Blendle im Test Das kann die neue Zeitungs-App

Noch sind längst nicht alle versprochenen 100 Titel bei Blendle verfügbar. Zudem gibt es ein paar Kinderkrankheiten. Wir haben das neue Zeitungs- und Zeitschriftenportal einem Praxistest unterzogen.
Angemeldeten Nutzern präsentiert Blendle ausgewählte Artikel. Quelle: Screenshot Blendle
Blendle-Startseite

Angemeldeten Nutzern präsentiert Blendle ausgewählte Artikel.

(Foto: Screenshot Blendle)

HamburgVermutlich ist Blendle ein Opfer des eigenen Erfolgs. Das Portal, das es seinen Nutzern ermöglicht, einzelne Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu kaufen, hat nach eigenen Angaben mehr als 100 Titel im Angebot. Das ist wohl richtig, wenn man all die Blätter mitzählt, mit denen das in den Niederlanden ansässige Start-up bereits handelseinig ist. Aber nicht alle von ihnen sind bereits online.

Scrollt man die Leiste mit den verschiedenen Titeln entlang – was bei Blendle, wie beim analogen Blättern, nicht von oben nach unten, sondern von links nach rechts geschieht – ist nach Titel 39, dem Medienmagazin „Journalist“, bereits Schluss. Titel 40, das Kölner Boulevardblatt „Express“ wird nur noch in mattem Schwarz-Weiß wiedergegeben. Darunter steht „Demnächst verfügbar“. Bei den darauffolgenden Blättern verhält es sich ebenso.

Das Kölner Boulevardblatt „Express“ ist erst „demnächst verfügbar“. Quelle: Screenshot Blendle
Blättern mit Blendle

Das Kölner Boulevardblatt „Express“ ist erst „demnächst verfügbar“.

(Foto: Screenshot Blendle)

Offenbar hat die Mannschaft um Blendle-Gründer Marten Blankesteijn nicht damit gerechnet, dass vom Start weg so viele deutsche Verlage auf ihrem Portal vertreten sein wollen. Nun kommt sie mit dem Einpflegen der Blätter kaum nach.

Aber ist das wirklich ein Problem? Schon das Angebot von 39 Titeln – vom Fußballmagazin „11 Freunde“ bis zur „Thüringischen Landeszeitung“, von der „Gala“ bis zum Handelsblatt – ist ausgesprochen üppig. Wer sich ihm über die Funktion „Blättern“ nähert, das eine oder andere Blatt anklickt und in ihm stöbert, kann sich damit schon mal einen ganzen Nachmittag beschäftigen.

Um dem Lesen via Blendle Struktur zu geben, empfehlen die Macher des Portals ihren Nutzern, bestimmte Themengebiete auszuwählen. Davon gibt es 19 zur Auswahl. Sie reichen von „Politik“ bis „Unterhaltung“, von „Verbrechen“ bis „Geist und Seele“. Zusätzlich gibt es noch die Kategorie „Staff Picks“, die Empfehlungen der Blendle-Redaktion enthält.

Bei dem Portal können Leser Artikel aus 19 Themengebieten auswählen. Quelle: Screenshot Blendle
Blendle-Themenseite

Bei dem Portal können Leser Artikel aus 19 Themengebieten auswählen.

(Foto: Screenshot Blendle)

Wer sich bei dem Portal angemeldet hat, erhält täglich einen Newsletter, in dem auf bestimmte Artikel hingewiesen wird. Es ist auch möglich, sich von anderen Lesern inspirieren zu lassen. Wer sich beispielsweise für die Kategorie „Wirtschaft“ entscheidet, erfährt, welche Artikel „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel so bevorzugt. Im Ressort „Fußball“ kann man das Leseverhalten von Ex-Profi Jens Nowotny ebenso verfolgen wie die Vorlieben des Fußball-Portals Transfermarkt.de.

Generell ist Social Media für Blendle kein Fremdwort. Alle Artikel können geteilt und mit anderen Nutzern diskutiert werden.

Wen die Nutzer vergeblich suchen

Die Preise für ihre Texte haben die Verlage selbst festgelegt. In der Regel sind sie moderat. Ein Seite-Drei-Stück der „Süddeutschen Zeitung“ kostet beispielsweise 75 Cent. Die Titelstory des Debattenmagazins „Cicero“ ist sogar schon für 35 Cent zu haben. Dagegen kostet die Titelgeschichte des „Spiegel“ stolze 1,99 Euro. Wer will, kann via Blendle aber auch komplette digitale Ausgaben einer Zeitung oder einer Zeitschrift erwerben, die in der Regel günstiger ist als das gedruckte Blatt. So kostet der „Spiegel“, der am analogen Kiosk für 4,60 Euro zu haben ist, bei Blendle nur 3,99 Euro.

Eine Ausgabe des Nachrichtenmagazins kostet bei Blendle nur 3,99 Euro. Am analogen Kiosk ist das Heft für 4,60 zu haben. Quelle: Screenshot Blendle
„Spiegel“-Ausgabe bei Blendle

Eine Ausgabe des Nachrichtenmagazins kostet bei Blendle nur 3,99 Euro. Am analogen Kiosk ist das Heft für 4,60 zu haben.

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Jeder neue Kunde des Portals erhält automatisch ein Guthaben von 2,50 Euro. Zudem erstattet Blendle den Preis eines Artikels, wenn der Leser ihn innerhalb von zehn Sekunden, nachdem er ihn geöffnet hat, wieder schließt. Wegen dieser Regelung ist nach Angaben von Portal-Gründer Blankestijn „Bild“ nicht bei Blendle vertreten. Das Boulevardblatt habe geltend gemacht, dass sich die meisten seiner Artikel in zehn Sekunden lesen lassen und das Start-up aufgefordert, seine Erstattungsfunktion abzuschalten. Darauf habe er sich aber nicht einlassen wollen, sagt Blankestijn.

Natürlich gibt es auch noch ein paar Kinderkrankheiten. So hat das Portal ein Problem mit der Darstellung von Grafiken. Beim Fußballmagazin „Kicker“ etwa werden Spielerbenotungen und Mannschaftsaufstellungen, die als Grafiken in die Artikel des Blattes eingeklinkt sind, nicht wiedergegeben, wenn man die jeweiligen Texte bei Blendle herunterlädt.

Laut Blankesteijn ist der „Kicker“ eine Ausnahme. Er spricht von „wenigen Fällen“, bei denen dieses Problem auftrete. Es habe seinen Ursprung darin, dass die Inhalte der Blätter ursprünglich für Print erstellt wurden. Bei der Konvertierung für sein Portal seien mehrere Parteien beteiligt. Man habe aber das Problem erkannt und arbeite daran, es vollständig zu beheben.

Fazit:
Trotz solch kleinerer Schwächen ist Blendle ein Portal, das man bedenkenlos empfehlen kann. Es lässt sich kinderleicht navigieren. Praktisch alle Funktionen sind selbsterklärend. Alle Nutzer, die einen ganz bestimmten Artikel suchen oder einfach mal im nach wie vor beeindruckend vielfältigen Angebot deutscher Verlage – aber auch englischsprachige, niederländische und demnächst Schweizer Titel sind verfügbar – stöbern wollen, sind hier genau richtig.

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