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Chinesischer IT-Riese Alibaba schnappt sich Berliner Start-up Data Artisans

Deutsche Spitzentechnik ist beliebt in Fernost. Erstmals kommt jetzt ein Start-up aus Deutschland in chinesische Hand. Es geht um große Datenmengen.
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Gründer Jack Ma treibt die globale Expansion des Konzerns voran. Quelle: Reuters
Alibaba-Zentrale in Hangzhou

Gründer Jack Ma treibt die globale Expansion des Konzerns voran.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf, Berlin Ob autonomes Fahren, Onlinehandel oder Finanztransaktionen: In der digitalen Wirtschaft werden immer größere Mengen an Daten gesammelt. Doch erst wenn sie in kurzer Zeit analysiert und verarbeitet werden können, haben sie für Unternehmen einen echten Nutzen.

Deshalb ist die schnelle und zielführende Auswertung großer Datenmengen eine Schlüsselfähigkeit, um in der digitalen Zukunft der Ökonomie bestehen zu können. Es ist ein globales Wettrennen um die Spitzentechniken entbrannt. Die USA, China und Europa ringen um die besten Lösungen.

In Deutschland hat ein Start-up eine solche Technik entwickelt: Data Artisans aus Berlin. Doch jetzt wird das Unternehmen von einem chinesischen Konzern aufgekauft: Alibaba.

Die Übernahme, für die die Chinesen laut Branchenportal „Deutsche Start-ups“ rund 90 Millionen Euro bezahlen, steht dabei für eine Trendwende. Chinesische Firmen setzen nicht länger fast ausschließlich darauf, Zukunftstechniken selbst zu entwickeln. Sie kaufen sich auch gezielt Fachwissen ein.

Zudem bezogen sich viele der Beteiligungen und Übernahmen chinesischer Firmen in Deutschland bislang auf klassische Branchen wie den Maschinenbau oder Automobilzulieferer. Jetzt greift erstmals ein chinesischer Investor nach einem deutschen Jungunternehmen aus der IT-Branche.

„Beide Unternehmen teilen dieselben Werte und Ziele“, sagten die Berliner Gründer Kostas Tzoumas und Stephan Ewen dem Handelsblatt. Anstatt ihr Unternehmen selbst weiter zu führen, hätten Sie sich für den Zusammenschluss mit Alibaba entschieden, da ihnen mächtige Eigentümer aus China „ungeahntes Potenzial“ böten. Alibaba war auf Anfrage nicht erreichbar.

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Die Berliner Gründer haben eine Technik entwickelt, mit der sich große Datenmassen effizient nutzen lassen. Der Ansatz der Datenverarbeitung nennt sich „Stream Processing“. Im Gegensatz zu klassischen Methoden versprechen die Berliner, dass sich mit ihrer Technik Daten nicht erst auswerten lassen, sobald sie gespeichert wurden, sondern quasi noch in Bewegung verarbeiten lassen.

Investoren aus China nehmen sich zunehmend die deutsche Start-up-Szene vor. Spielten sie hier noch bis 2016 praktisch kaum eine Rolle, so hat sich das in den vergangenen zwei Jahren geändert. 2017 summierten sich die Beteiligungen schon auf 100 Millionen Euro.

Im März 2018 beteiligte sich der Alibaba-Konkurrent Tencent aus China dann an einer 160-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde der deutschen Onlinebank N26. Zuvor hatte schon der chinesische Milliardär Li Ka-Shing in das Start-up investiert. Tencent war auch beim Flugzeugbauer Lilium mit eingestiegen.

Im Oktober gab die Reiseplattform Go Euro eine Finanzierungsrunde in Höhe von 150 Millionen US-Dollar bekannt. Zu den Investoren gehörte unter anderem die chinesische Investmentfirma Hillhouse Capital, die erst kürzlich einen Fonds in Höhe von zehn Milliarden Dollar geschlossen hat.

Im November investierte dann der chinesische Versicherungskonzern Ping An 41 Millionen Euro in Finleap. Das Berliner Unternehmen vereint mehrere Fintechs unter einem Dach, darunter die Solaris-Bank. Ping An ist der nach Marktkapitalisierung größte Versicherungskonzern der Welt. Der unternehmenseigene Investmentfonds verfügt über eine Milliarde US-Dollar. Donald Lacey, Chef des Fonds, wird auch der neue Beirats-Vorsitzende von Finleap.

Für das vergangene Jahr bezifferte der Dienstleister Dealroom.co die Beteiligungen in Deutschland bereits mit 300 Millionen Euro. Und mit der Übernahme von Data Artisans setzt sich diese Entwicklung fort.

Wir verlieren die Hoheit über die Wahrheit. laus Hommels, Risikokapitalgeber

Finleap-CEO Ramin Niroumand beschreibt die Beteiligung aus Fernost als große Chance. Die Entscheidung für Ping An war „nicht nur eine Entscheidung für das Kapital“, sagt Niroumand, „sondern eine Entscheidung für die Technologie.“ Ping An sei nicht nur die größte Versicherung der Welt, der junge chinesische Konzern habe bei Themen wie Künstlicher Intelligenz und Blockchain eine Expertise, die weltweit ihresgleichen suche. Finleap könne von dieser Expertise profitieren, „der Technologietransfer läuft in diesem Fall andersherum“. „China ist, was Finanztechnologie betrifft, so viel weiter, die haben nicht auf uns gewartet“

Pekings Firmen auf Expansionskurs

China sieht sich in einem globalen Wettrennen um Spitzentechnologien. Und die Internetfirmen sollen Treiber der Strategie werden. Nirgendwo wird das so deutlich wie beim Thema Künstliche Intelligenz, kurz KI. Präsident Xi Jinping hat das Ziel ausgegeben, die Volksrepublik zum Spitzenland für KI zu machen. Das Ziel der Staatsstrategie lautet: Das Land soll bis 2030 führende KI-Macht der Welt werden und eine KI-Branche im Wert von umgerechnet 130 Milliarden Euro aufbauen.

Dagegen wirkt es nahezu mickrig, wenn die deutsche Bundesregierung stolz eine Förderung von drei Milliarden Euro für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland bereitstellen will. Das globale Kräftemessen um die Dominanz bei KI wird zwischen den USA und China ausgetragen.

Drei Firmen spielen die Schlüsselrolle auf chinesischer Seite. Das sind neben Alibaba der Suchmaschinenbetreiber Baidu und der IT-Konzern Tencent, der sein Kerngeschäft in Kommunikationsprogrammen und Internetspielen hat. Alle drei Unternehmen tüfteln an den besten IT-Systemen: ob für selbstfahrende Autos, Smart Cities oder bessere Steuerungen von Fabriken oder Maschinen.

Und die drei Unternehmen wissen um ihre Stärken. „Wir sind entschlossen, einer der dominanten Spieler zu werde“, sagte Alibaba-Manager Min Wanli Ende Oktober selbstbewusst im Handelsblatt-Interview. Er ist Chief Data Scientist und Vizepräsident der Clouddienste von Alibaba. Und alle paar Wochen reist er nach Europa, um Firmen von den Vorzügen der chinesischen Technik zu überzeugen. In Frankfurt hat Alibaba 2016 ein erstes Rechenzentrum in Europa eröffnet.

Bislang hat sich Alibaba weitgehend lautlos an Europa rangetastet. Es gab wenig prominente Auftritte von Spitzenmanagern der Firma. Und auch mit spektakulären Übernahmen hielt sich das Unternehmen zurück. Das ändert sich. In Belgien baut das Unternehmen ein Logistikdrehkreuz auf, das die Basis für die Ausweitung der Online-Handelsblattform von Alibaba nach ganz Europa werden soll. Und mit der Übernahme von Data Artisans verstärkt Alibaba den Griff nach deutschen Technologien.

Andere chinesische Firmen könnten folgen. Rivale Tencent ist bereits in Deutschland investiert. Und der dritte chinesische IT-Gigant, der Suchmaschinenbetreiber Baidu, arbeitet sehr eng mit deutschen Autobauern und deren Zulieferern wie Bosch oder Continental zusammen. Doch Chinas zunehmende Dominanz wird auch kritisch gesehen.

Risikokapitalgeber Klaus Hommels warnt seit Jahren vor der Entwicklung. „Das ist eine unausweichliche Konsequenz angesichts der Lethargie, die wir in Sachen Digitalisierung an den Tag legen“, sagte er dem Handelsblatt. Das Problem sei die gigantische Finanzierungslücke, die zwischen Europa und den USA oder China klafft.

In China nehme der Staat umgerechnet viele Milliarden Dollar in die Hand, um gezielt Industriepolitik zu betreiben. „Es kann doch nicht sein, dass wir die Firmen erst hochpäppeln – auch mit staatlicher Unterstützung – und sie dann zum Ausverkauf stellen“, sagt Hommels. „Das ist ein Priorisierungsproblem. Die Politik hat immer noch nicht verstanden: Wie reagiere ich darauf?“

Die große Gefahr liegt für Hommels im Verlust der Kontrolle: Wenn deutsche Start-ups ihre großen Finanzierungsrunden nur mithilfe amerikanischer oder zunehmend chinesischer Beteiligung schließen könnten, dann würden die Aufsichtsgremien dieser Firmen eben auch aus China oder den USA kontrolliert. „Dann bestimmen andere über die Corporate Governance unserer Unternehmen – das können wir nicht wollen.“

Bei Plattformen wie Facebook, auf denen Wissen vermittelt und politische Meinungen gebildet werden, habe Europa jetzt schon kein Mitspracherecht. Das dürfe nicht wieder passieren, etwa im Bereich Finanzen oder Mobilität. „Wer bestimmt den Algorithmus, der darüber entscheidet, ob wir bremsen oder nicht?“, fragt Hommels und warnt: „Wir verlieren die Hoheit über die Wahrheit.“

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2 Kommentare zu "Chinesischer IT-Riese: Alibaba schnappt sich Berliner Start-up Data Artisans"

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  • Ich kann Herrn Hommels nur zustimmen.
    Ich habe als CEO eines start-ups im Nanotechnologie Bereich selber versucht in Deutschland einen Kapitalgeber zu finden, vergeblich. Die Risikobereitschaft inländischer Kapitalgeber ist minimal, das Sicherheitsdenken überwiegt bei weitem.
    Die Auflagen staatliche Förderung für Neugründungen kaum erfüllbar, die bürokratischen Anforderungen immens und die Geschwindigkeit bei der Bearbeitung von Anfragen, oder Anträgen ist katastrophal langsam.

    Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass wir keine Fehler bei Suche nach Risikokapital begangen haben, aber auch in diesem Bereich sollte man Neugründungen zugestehen, Fehler machen zu dürfen.

    Letztendlich bin auch ich nur bei Chinesen fündig geworden, die zwar Ihre eigen Art der Geschäftsauffassung haben und die bestimmt nicht einfach zu handhaben sind, die aber immerhin bereit sind ein Risiko einzugehen, was hierzulande keiner bereit war einzugehen.

    Der große Unterschied zwischen hiesigen und chinesichen Kapitalgebern / Investoren ist meiner Ansicht nach der, das man hierzulande zu sehr darauf schaut, was alles schiefgehen kann und wie man sich am besten absichert, wohingegen Chinesen mehr das zukünftige Potential vor Augen haben. Wenn sie das als vielversprechend einstufen, sind sie bereit ein Risiko einzugehen.

  • Subventionen um den Wachstumsfaktor gewichtet für 30 Jahre rückzahlbar stelken sobald die Firma ins nicht-EU Ausland verkauft wird. Den Handel mit Patenten einschränken. Stufeiengebühren bis 15 Jahre nach Abschluss erheben, die dann fällig werden, sobald eine ausländische Staatsbürgerschaft angenommen wird und eine Beschäftigung im Ausland aufgenommen wird....

    Soo viele Möglichkeiten,ein Abwandern von Know How einzuschränken. Man muss sie nur nutzen. Die USA verdanken die wichtigsten technologisvhen Entwicklungen den Bildungseinrichtungen und Subventionen anderer Länder. Das sollte nicht so bleiben, wer gute Leute will, sollte selbst ein gutes und bezahlbares Bildungssystem aufbauen müssen. Und nicht die Absolventen anderer Länder abgreifen.

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