Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

„Big T“ Die Buß- und Bettage von Thomas Middelhoff

Der tief gefallene Ex-Managerstar hat sein zweites Buch geschrieben. Es wurde zur Selbstanklage. Eine Begegnung am Flughafen.
Kommentieren
Vor fünf Jahren wurde er wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Quelle: dpa
Thomas Middelhoff

Vor fünf Jahren wurde er wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Auf den ersten Blick wirkt er wie ein ganz normaler Geschäftsreisender, wie er da am Sonntag in aller Herrgottsfrühe in der Senator-Lounge der Lufthansa am Hamburger Flughafen sitzt. Okay, das Hemd ist deutlich weiter aufgeknöpft als früher, die Hose etwas ferienmäßiger.

Aber der Flugstatus immerhin scheint noch gerettet, wobei er früher eher im Privatjet unterwegs gewesen wäre, als popelige Linie fliegen zu müssen. Thomas Middelhoff managt natürlich längst keine Milliardenkonzerne mehr, sondern nur noch sich selbst. Und er tut das, was er immer schon am besten konnte: diese schillernde Ich-AG bestmöglich zu vermarkten. Jetzt nur mit anderen Vorzeichen als früher.

„Schuldig“ heißt das zweite Buch, das er innerhalb von nicht einmal zwei Jahren nun auf den Markt bringt. Unterzeile: „Vom Scheitern und Wiederaufstehen“. Es erscheint in einem kleinen, christlichen Verlag namens Adeo (auch die Verlage waren schon größer). Und es ist eine Art Abrechnung geworden mit seinem eigenen Größenwahn, seinem Narzissmus und seinem einstigen Lebensstil, der mit „großkotzig“ nur grob umrissen wäre.

In der Senator-Lounge kann der 66-Jährige an diesem Morgen den Start seiner Eigen-PR gleich selbst nachlesen. Dort gibt’s nämlich die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ gratis, der er das erste große Interview zum Buch gewährt hat.

Und es ist zu befürchten, dass es dabei nicht bleiben wird an werbewirksamen Auftritten, nachdem Buch Nummer eins („A 115“) vor allem eine Abrechnung mit bösen Medien und der bösen Justiz wurde, die ihn am Ende sogar in den Knast brachte.

Wir erinnern uns: Middelhoff war einst der umtriebigste, lauteste Topmanager, den es rund um die New Economy in Deutschland gab (und da gab es viele Egomanen). Sein Meisterstück war der Verkauf von AOL an Time Warner, was seiner einstigen Konzernheimat Bertelsmann Milliarden brachte – und ihm einen Bonus von angeblich 100 Millionen Euro.

Trotzdem trennten sich die Wege von Middelhoff und Bertelsmann-Familie Mohn dann schnell. Zu weit trieben die Welten auseinander, hier Gütersloh, dort der mindestens global denkende „Big T“, wie sich Middelhoff nur zu gern nennen ließ.

Von da an ging’s eigentlich nur noch bergab. Nicht nur für ihn. Karstadt-Quelle baute er, erst als Aufsichtsrats-, dann als Vorstandschef, so lange um, bis das neue Unternehmen Arcandor in die Pleite schlitterte. Ich weiß noch, wie ich ihn 2004 besuchte in Bielefeld.

Die Sonne schien und Middelhoff, damals noch Aufsichtsratschef des Kaufhauskonzerns, raunte, ebenfalls strahlend: „Es geht ums Überleben.“ Vorher hatte er stolz sein Anwesen gezeigt, die innenarchitektonischen Preziosen seiner Gattin, das Extra-Haus, das er für seine Eltern gebaut hatte, die alten Stallungen und und und...

Vor knapp fünf Jahren wurde er dann wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und noch im Gerichtssaal abgeführt. Der Grund: Fluchtgefahr. Ein paar Monate vorher war er aus einem Fenster des Gerichtsgebäudes gesprungen, weil er angeblich den wartenden Fotografen entkommen wollte.

Seine Haftstrafe musste er dann aber nur zu einem Teil im Knast verbüßen, weil ihm irgendwann eine höchst seltene Autoimmunkrankheit attestiert wurde. Keine Frage: Der Mann hat geradezu Shakespear’sche Qualitäten. Büchner-Preisträger Rainald Goetz setzte ihm dann in der Figur der egomanischen Managerfigur Johann Holtrop tatsächlich ein literarisches Denk- und Mahnmal.

Middelhoff will das Buch nie gelesen haben, entdeckt nun aber doch Gemeinsamkeiten, die er in seinem eigenen Werk bereitwillig gesteht: maßlose Gier, Narzissmus, konsequente Mutation zum „Arschloch“. Selbst die Geliebte, die im US-Management seiner Firma gearbeitet hat, wird gebeichtet.

En passant diskreditiert er dann gleich die komplette deutsche Management-Elite: Im Dax seien doch alle ähnlich kaputte Alphawölfe. Auch von spät entdeckter „Scham“ ist nun ausgiebigst die Rede. Middelhoff scheint mittlerweile eingesehen zu haben, dass man nicht Tausende von Karstadt-Angestellten rauswerfen und am Freitag nach Südfrankreich fliegen kann zu Familie, Superjacht (108 Fuß lang) und weiterer Megavilla.

Er will vor allem geliebt werden

Aber für das Schicksal der Opfer solcher Chefs, wie er einer war, will er interessanterweise keinerlei Verantwortung übernehmen. „Fachlich haben sich alle strategischen Entscheidungen bei Arcandor und Karstadt-Quelle als die richtigen erwiesen“, sagt er heute. Das juristische Urteil gegen ihn nennt er ohnehin weiterhin „fragwürdig“.

Bis 2020 läuft seine Privatinsolvenz. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Er lebe heute, sagt er, von dem, was diesseits der Pfändungsfreigrenze von seinen Bertelsmann-Pensionsansprüchen übrig bleibt. Auch die Bucheinnahmen flössen in die Insolvenzmasse, kämen also seinen Gläubigern zugute.

Zeigt sich da also doch ein Geläuterter, der in Knast und offenem Vollzug als Pflegehelfer in der Behindertenwerkstatt Bethel zu sich und von dort direkt zu Gott gefunden hat? Zweifel sind angebracht, ob die anstehenden Buß- und Bettage der Buch-PR wirklich tiefe Lehren bereithalten außer so manchem Schlüssellochblick.

Zuletzt trat er bisweilen bei sogenannten „Fuck up Nights“ in Erscheinung, wo gescheiterte Unternehmer über die Gründe ihres Scheiterns Auskunft geben. Er will, dass man aus seinen Fehlern lernt. Es wird zwar nicht so richtig klar, was, außer, dass ein rund 100.000 Quadratmeter großes Anwesen in Saint-Tropez irgendwie einen anderen, schlechteren Menschen aus einem machen kann.

Aber auch ein drittes Buch wird der Republik nicht erspart bleiben: Middelhoff kündigt nach der Abrechnung mit der Justiz („A 115“) und sich selbst („Schuldig“) schon jetzt eine Art Krimi an, auf jeden Fall Fiktion, die nichts weniger enthüllen will als „Das System“. Drunter macht‘s einer wie Big T. immer noch nicht, auch wenn er heute wirklich milder wirkt da auf dem Flughafen, entspannter auch.

Er will halt immer noch vor allem eines: geliebt werden. „Die grundsätzliche Disposition, ein gutes Bild abgeben zu wollen, werde ich nicht ablegen können und wollen, sie ist auch ein Stück Antrieb.“ Früher versuchte er das durch seine immer größer werdenden Deals und Auftritte, aktuell testet er Selbstgeißelung als Mittel zum Zweck.

Er will endlich mal zum Vorbild taugen oder wenigstens einen Rekord verbuchen: beides zusammen vielleicht in der Rolle des gescheitertsten Managers der Republik? Die Frage der „FAS“ ist da durchaus legitim: „Wenn schon schuldig, wollen Sie aber auch der schuldigste Schuldige sein?“

Flug EW 9031 hat Verspätung. Middelhoff sitzt schließlich ganz hinten in der Propellermaschine. Kinder schreien den kompletten Flug über. In Düsseldorf muss man noch ewig auf dem verregneten Rollfeld stehen, weil die Koffer nicht ausgeladen werden. Im Bus ist es eng. Middelhoff beschwert sich nicht. Er reist mit kleinstem Gepäck – auf dem Weg zu seiner greisen Mutter, erzählt er im Terminal.

Nicht nur bei ihr wird er jetzt wieder viel über sich reden. Thomas Middelhoffs Lieblingsthema ist nun mal: Thomas Middelhoff.

Mehr: Wie sich der verurteilte Manager Middelhoff als Buchautor neu erfand.

Startseite

Mehr zu: „Big T“ - Die Buß- und Bettage von Thomas Middelhoff

0 Kommentare zu "„Big T“: Die Buß- und Bettage von Thomas Middelhoff"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote