Datenaffäre Facebook zeigt sich entsetzt über Datenmissbrauch und fühlt sich hintergangen

Die Datenfirma stellt ihren Chef Alexander Nix kalt. Facebook bemüht sich um Distanz. Doch Juristen und Politiker erhöhen den Druck auf das soziale Netzwerk.
Update: 21.03.2018 - 06:45 Uhr 8 Kommentare

50 Millionen Nutzerprofile angezapft – Facebook unter Druck

London, San Francisco, Düsseldorf, New YorkFacebook sieht sich im Datenskandal um die britische Analysefirma Cambridge Analytica selbst als Betrogenen. „Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden“, heißt es in einer Mitteilung von Facebook.

Die umstrittene Datenanalyse-Firma, die nach Angaben ihres inzwischen suspendierten Chefs Alexander Nix einen Großteil des Wahlkampfs für US-Präsident Donald Trump bestritten hat, soll Zugriff auf Facebook-Daten von bis zu 50 Millionen Menschen gehabt haben. Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC leitete nach Informationen der „Washington Post“ eine offizielle Untersuchung gegen Facebook ein.

Das Unternehmen erklärte in der Mitteilung, es werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. Firmenchef Mark Zuckerberg und alle Verantwortlichen seien sich des Ernsts der Lage bewusst. Facebook verlor seit Montag zeitweise bis zu 50 Milliarden Dollar an Unternehmenswert an der Börse.

In Folge der Datenaffäre hat der Vorstand von Cambridge Analytica seinen CEO Alexander Nix mit sofortiger Wirkung suspendiert. Nix werde für die Zeit einer vollständigen, unabhängigen Untersuchung mit sofortiger Wirkung von seiner Aufgabe entbunden, teilte das Unternehmen am Dienstagabend mit.

Der Schritt folgt auf einen Beitrag von „Channel 4 News“. Darin gaben sich zwei Reporter als Vertreter einer reichen Familie aus Sri Lanka aus. Sie wollten wissen, wie Cambridge Analytica ihnen bei einer vermeintlichen Wahlkampagne helfen könnte. Im Zeitraum von vier Monaten trafen sich die beiden mit Vertretern der britischen Firma in verschiedenen Londoner Hotels – auch mit CEO Nix. Die versteckte Kamera lief immer mit.

In den am Montag erstmals ausgestrahlten Videoaufnahmen redet Nix sich um Kopf und Kragen. Nach seinen Methoden gefragt, erklärt er, man könne politischen Rivalen etwa eine große Summe Geld anbieten, sie beim Akt der Bestechung filmen und den Film dann ins Internet stellen. Diese Art von Taktik ist sehr effektiv“, sagt Nix in dem Video.

Oder, räsoniert er weiter, man könne einem Politiker natürlich auch hübsche Mädchen ins Haus schicken und dann filmen, Ukrainerinnen zum Beispiel, das funktioniere auch sehr gut. Seine Firma habe jede Menge Erfahrung mit solchen Dingen, versichert er dem vermeintlichen Kunden.

Nun behauptet Nix, das sei alles nicht ernst gemeint gewesen. Als höflicher Engländer habe er sich nur auf den Gesprächsfaden des Kunden eingelassen. Er habe nie etwas mit Prostituierten zu tun gehabt, weder privat noch beruflich. Alle seine Methoden seien legitim und üblich im Wahlkampf. Nix spricht von einer politisch motivierten Medienkampagne gegen seine Firma. „Sie gewinnen eine Wahl für einen Kandidaten wie (US-Präsident Donald) Trump und verärgern damit 100 Millionen Menschen. Dadurch werden Sie zum Teufel gemacht.“ Ein Sprecher von Cambridge Analytica bemühte sich um Distanz: Die Kommentare von Nix repräsentierten weder die Werte noch die Arbeitsweise des Unternehmen, sagte er.

Die Geschäftsführung übernehme nun vorerst Datenchef Alexander Tayler. Die unabhängige Untersuchung werde von Julian Malins geleitet, einem Anwalt aus London. Die Ergebnisse der Ermittlungen wolle der Aufsichtsrat zu gegebener Zeit dann mit der Öffentlichkeit teilen.

Zugriff auf Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Profilen

Nach den Enthüllungen über Cambridge Analytica, wonach die Firma sich unautorisiert Zugang zu den Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern im US-Präsidentschaftswahlkampf verschafft, gezielt politische Werbung verbreitet und so zum Wahlsieg Donald Trumps beigetragen haben soll, war Nix bereits in große Erklärungsnot geraten.

Er hatte noch im Februar im britischen Unterhaus unter Eid versichert, seine Firma habe nie Facebook-Daten besessen oder genutzt. Der Abgeordnete Damian Collins hat bereits angekündigt, man werde untersuchen, ob der Manager das Parlament belogen habe.

Cambridge Analytica wurde vor fünf Jahren gegründet, Hauptinvestor ist der US-Milliardär Robert Mercer, einer der größten Unterstützer von Trump. Seine Tochter Rebekah Mercer und Trumps Ex-Berater Steve Bannon saßen im Verwaltungsrat. Nix sagt, er habe fünf Jahre lang jeden Tag mit Bannon geredet. Und doch will er sich nicht die Finger schmutzig gemacht haben.

In den vergangenen Jahren sind alle Vorwürfe an der Firma abgeprallt, doch dieses Mal könnte es anders kommen. Die Datenschutzbeauftragte der britischen Regierung will die Cambridge-Analytica-Zentrale in London durchsuchen lassen.

Der US-Techgigant Facebook geht indes auf größtmögliche Distanz zu dem britischen Unternehmen und kooperiert mit den Behörden. Den Vorfall bedaure man, heißt es in einer Stellungnahme vom Dienstag. Die Schuld für den Skandal mit den Daten sieht Facebook aber nicht bei sich, sondern bei Cambridge Analytica.

Das Unternehmen werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. CEO Mark Zuckerberg hat sich bislang nicht öffentlich zu der Affäre geäußert. Wie es heißt, will er sich am Freitag bei einem regulären Meeting vor Mitarbeitern äußern.

Die Facebook-Aktie war nach den Enthüllungen eingebrochen. Der Tech-Riese verlor zwischenzeitlich bis zu 50 Milliarden Dollar an Börsenwert.

Die US-Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission (FTC) prüft laut „Bloomberg“ nun, ob sie eine Untersuchung gegen Facebook einleitet. Dabei geht es um die Frage, ob die Plattform bei der Weitergabe der Nutzerinformationen an Cambridge Analytica gegen eigene Datenschutzrichtlinien verstieß.

Zuckerberg soll Rede und Antwort stehen

Facebook hatte sich nach einem Streit mit der Behörde 2011 offiziell zu mehr Datenschutz verpflichtet. Demnach muss das Unternehmen seine Nutzer mit einem deutlichen Hinweis um Erlaubnis fragen, wenn deren persönliche Daten gesammelt und an Dritte weitergeben werden und dies über bestehende Privatsphäre-Einstellungen hinausgeht. Sollte die FTC zu dem Schluss kommen, dass Facebook gegen die eigenen Richtlinien verstoßen hat, droht dem Unternehmen eine Millionenstrafe.

Antworten verlangt auch New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman. Laut der „Financial Times“ habe er dafür zusammen mit dem Generalstaatsanwalt von Massachusetts einen Brief an Facebook geschickt. „Verbraucher haben ein Recht zu wissen, wie ihre Informationen genutzt werden“, sagte er dem Blatt zufolge. Unternehmen wie Facebook hätten eine fundamentale Verantwortung, die persönlichen Daten ihrer Nutzer zu schützen.

Ranghohe Demokraten kündigten zudem an, Zuckerberg vor den Justizausschuss des US-Senats vorzuladen. Sie fordern von dem Facebook-Chef, dass sich sein Unternehmen federführend um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Privatsphäre von Social-Media-Nutzern kümmern soll. Sollte Facebook dazu nicht in der Lage sein, müsse wohl der Kongress einschreiten, warnte Senatorin Dianne Feinstein, ranghöchste Demokratin in dem Gremium. Sie brachte außerdem eine Regulierung von sozialen Online-Netzwerken ins Spiel.

Feinsteins Senatskollege Mark Warner, ranghöchster Demokrat im Geheimdienstausschuss, sprach sich ebenfalls für eine Vorladung Zuckerbergs aus. Der Vorsitzende des Gremiums, der Republikaner Richard Burr, wollte sich indes nicht darauf festlegen, dass der Facebook-Chef vor dem Ausschuss erscheinen müsse.

Auch das EU-Parlament sieht Redebedarf und lud den Facebook-Chef nach Straßburg ein. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani ließ via Twitter wissen, Facebook müsse „vor den Vertretern von 500 Millionen Europäern klarstellen, dass persönliche Daten nicht dazu benutzt werden, um die Demokratie zu manipulieren.“

Das Weiße Haus äußerte sich bisher nicht offiziell zu der Affäre um Cambridge Analytica und Facebook. Mitarbeiter Trumps versuchten in diversen Medien die Verbindung zu der britischen Firma kleinzureden.

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8 Kommentare zu "Datenaffäre: Facebook zeigt sich entsetzt über Datenmissbrauch und fühlt sich hintergangen"

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  • Facebook das Opfer? Doch nur dann, wenn die "verlorenen" Daten nicht einen sehr guten Preis erzielt haben. Und auch dann, wenn die Untersuchungen Details des Geschäftsmodels ans Licht bringen. Ich habe noch nie einen Bericht gelesen, wie man mit big data so viel Geld verdient. Nur mit Werbung, wie es immer behauptet wird, jedenfalls nicht.

    Lothar Meurer
    Frankfurt a.M.

  • Dann ist das Geschäftsmodell von Facebook "Erfassung und Verwertung von Nutzerdaten" obsolet.

    Die User meinen es ist kostenlos. Aber Daten sind deren Kapital, d.h. der User "bezahlt" mit seinen Daten damit Facebook damit wirtschaften kann.

  • FB ist nichts anderes, als Datenmißbrauch in Konzern-Form.

  • Das soll wohl ein Witz sein: fb fühlt sich hintergangen!?! fb ist der Mit-Täter.

  • Der wirtschaftliche Sinn von fakebook und Co ist es doch gerade, Nutzerverhalten auszuforschen und dieses Wissen gewinnbringend einzusetzen.

    Und das fakebook Meinungen steuert, dass dort Filterblasen bewusst unterstützt werden, dass dort ohne jede Kontrolle und ohne jeden Skrupel hanebüchener Unsinn als "Wahrheit" verkauft wird, ist nun auch allen Usern gekannt.

  • Tja, da hat Mr. Zuckerberg mal wieder gut beim Präsidenten gelernt - nichts als fake news und absolut unglaubwürdig.

  • "Millionenstrafe für einen Milliardenkonzern" - Witz

  • "Missbrauch von Nutzerdaten"?

    Das Businessmodell von Facebook ist das Sammeln bzw. Verkauf eigener Nutzerdaten, das Businessmodell von Cambridge Analytica die Analyse dieser Daten. Jeder Nutzer von Facebook sollte sich erst die AGB durchlesen.

    Facebook lässt sich das Nutzungsrecht an den Daten im Account übertragen. Und wie hat Cambridge Analytica den Wahlkampf beeinflusst? Jeder kann doch selbst entscheiden, wem er Daten überträgt und wen er wählt.

    Die Vorschläge von Nix sind doch kalter Kaffee in jedem Wahlkampf. Sehr lustig, das Ganze. Unsere Analysten sagen, weg mit Facebook. Das ist Nix!

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