App Zeitgold Gründer Stefan Jeschonnek revolutioniert die Buchhaltung

Das Start-up Zeitgold will kleine Firmen vom Bürokratiewahn befreien. Die Technologie kommt aus Israel, das wirtschaftliche Know-how aus Deutschland.
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Der Gründer hat eine Art SAP für Kleinunternehmen entwickelt.
Stefan Jeschonnek

Der Gründer hat eine Art SAP für Kleinunternehmen entwickelt.

Ausgefallene Speisekreationen, besserer Service oder neue Küchenmaschinen – das sind die Dinge, mit denen sich die Betreiber von Cafés oder Restaurants beschäftigen sollen. Stattdessen sorgen sie sich meist um die Buchhaltung und damit mit Bergen von Papieren. Das muss sich ändern, findet Stefan Jeschonnek.

Der 35-Jährige und seine zwei Mitgründer wollen mit ihrer App Zeitgold den Alltag dieser Kleinunternehmer verbessern und ihnen dabei helfen Zeit zu sparen. Denn die ist, wie die Gründer finden, nicht nur geld-, sondern goldwert.
Dabei wirkt ihre Lösung wirkt auf den ersten Blick sehr analog: Jeder Kunde bekommt eine Box, in die er seine gesamten Dokumente, wie Eingangsrechnungen von Lieferanten, Krankmeldungen von Mitarbeitern oder Schreiben vom Finanzamt hineinlegt. Ein Kurier holt die Dokumente einmal pro Woche ab und bringt sie in das Digitalisierungszentrum von Zeitgold.

Ab da fangen dann aber die digitalen Prozesse an – die Künstliche Intelligenz (KI) übernimmt: „Zeitgold extrahiert aus all diesen Daten Informationen heraus, die notwendig sind, um geschäftsrelevante Entscheidungen zu treffen“, erklärt Jeschonnek. Die Algorithmen, die diese Funktionen ermöglichen, schreiben KI-Experten aus Tel Aviv. Zeitgold ist ein israelisch-deutsches Co-Unternehmen - die Technologie hat ihre Ursprünge im Militär des Landes.

Schon während seines MBA-Studium an der Universität von Stanford in Kalifornien interessierte sich Jeschonnek für derartige Technologien und wie sie aus kleinen Start-ups gigantische Tech-Konzerne gemacht haben. Zurück in Deutschland stellte er sich dann die Frage, wie sich auch kleine Betriebe derartige Technologien zu Nutze machen könnten. Zuerst startete er mit seinem heutigen Geschäftspartner Jan Deepen (40) das Start-up Sumup, bei dem es um digitale Prozesse hinter Kartenzahlungen ging.

Dann lernten sie über einen gemeinsamen Freund den Israeli Kobi Eldar (34) kennen. Er ist ein ehemaliges Mitglied einer Cyber-Security-Einheit des israelischen Militärs. Gemeinsam erdachten die drei Gründer die Idee hinter Zeitgold. Dabei hilft dem Unternehmen aus Berlin Eldars militärischer Hintergrund: „Viele der Elemente, die in seiner Einheit entwickelt wurden, sind auch anzuwenden auf das Problem, das wir mit Zeitgold lösen.“ In beiden Fällen geht es um die Fähigkeit, mithilfe von Algorithmen Daten aus den verschiedenen Dokumenten heraus zu filtern, sie strukturiert aufzubereiten und dann daraus Entscheidungsvorlagen zu generieren.

Für den Zeitgold-Nutzer bedeutet das am Ende nur noch wenige Klicks auf seinem Smartphone oder Tablet – und schon läuft die Buchhaltung. Muss der Kleinunternehmer eine Zahlungsüberweisung vornehmen, erscheint eine Erinnerung. Der Nutzer bestätigt die Überweisung: Separates Einloggen in der Bank-App und die Suche nach den Kontodaten des Empfängers sind nicht mehr nötig.

Der Markt für KI-Lösungen ist zwar da, aber noch hapert es bei den Nutzern häufig am Vertrauen in die neue Technologie. Hendrik Reese, KI-Experte bei der Unternehmensberatung PwC, weist darauf hin, dass die breite Öffentlichkeit beim Einsatz von KI zurückhaltend sei: „Es gibt ein essenzielles Spannungsfeld zwischen Vertrauen für KI-Lösungen als Grundlage für deren Akzeptanz und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf diesem Markt insgesamt.“

Dabei kann Künstliche Intelligenz noch viel mehr als Erinnerungen zu schicken, weiß Gründer Jeschonnek - zum Beispiel über die Unternehmensgeschicke wachen: „Wir haben gemerkt, dass Zeitgold oft schneller als der Kunde erkennt, wann sein Geschäft möglicherweise in Zahlungsschwierigkeiten kommen wird.“

Von der Geschäftsidee sind auch Investoren wie Holtzbrinck Ventures überzeugt, die seit 2016 zu den Geldgebern zählen. Principal Jasper Masemann sieht großes Potenzial in Jeschonneks Start-up:.„Ich bin überzeugt, dass Zeitgold die Chance hat, ein SAP für Kleinunternehmen zu werden.“ Ob es auch bei den Umsätzen noch aussichtsreich ist, ist nicht bekannt: Bisher nennt das Start-up keine Umsatzzahlen. Aktuell habe man 100 Kunden, heißt es jedoch.

KI-Experte Reese sieht Chancen auf dem Markt: „Gerade in Deutschland hat Zeitgold Potenzial, sich auf kleine und mittelständische Unternehmen zu konzentrieren.“ Konkurrenz von den Tech-Konzernen muss Zeitgold erst einmal nicht befürchten, glaubt der Unternehmensberater, schließlich konzentrierte sich das Start-up auf eine Nische.

Das haben allerdings auch schon andere Gründer erkannt - auch sie wollen die Geschäftsprozesse von Kleinunternehmern digitalisieren. Darunter sind zum Beispiel das Potsdamer Unternehmen Smacc oder das ebenfalls aus Berlin stammende Start-up Candis. Die Softwares der beiden Konkurrenten entscheiden sich allerdings von Zeitgold im Wesentlichen darin, dass ihre Kunden ihre Dokumente selbst einscannen und weitere Angaben manuell eingeben müssen.

Für Privatpersonen sind diese Technologien im Übrigen noch nicht verfügbar. Und für Zeitgold-Gründer Jeschonnek wäre solch eine Lösung auch noch nicht spruchreif. Dabei müssen auch Nicht-Selbstständige in ihrem Alltag bürokratische Hürden meistern. Und die nächste Steuererklärung kommt auch bestimmt.

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