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Bilanz der Digitalmesse Mehr als eine „IT-Kirmes“? – So lief der Neustart der Cebit

Das neue Konzept kann den Besucherrückgang der Cebit nicht stoppen. Viele Aussteller bereuen ihren Auftritt trotzdem nicht. Andere sind da skeptischer.
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Cebit-Bilanz – So lief der Neustart der Digitalmesse Quelle: dpa
Cebit-Außengelände

SAP hat ein Riesenrad aufgebaut, um Besucher anzulocken.

(Foto: dpa)

HannoverNormalerweise verbringt Daniel Holz einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in nüchternen Büros und Konferenzräumen. In diesen Tagen verlegt der Deutschland-Chef von SAP den Arbeitsplatz jedoch regelmäßig an einen ungewöhnlichen Ort in luftiger Höhe.

Der Softwarehersteller hat ein Riesenrad mitten auf dem Gelände der Cebit aufgebaut, schon von Weitem ist es zu sehen. „Viele Kunden sagen mir: ‚Mensch, Herr Holz, ich bin 20 Jahre nicht mehr Riesenrad gefahren.‘“ Der Manager dreht dann mit ihnen eine Runde. In 60 Metern Höhe redet man über Technologie und das Geschäft.

Die Cebit als Jahrmarkt der Digitalisierung, dafür steht das Riesenrad von SAP mehr als jeder andere Stand auf der Veranstaltung. Die Deutsche Messe AG hat ihre wichtigste Veranstaltung neu erfunden, um das langsame, aber stetige Versinken in die Bedeutungslosigkeit aufzuhalten. Die IT-Messe soll ein Digitalfestival sein – mit Keynotes, Streetfood und Konzerten.

Die Bilanz fällt am letzten Tag indes durchwachsen aus. Einige Aussteller loben die guten Gespräche und die optimistische Stimmung, andere sprechen dagegen von einer „IT-Kirmes“, auf der sich klassische Messebesucher nicht wohlfühlen würden.

Den Schwund konnte das neue Format zudem nicht aufhalten. 120.000 Besucher sind aufs Messegelände gekommen und somit 80.000 weniger als im Vorjahr, und das obwohl die Veranstaltung damals einen Tag länger dauerte.

Die Deutsche Messe AG hält diesen Vergleich nicht für sinnvoll: Es handle sich schließlich um ein komplett neues Produkt, sagte Cebit-Chef Oliver Frese dem Handelsblatt im Vorfeld. Konsequenterweise spricht er jetzt von einer „erfolgreichen Premiere der neuen Cebit“. Es ist eine Frage der Bewertung.

Lob für den Mut, Neues zu wagen

Das Riesenrad nutzt der Softwarehersteller SAP, um das Internet der Dinge begreiflich zu machen, also die Vernetzung von Maschinen, Fahrzeugen und anderen Dingen – ein zentraler Bestandteil der Strategie. Sensoren messen, wie oft sich das Riesenrad dreht und zu welchen Zeiten die meisten Besucher kommen. Solche Daten kann die Software etwa für Prognosen nutzen, wie viele Würstchen die Imbissbuden ordern müssen.

Bei seinen Geschäftsterminen zeigt Daniel Holz auf einem Tablet die Software, die diese Daten auswertet. „Es gibt weniger Laufkundschaft, aber die Qualität der Termine ist weiter gut“, berichtet der SAP-Manager. Das Riesenrad soll nicht nur ein Hingucker sein, der Konzern misst genau, ob sich der Auftritt lohnt – etwa an den Aussichten auf neue Verträge.

In diesem Jahr sei es quantitativ etwas weniger, sagt Holz. „Dafür sehen wir aber Interesse auch von einigen potenziellen Neukunden, unter anderem von jungen Wachstumsunternehmen.“

Ein sichtbares Beispiel für die neue, ungezwungenere Ausrichtung auf der Cebit bietet auch IBM. Der IT-Konzern hat auf dem Außengelände den „Cloud Lifter“ aufgebaut, eine Plattform, die Messebesucher in gut 60 Meter Höhe hebt. Die hat zwar mit Cloud Computing wenig zu tun, bietet aber einen hervorragenden Ausblick. Daneben sind Sonnenstühle und ein Bällebad zu finden.

Auch bei der Vermittlung der Messethemen setzt IBM auf neue Konzepte. So gibt es Workshops und Design-Thinking-Sitzungen mit Besuchern. Und am Stand demonstrieren 33 Kunden, wie sie Lösungen des Konzerns einsetzen. Ein Beispiel: Der Schokoladenhersteller Ritter Sport erprobt gerade, wie er mit der Blockchain seine Lieferkette überprüfen kann.

„Ich finde gut, dass Oliver Frese und sein Team den Mut hatten, die Cebit neu aufzustellen“, lobt IBM-Deutschland-Chef Matthias Hartmann. Das Unternehmen sei damit schließlich „all in“ gegangen. „Das Feedback der Kunden zeigt: Es funktioniert.“ Tatsächlich ist am IBM-Stand viel los.

Die Wirtschaft habe ein Interesse daran, dass es eine solche Veranstaltung am Standort Deutschland gebe, betonte Hartmann. „Die Strahlkraft der Cebit hat zwar etwas nachgelassen, aber wir brauchen eine große Digitalisierungsmesse mit internationaler Ausrichtung.“ Auch nächstes Jahr wird IBM daher dabei sein.

Gleich neben dem IT-Konzern dominiert Vodafone die Szene mit seinem knalligen Markenrot: Der Telekomanbieter hat gleich zwei Pavillons und die Freiflächen davor angemietet. Das Unternehmen zeigt sich zufrieden: Diese Cebit sei anders, sagt Firmenkundenchef Alexander Saul, jünger und innovativer. Es gebe viele Veränderungen und diese brächten Fortschritt. „Wir glauben an die neue Cebit“, betont er.

Nicht nur die Konzerne, die am zentralen Campus ausstellen, sind zufrieden. So lobt auch Peter Oehler, COO des Projektmanagement-Start-ups Zenkit, das neue Konzept: „Tatsächlich wirkt nun alles frischer, lebendiger und zeitgemäßer.“

Für Start-ups sei die Cebit eine gute Plattform: „Es gibt in Deutschland keine andere Messe, die es schafft, sowohl Business-Kunden als auch Kooperationspartner, Investoren, Endverbraucher und Presse an einem Ort zusammenzubringen.”

Die Verjüngung lobt auch der IT-Dienstleister Materna, der in diesem Jahr Innovationsthemen wie Blockchain und Chatbots stärker in den Mittelpunkt gestellt hat. „Das hat viele Kontakte über unsere Kernzielgruppe hinaus an unseren Stand gebracht“, berichtet das Dortmunder Unternehmen. Auch die üblichen Besucher, vor allem aus der öffentlichen Verwaltung, waren präsent.

Zwei Welten prallen aufeinander

Diese Mischung stößt jedoch nicht überall auf Begeisterung. Im Hintergrund bemängelt manch ein Aussteller die neue Öffentlichkeit, die durch das 15-Euro-Besucherticket möglich gemacht wurde. Während die Unternehmen versuchten, ihre Systemlösungen zu verkaufen, liefen Besucher und Reisegruppen durch die Gegend auf der Suche nach Gadgets, kritisiert ein Gründer.

Es scheine, als habe die Cebit ihr Konzept noch nicht ganz gefunden, kritisiert ein anderer. Die Start-up-Halle und der Streetfood-Bereich vermittelten Festival-Atmosphäre, andere Hallen seien jedoch genauso langweilig wie in den Jahren zuvor. Alte Messestrukturen treffen auf Kreativ-Ambitionen.

Das Problem sieht auch Clemens Kirner vom Augmented-Reality-Start-up Insider Navigation: „Vertriebler in schwarzen Anzügen treffen auf Endkunden im T-Shirt. Man muss sich entscheiden, was man will: Vertriebsmesse oder Festival – beides geht nicht.“ Die Hallen sähen aus wie immer, nur dass dazwischen jetzt eine Bühne stehe. Er will im nächsten Jahr nicht wiederkommen.

Auch von Seiten der Unternehmen gibt es hinter vorgehaltener Hand durchaus Kritik: Einige sind skeptisch, ob nicht doch die Hannover Messe, bei der auch die Vernetzung der Industrie im Mittelpunkt steht, der richtige Termin für die Präsentation des eigenen Unternehmens sei. Viele betonen, ihr Engagement dort weiter ausbauen zu wollen.

Der klassische Messebetrieb, bei dem es darum geht, IT-Entscheider in den Unternehmen vom eigenen Produkt zu begeistern, habe bei der Cebit schon gelitten, erzählt einer. Von denen seien einfach nicht mehr so viele gekommen, wie früher. Und von denen, die da waren, hätten einige sich mit dem neuen Konzept nicht wohlgefühlt. Und „25-Jährige treffen eben noch nicht die ganz großen Entscheidungen“, meint er.

Es sind schon unterschiedliche Welten, die im Schatten des Riesenrads aufeinandertreffen.

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