emotionslos und geschäftsmäßig.

Aus Milliarden von gespeicherten Webseiten suche Google bei jeder einzelnen Anfrage nach 200 festgelegten Kriterien wie etwa Relevanz und Aktualität die vermutlich richtige Antwort heraus. Automatisch. „Da sitzt also kein kleines Männchen irgendwo hinter dem Vorhang und gibt das vor?“, fragt die Politikerin noch einmal nach. Und Pichai verneint: „Wir haben vergangenes Jahr über drei Billionen Suchanfragen verarbeitet. Wir greifen niemals manuell ein.“

Während er das sagt, zwinkert hinter Pichai ein Mann mit einer schwarzen Melone, einem Monokel und angeklebtem weißen Schnurrbart verschmitzt mit den Augen – der „Monopoly Man“. Der sieht aus, als ob er gerade von einer Schachtel des beliebten Kapitalismus-Brettspiels gesprungen wäre. Ian Madrigal, ein Konsumenten-Aktivist erklärte später, er habe mit seiner Verkleidung gegen die Monopolstellung Googles protestieren wollen.

Für Sundar Pichai war es ein denkwürdiger Auftritt. Sein erster vor dem Kongress in Washington. Ein erstes Hearing hatten weder er noch Mitgründer Larry Page wahrgenommen, was scharf kritisiert worden war. Nun, mit seinem Auftritt vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses, beendete er praktisch mit einer Geste des guten Willens offiziell ein turbulentes Jahr für Google, eines der größten und profitabelsten Unternehmen der Welt.

Es gab Proteste der Mitarbeiter, Skandale um sexuelles Fehlverhalten, die mindestens einmal durch einen stillschweigenden Abgang eines Beschuldigten mit Millionenabfindung geregelt wurden. Anschuldigungen kamen auf, Google benachteilige absichtlich konservative Ansichten in den Ergebnissen seiner Suchmaschine.

Google zog sich zudem auf Druck der Mitarbeiter von einem Pentagon-Projekt zurück, das Drohnen-Videos für das Verteidigungsministerium auswerten sollte. Probleme mit ausländischen Online-Trollen tauchten auf, die Wahlmanipulationen betrieben haben. Google soll, wie auch Facebook, zu langsam und halbherzig reagiert haben.

Der erfolglose Social-Media-Auftritt Google+ wurde gleich zweimal durch massive Datendiebstähle erschüttert und wird nun geschlossen. Fake News und Hass-Seiten sorgten für scharfe Kritik, auch auf der Videoplattform Youtube.

Pichai hat versucht, Schlimmeres für die Techbranche zu verhindern

Schon auf dem Weg zum Sitzungssaal wurde Pichai laut der Internetseite „The Hill“ vom rechten Verschwörungstheoretiker Alex Jones („Infowars“) abgefangen und lautstark der Lüge bezichtigt. Jones war später im Zuschauerraum, begleitet vom Ex-Trump-Berater Roger Stone. Beide fühlen sich als Opfer von Verleumdungskampagnen und durch Seiten wie Youtube, Facebook oder Twitter, die ihre Auftritte teilweise schlicht gesperrt haben, benachteiligt.

Das FBI meldete für 2017 einen Anstieg der sogenannten „Hass-Verbrechen“ um 70 Prozent. Wie will Google verhindern, dass es für die Anstachelung zu Straftaten missbraucht wird?

Geduldig arbeitete der gebürtige Inder Pichai fast vier Stunden lang den Fragenkatalog der Volksvertreter ab, erklärte die Technologie hinter Google, warum und welche Daten gesammelt werden, vor allem durch das Smartphone-Betriebssystem Android. Eher widerwillig gab er auch Einblick in aktuelle Projekte.

So sei eine zensierte Suchmaschine für den Einsatz in China auf Eis gelegt worden: „Es gibt aktuell keine Pläne dafür“, so Pichai. Allerdings räumte der CEO ein, arbeiteten zeitweise über 100 Software-Ingenieure an einem Prototyp.

Der Versuch, mit einer regierungsfreundlich zensierten Google-Version unter dem Decknamen „Dragonfly“ nach China zurückzukehren war im August an die Öffentlichkeit gekommen und intern sowie extern scharf kritisiert worden. Google wollte ausprobieren, wie eine zensierte Google-Version funktionieren würde, räumte Pichai schließlich nach mehreren Nachfragen ein.

Eine erste Zensur-Version der Suchmaschine war 2010 eingestellt worden. Google begründete das damals damit, dass die Zensurforderungen der chinesischen Regierung nicht mehr mit den Google-Prinzipien vereinbar gewesen seien. Seine aktuellen Bekenntnisse lassen den Schluss zu, dass es im Google-Management mittlerweile einen spürbaren Sinneswandel gegeben haben könnte.

Pichai war an diesem Dienstag nicht nur für Google in Washington. Die gesamte Technologiebranche im Silicon Valley hat ein ungewöhnlich schlechtes Jahr hinter sich. Die Kritik an der Digitalökonomie wächst beständig. Angebote, die früher die Welt vernetzen und demokratischer machen wollten, werden heute als Demokratiekiller gesehen.

Unternehmen der Sharing-Ökonomie wie Uber werden mehr als Job-Killer und Vehikel für Lohndumping gesehen, statt als Wegweiser in die digitale Zukunft. New York City hat erst vergangene Woche drastische Einschränkungen für Uber, Lyft und andere Anbieter verhängt, unter anderem einen verpflichtenden Mindestlohn.

Sundar Pichai hat in Washington versucht, aus seiner Sicht etwas geradezurücken, Vertrauen zurückzugewinnen, zu relativieren und Schlimmeres für die Branche zu verhindern. Denn der Ruf nach wirksamer Regulierung der Techindustrie wird auf beiden Seiten des politischen Lagers in den USA immer lauter. Pichai weiß, dass das nicht mehr zurückzudrehen ist. Jetzt heißt es, aktiv mitzugestalten. Auch darum war er hier.

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