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Golden Gate Bridge in San Francisco

Die Region gehört nicht mehr zu den großen Gewinnern der Arbeitsplatz-Migration innerhalb der USA.

(Foto: AP)

Apple, Amazon, Google Tech-Konzerne und Start-ups wenden sich vom Silicon Valley ab

Amazon, Apple und Google investieren massiv in alternative Standorte in den USA. Auch kleinere Firmen und Start-ups schließen sich dem Exodus an.
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San FranciscoAmazon hat es vorgemacht, Apple und Google folgen. Sie bauen Ableger ihrer Firmenzentralen an der US-Westküste in anderen Teilen des Landes. Hauptsache, weit weg vom Silicon Valley. Amazon errichtet gleich zwei strategische Zentren – eines in New York, das andere nahe der Hauptstadt Washington – für zusammen bislang geschätzte fünf Milliarden Dollar. Arbeitsplätze: wohl um die 25.000 an jedem Standort.

Apple steckt eine Milliarde Dollar ins texanische Austin, eine lebensfrohe und liberale Hochburg im erzkonservativen Texas. Rund 15.000 Arbeitsplätze sollen hier entstehen, kleinere Satelliten mit je 1000 Mitarbeitern sind für Seattle, Culver City und San Diego geplant.

Google aus dem beschaulichen Mountain View hat erst am Montag angekündigt, seine Präsenz in New York massiv aufzustocken. Eine Investition von einer Milliarde Dollar werde die Mitarbeiterzahl dort binnen zehn Jahren auf 15.000 verdoppeln. „Wir wachsen schneller außerhalb der Bay Area (Silicon Valley, San Francisco) als innerhalb“, so Ruth Porat, Finanzchefin des Mutterkonzerns Alphabet, in einem Blogpost am Montag.

Auch kleinere börsennotierte Unternehmen und Start-ups sind längst auf den Zug aufgesprungen. Die „San Francisco Business Times“ hat eine Liste von Unternehmen zusammengestellt, die ihre Zentralen ganz aus dem kalifornischen Digital-Tal verlegen oder Erweiterungen in anderen Bundesstaaten aufbauen.

Unter den 32 Namen sind bekannte Firmen wie Slack, der Fintech-Gigant Square, Börsenkandidat Lyft und das Musik-Start-up Pandora. Immer wieder tauchen dabei die Namen Las Vegas, Denver, Austin oder Atlanta auf. Sie folgen damit nur einem Trend, der sich bereits seit Jahren unter den Talenten im Valley deutlich abzeichnet: Nichts wie weg.

Wie die Wanderungsbewegung qualifizierter Arbeitskräfte innerhalb der USA in diesem Jahr verläuft, zeigt ein Blick auf das Karrierenetzwerk LinkedIn. Über 150 Millionen amerikanische Arbeitnehmer haben hier ein Profil, 20.000 US-Unternehmen nutzen die Plattform, um neue Talente anzuwerben.

LinkedIn stellt dafür in einem monatlichen Wanderungsreport zusammen, welche Standorte gerade besonders gefragt sind. Im Monat November zog es pro 10.000 LinkedIn-Profilen 121 Nutzer ins texanische Austin, 97 stellten sich in Denver neuen Herausforderungen und 85 zog es in die Country-Hochburg Nashville. Die Region San Francisco gehört nicht mehr zu den zehn größten Gewinnern der Arbeitsplatz-Migration. Im Gegenteil.

Die Interessenvereinigung „Bay Area Council Advocacy Group“ fühlt jährlich der Wirtschaftsregion San Francisco den Puls. Der Wandel im Vertrauen in die Zukunft ist frappierend. Auf die Frage, ob sie innerhalb der nächsten Jahre aus der Bay Area (San Francisco, Oakland, Silicon Valley) wegziehen werden, antworteten 46 Prozent der befragten mit „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“. 2016 waren es noch 34 Prozent.

Überraschend schnell ist dabei die Gesamtstimmung gekippt. Waren 2017 noch 42 Prozent der Meinung, das Valley sei „auf dem richtigen Weg“, waren 2018 gerade noch 25 Prozent dieser Meinung.

„Super-Pendler“ sind mehr als vier Stunden unterwegs

Viele verlassen den Bundesstaat ganz. Hohe Kosten für Lebenshaltung, extreme Preise für Miete und Immobilienkauf, außer Kontrolle geratene Probleme mit Obdachlosigkeit und Drogen in San Francisco oder Los Angeles und hohe Steuern zehren an den Nerven. Wer noch nicht soweit ist, den harten Schnitt mit dem „Golde State“ zu machen und ganz aus Kalifornien wegzuziehen, der lässt sich einiges einfallen, um den Schmerz zu lindern.

Danny Finlay ist einer der „Super-Pendler“, die täglich vier oder sogar mehr Stunden in Kauf nehmen, um zu ihrem Arbeitsplatz und zurück zu fahren. Finlay steht um 4.30 Uhr morgens auf, vertraute er dem Nachrichtensender CNBC an, um aus dem ländlichen Dixon an seinen Arbeitsplatz in einer PR-Agentur in San Francisco zu gelangen.

Den ersten Teil absolviert er mit dem Auto, dann mit dem Bus 45 Minuten bis El Cerrito, wo er den Nahverkehrszug besteigt. Der befördert ihn unter der Bucht von San Francisco hindurch bis ins Herz der Stadt. Der Rest ist ein kurzer Fußmarsch mit dem Kaffeebecher in der Hand.

Der iPhone-Hersteller investiert massiv in andere Standorte. Quelle: Reuters
Apple-Zentrale in Cuperrtino

Der iPhone-Hersteller investiert massiv in andere Standorte.

(Foto: Reuters)

Der Verwaltungsangestellte Finlay hatte die Wahl, zusammen mit seiner Frau eine enge Dreizimmer-Wohnung in San Francisco für 4500 Dollar im Monat zu mieten, oder in Dixon für 1600 Dollar Hypothekenkosten monatlich ein geräumiges Haus mit vier Schlafzimmern und Pool zu kaufen. Pro Monat kommen 600 Dollar Transportkosten für Benzin, Bahn und Bus dazu. Das sind Zahlen, mit denen man rechnen kann.

Andere versuchen es mit dem Nomadenleben. Reihen von Luxus-Campingmobilen am Straßenrand nahe der Google-Zentrale in Mountain View zeugen von der Wohnungsnot selbst für Top-Verdiener. Diese wären sicher unter den ersten, die sich in Alternativstandorten bewerben würden, wenn Google sie anbietet.

Natürlich bedeutet das nicht, dass bald in San Francisco oder Mountain View Zustände wie in Detroit, der vom Niedergang der Autoindustrie hart getroffenen Metropole, herrschen. Das Brookings Institut hat gerade in einer Studie zusammengetragen, dass die Beharrungskräfte weiter enorm sind.

Während grundsätzlich die Beschäftigung im IT-Sektor überall in den USA ansteigt, konzentrieren sich die vier Kernsektoren, Software, Datenverarbeitung, Systemdesign und Web-Publishing weiter nur auf eine Handvoll Metropolen mit dem Silicon Valley klar an der Spitze. Das könnte an den neuen Feldern Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen liegen, die extrem gut bezahlte Experten in selbst die teuersten Städte zieht.

Der Drang nach Denver, Austin oder Nashville ist aber auch eine Flucht des Silicon Valley vor sich selbst. Die erfolgsverwöhnte Branche steckt in einer tiefen Krise. Sexismus-Affären plagten den Taxi-Konkurrenten Uber, bei Facebook wollen die Datenskandale nicht enden, und bei Google sollten Fehltritte wie sexuellen Belästigungen durch Zwangsschlichtungen unter Ausschluss von Gerichten und hohen Abfindungen für die Beschuldigten übertüncht wurden.

Der Versuch von Google, für China schlüsselfertige Kopien seiner Suchmaschine inklusive Zensur zu bauen, war nur der bislang letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Google-Chef Sundar Pichai musste dieses Projekt hochnotpeinlich bei einer Befragung durch den Kongress einräumen. Das Silicon Valley gilt plötzlich nicht mehr als Wegweiser in die Zukunft, sondern als ein toxischer Morast voll von schnellem Geld, Super-Egos und Jobkillern.

„Wir haben diesen Techmanagern viel zu lange einen moralischen Freifahrschein gegeben“

Die Wut und eine Abneigung, die schon fast in Verachtung abgleitet, ist so spürbar wie noch nie in den vergangenen Jahren. So treten Geldmanager wie Ross Gerber, Mitgründer von Gerber Kawasaki Wealth, im Wirtschaftssender CNBC auf und sagen, es sei Zeit, die Social-Media-Giganten im Silicon Valley „zahlen zu lassen“ für das, was sie dem Land angetan hätten.

„Wir haben diesen Techmanagern viel zu lange einen moralischen Freifahrschein gegeben“, so Gerber im Börsen-TV. Er habe die Social-Media-Aktien verkauft. Gerade waren wieder zwei Berichte veröffentlicht worden, die belegen sollen, dass Google, Facebook oder Twitter nur das „absolut nötige Minimum“ getan hätten, um die Vorgaben des US-Senats zur Aufklärung der russischen Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen zu erfüllen. Auftraggeber der Reports war der US-Kongress.

Die Berichte trafen auf Enthüllungen der „New York Times“, Facebook habe jahrelang privilegierten Unternehmenskunden tiefste Einblicke in Nutzerdaten und deren private Kommunikation geliefert. Auch die 72-Jährige US-Musiklegende Cher, eine Frau mit großem politischem Einfluss, wütete zu Wochenbeginn, sie werde ihren Facebook-Account löschen und nicht mehr Google nutzen.

Einer, der zu den großen Namen der Branche gehört, die dem Valley den Rücken gekehrt haben, ist AOL-Mitgründer Steve Case. Sein 150 Millionen Dollar schwere Fonds „Rise oft the Rest“, der Aufstieg der Übriggebliebenen, investiert in Start-ups überall in den USA. Die ersten Firmengründungen finanzierte Case in Pikeville (Kentucky), Salt Lake City (Utah), Charleston (South Carolina) oder Austin. Viele junge Top-Talente träumen jetzt davon, hier auf die Liste zu kommen, statt in San Francisco oder Menlo Park zu buckeln.

Jedes Jahr geht Case jetzt mit einem großen blauen Reisebus auf große Tour, hält Start-up-Seminare in kleinen und großen Städten ab und will bei jedem Stopp mindestens ein junges Unternehmen mit einer Anschubfinanzierung von 100.000 Dollar fördern.

So viel Geld bläst man im Valley in wenigen Wochen durch, in der Provinz reicht das für sechs Monate oder mehr. Dabei zieht es den Milliardäre und Provinz-Förderer quer durch ganz Amerika. Ganz Amerika? Nun, jedenfalls fast: Nur um das Silicon Valley und die New Yorker Metropol-Area macht sein Bus einen großen Bogen.

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