Digitalbranche: Warum die Start-up-Konferenz Noah nach Tel Aviv geht
Die israelische Stadt gilt als Hotspot der internationalen Start-up-Welt.
Foto: imago/ZUMA PressDüsseldorf/Berlin. „No assholes here“ – so flapsig antwortete Marco Rodzynek in der Vergangenenheit schon einmal, wenn er auf die Bedeutung des Namens seiner Noah-Konferenz angesprochen wurde. Ursprünglich sollte es allerdings für den Bootsbauer aus der Bibel stehen und damit den Neuanfang ausdrücken, den Rodzynek nach der Pleite seines Ex-Arbeitgebers Lehman Brothers wagte.
2009 gründete der gebürtige Hamburger Noah in London, wo er seit über zwanzig Jahren lebt und arbeitet. Die Firma berät Start-ups und ihre Käufer. Die Konferenz fand zuerst in der britischen Hauptstadt statt und zog dann 2015 nach Berlin. Sie soll Plattform sein für den Austausch zwischen Gründern, Investoren, Unternehmern und Industrielenkern.
In diesem März zieht Rodzynek die Konferenz nun in Tel Aviv auf. Die israelische Metropole ist der Mittelpunkt des israelischen Start-up- und Tech-Ökosystems. Rodzynek glaubt an den Standort und die Vorteile für Unternehmen und sieht den Austausch mit den technologiegetriebenen Start-ups als Überlebenschance gegen die übermächtigen Player aus Übersee.
Es war ein wenig wie der Ritterschlag für die Berliner Start-up-Landschaft, als Rodzynek 2015 seine Konferenz in die deutsche Hauptstadt brachte. „Es war der logische Schritt: Berlin war zu diesem Zeitpunkt das Zentrum der europäischen Start-up-Landschaft geworden – nirgendwo wurde über Disruption so viel gesprochen und nachgedacht wie hier“, sagt Rodzynek dem Handelsblatt. Mit im Gepäck hatte er damals eine beachtliche Liste an Teilnehmern: Arianna Huffington sprach im Vorfeld, der damalige Google-Executive-Chairman Eric Schmidt kam, WPP-Chef Martin Sorrell sowie Seriengründer Oliver Samwer und Vizekanzler Sigmar Gabriel auch.
2017 wurde der Grandseigneur der deutschen Wirtschaft, Gerhard Cromme, Chairman der Start-up-Konferenz. Nicht erst seitdem gilt die Konferenz als das führende Branchen-Event der europäischen Digitalindustrie. Auf der Teilnehmerliste finden sich Vertreter von nahezu jedem Großkonzern, für die wichtigsten Investoren Europas ist es eine Pflichtveranstaltung. Laut eigenen Angaben brachten 2017 allein acht Unternehmen der Fortune Unicorn List gemeinsam einen Wert von mehr als 23 Milliarden US-Dollar auf die Bühne des Berliner Tempodroms, wo die Veranstaltung stattfindet. In der deutschen Hauptstadt ist Axel Springer Mitveranstalter.
In London stünde vor allem im Vordergrund, Kapitalgeber mit Gründern zusammenzubringen, erklärt Rodzynek: „In Berlin ist die Konferenz eine Diskussionsplattform, damit etablierte Unternehmen ihre jungen Herausforderer kennen lernen.“ In Tel Aviv solle es nun darum gehen, Technologie nahbar und greifbar zu machen: „Es gibt kaum einen anderen Ort auf der Welt, in der Start-ups solche technologische Innovationen hervorbringen, wie in Israel.“
Mit der Noah wolle er einen Zugang zu diesem Ökosystem schaffen und eine Plattform, in denen Unternehmen diese Technologien kennen lernen könnten. Darin sieht Rodzynek nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern auch eine Überlebenschance für europäische Anbieter: „Wer zum Beispiel mit Anbietern wie Amazon konkurrieren will, der sollte sich zum Beispiel genau anschauen, was im Bereich Lagerautomatisierung im Bereich Robotik schon so alles möglich ist.“ Das Europa der Unternehmen brauche dringend den Anreiz aus Israel ist Rodzynek überzeugt.
Der NOAH-Gründer will deutsche Unternehmen mit israelischen Start-ups zusammenbringen.
Foto: imago/Fabian MatzerathTatsächlich haben Investoren und viele Unternehmen das Potenzial Israels in diesem Bereich schon erkannt: Über 350 multinationale Konzerne betreiben Forschungs- und Entwicklungszentren in dem Land. Israel hat es geschafft, ein besonders erfolgreiches Ökosystem für Neugründungen zu etablieren. Das zeigte zuletzt auch eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte und der israelischen Organisation Start-up Nation Central, die dem Handelsblatt exklusiv vorab vorlag.
Obwohl in dem Land gerade einmal acht Millionen Menschen leben, strömte 2016 zehn Prozent des globalen Risikokapitals für den Sektor Industrie 4.0 in das Land, so die Studie. Von Anfang 2014 bis Oktober 2017 erhielt das Land die zweithöchste Summe an Risikokapital in diesem Bereich weltweit. Spitzenreiter ist das Land dabei besonders in den Bereichen Cybersecurity, Sensorik oder Predictive Maintenance – letzterer sogar mit einem dreißigprozentigen Anteil der weltweiten Finanzierung. Auch aus Deutschland sind mittlerweile zahlreiche Konzerne vor Ort aktiv – darunter die Deutsche Telekom, Daimler oder Siemens.
Das Interesse für das kleine Land und seine Start-ups wächst – das zeigt auch die Masse an Konferenzen, die mittlerweile vor allem in Tel Aviv stattfinden, von der DLD bis hin zur Cyberweek. Auch Noah-Gründer Rodzynek war unsicher, ob der Markt noch eine weitere Veranstaltung vertragen würde: „Am Ende hat uns aber die Marke geholfen – Noah kennt man mittlerweile sogar in China.“
Man rechne mit 800 Teilnehmern, auch von internationaler Seite ist die Liste der Anwesenden hochkarätig: Von Unternehmensseite schicken zum Beispiel Henkel, Lanxess, Eon oder Kärcher Vertreter nach Tel Aviv - bei den Investoren sind es Lakestar, Rocket Internet oder General Atlantic.
Rodzynek geht es bei der Vernetzung von israelischem und gerade deutschen Unternehmen auch um Verständigung: „Beide Märkte sind für den jeweils anderen zum wichtigen Partner geworden – da kann die Konferenz einen wichtigen Beitrag leisten.“ Israelische Gründer schauten heute noch sehr stark auf den US-amerikanischen Markt, meint der Konferenzgründer: „Dabei bietet der europäische Absatzmarkt und die ansässigen Konzerne exzellente Möglichkeiten.“
Für eine europäische Ausrichtung spreche zudem noch ein weiteres Argument, meint Rodzynek: „Anders als im Silicon Valley ist man nach Europa gerade mal vier Stunden unterwegs – da braucht man keine zwei Tage, um die Familie wiederzusehen.“