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Ehemaliger WDR-Intendant im Interview Fritz Pleitgen: „Die Meinungsvielfalt gerät in Gefahr“

Pleitgen kritisiert die homogene Berichterstattung und warnt vor dem Verfall der Demokratie. Eine seiner Hauptforderungen: bessere Programme im TV.
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Pleitgen fordert bessere Programme im Fernsehen. Quelle: mauritius images / Matthias Wehnert / Alamy
Fritz Pleitgen

Pleitgen fordert bessere Programme im Fernsehen.

(Foto: mauritius images / Matthias Wehnert / Alamy)

Fritz Pleitgen, der frühere Intendant des WDR kritisiert im Interview mit dem Handelsblatt: „In vielen wichtigen Fragen beobachte ich eine homogene Berichterstattung. Alle marschieren in eine Richtung, nicht selten im Einklang mit der vorherrschenden Meinung in der Politik.“ Dies sei „bedenklich“. Früher habe es mehr Richtungsstreit gegeben, meint der 81-Jährige, der früher unter anderem als Auslandskorrespondent in Russland, Ostdeutschland und den USA tätig war.

Pleitgen prangert die heutige Debattenkultur an, die von den sozialen Medien geprägt sei. „Mich besorgt, wie schnell und wirkungsvoll über das Internet bösartig Stimmung gemacht wird. Dies gefährdet den inneren Frieden“, sagt er. „Guter Journalismus muss bei Kräften sein, um üblen Attacken wie der Lügenpresse-Kampagne zu widerstehen. Die Meinungsvielfalt darf nicht verlorengehen.“
Mit Blick auf die Beitragsdiskussion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks plädiert Pleitgen dafür, wieder stärker über Inhalte zu sprechen. Mit Sparankündigungen allein sei es nicht getan, sagt der Journalist. „Es kommt auf das Programm an. Darüber sollte mehr geredet und gestritten werden als über Geld.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Pleitgen, die ARD wird im Herbst ganz offiziell 65 Jahre alt. Im NDR wurde im April schon mal „70 Jahre öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland“ gefeiert. Das System ist in Würde alt geworden, aber ist es auch zukunftsfähig?
Nicht nur zukunftsfähig, sondern in dieser diffusen Welt auch zukunftsnotwendig! Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zweifellos eine Erfolgsstory, nicht nur für unsere Republik, sondern auch für die West-Alliierten, die uns mit Weitsicht das System der britischen BBC vermacht haben. Die Deutschen sollten schnell Demokratie lernen. Und das geht am besten über eine freie Presse und einen unabhängigen Rundfunk. Die Rechnung ist aufgegangen.

Klingt gut, aber gerade in den ersten Jahren war die ARD politisch sehr zahm.
Stimmt! In ihrer Anfangszeit hatte das Erste deutliche Züge von Staatsfernsehen. Das war auch noch 1963 so, als ich Redakteur der WDR-Tagesschauredaktion wurde. Statt Interviews wurden Politiker um Statements gebeten. Aus heutiger Sicht Verlautbarungs-Journalismus.

Wie wird man da ein respektabler Journalist?
Es gab genügend Kollegen, die nach der Nazi-Zeit andere Vorstellungen vom Journalismus hatten. Einigen half das Training bei der BBC. Mit dem Aufkommen der Polit-Magazine „Panorama“, „Report“ und „Monitor“ bekam das deutsche Fernsehen mehr Biss und emanzipierte sich schnell.

Tatsächlich teilte sich die ARD lange auf in Sender, die entweder in Richtung SPD oder Union positioniert waren, klassischer „Rotfunk“ und „Schwarzfunk“.
Es war weise von den West-Alliierten, keinen zentralen, sondern einen föderalen Rundfunk in Westdeutschland aufzubauen. Wenn ein Sender wegen kritischer Berichterstattung unter Druck geriet, sprangen andere ein. Es bedurfte keines Heldenmuts, in Deutschland West als Rundfunk-Journalist zu arbeiten. So meine Erfahrung. Weil ich Willy Brandts Ostpolitik für richtig hielt, forderte die CSU meine Abberufung als Moskau-Korrespondent. Für den WDR war es kein Problem, die Klagen aus Bayern nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Es bleibt die Frage, wie ein solches System den verschärften Wettbewerb in der digitalen Zeit bestehen will – mit Großmächten wie Facebook, Google und Netflix.
Die Frage richtet sich nicht nur an ARD und ZDF. Die Lage ist insgesamt bedenklich. Durch das Zeitungssterben bricht eine tragende Säule der Demokratie weg. Die Meinungsvielfalt gerät in Gefahr. Um sie zu bewahren, ist nicht zuletzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk gefordert. Homogene Berichterstattung, wie wir sie bei Themen wie Griechenland, Lokführer-Streik, Russland, Brexit und auch Trump erlebt haben und erleben, ist der schleichende Tod der Demokratie.

Auch ARD und ZDF sind von den Umbrüchen im Mediengeschäft selbst betroffen.
Das ist richtig, aber sie haben mit dem Privileg des Rundfunkbeitrags die Möglichkeit, trotz der Umbrüche ihren Auftrag zu erfüllen. Mit Spar‧ankündigungen allein ist es allerdings nicht getan. Es kommt auf das Programm an. Darüber sollte mehr geredet und gestritten werden als über Geld. Mit den Mitteln aus den Rundfunkbeiträgen der Bürger behutsam umzugehen ist eine Selbstverständlichkeit.

ARD und ZDF haben für die Jahre 2021 bis 2024 einen Mehrbedarf über rund drei Milliarden Euro ‧angemeldet. Wie ist das zu rechtfertigen?
Die Zahlen sind sicher nicht aus der Luft gegriffen. Die Finanzkommission KEF wird die Anmeldungen penibel prüfen. Die Diskussion um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hört ja nicht auf. Sie entzündet sich bei jeder Beitragsänderung. Eines Tages wird es sicher zum großen Showdown kommen. Brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und wie viel ist davon nötig? Ein System oder zwei Systeme? Auf diese Fragen müssen ARD und ZDF vorbereitet sein.

BBC, das große Vorbild, gibt es doch auch als ein System. Warum vereinigt man nicht ARD und ZDF?
Deutschland ist mit ARD und ZDF nicht schlecht gefahren. Beide Systeme haben sich auch im internationalen Vergleich als sehr leistungsfähig erwiesen. Früher lag das Erste in der Zuschauerakzeptanz traditionell vor dem Zweiten. Das hat sich gedreht, dank kluger Programmpolitik der Mainzer. Die ARD sollte sich trotzdem Mühe geben, um wieder in Führung zu gehen. Ein kultivierter Wettbewerb kann weder dem Programm noch dem Publikum schaden. Wer sich Erster nennt, sollte nicht Vierter sein.

Den Websites der Zeitungshäuser setzten Sie kostenlose Angebote der Öffentlich-Rechtlichen gegenüber. Ist dies Konkurrenz am falschen Platz?
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht der Totengräber der Zeitungen. In den 1990er-Jahren habe ich das Internet neben Radio und Fernsehen zur dritten Säule des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erklärt. Was ich als Weckruf für uns in der ARD gedacht hatte, wurde von den Verlagen als Kampfansage missverstanden. War aber nicht so gemeint.

Sondern?
Als Gegenleistung zum Rundfunkbeitrag haben die Bürger Anspruch auf seriöse und zuverlässige Informationen auf allen Ausspielwegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch über das Internet. In dieser Hinsicht bin ich Überzeugungstäter.

Wie erleben Sie die geänderte Debattenkultur in der Republik?
Mich besorgt, wie schnell und wirkungsvoll über das Internet bösartig Stimmung gemacht wird. Dies gefährdet den inneren Frieden. Gegen das Gift der anonymen Verunglimpfung hilft am wirkungsvollsten guter Journalismus, um der Bevölkerung seriöse Information und Orientierung zu bieten. Wenn allerdings Zeitungen und Rundfunk aus Sparzwängen Redaktionen ausdünnen, wird die Leistungs‧fähigkeit geschwächt. Guter Journalismus muss bei Kräften sein, um üblen Attacken wie der „Lügenpresse“-Kampagne zu widerstehen. Die Meinungsvielfalt darf nicht verloren gehen.

Sehen Sie dafür Anzeichen?
Leider ja! In vielen wichtigen Fragen beobachte ich eine homogene Berichterstattung. Alle marschieren in eine Richtung, nicht selten im Einklang mit der vorherrschenden Meinung in der Politik. Bedenklich! Früher gab es mehr Richtungsstreit. Zum Beispiel bei der Ostpolitik. Da hatten wir klare Fronten. Auf der einen Seite die Springer-Presse, auf der anderen Seite Augstein, Nannen und Dönhoff. In dieser Zeit war unsere Bevölkerung in einer sehr kultivierten Weise politisiert. Wie nie wieder.

Sie haben sogar noch als Intendant Filme gemacht. Fehlen auch bei ARD und ZDF heute Journalisten als „Marken“?
ARD und ZDF verfügen über eine Menge sehr guter Journalisten. „Marken“, wie Sie es nennen, helfen sicher dem Ansehen der Sender. Persönlichkeiten wie Nowottny, Friedrichs, Ruge, Scholl-Latour oder Bölling haben der Reputation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sehr gut getan. Dass ich als Intendant journalistisch aktiv geblieben bin, indem ich weiter den „Presseclub“ moderierte und Filme drehte, hat mir und meinem Sender unternehmenspolitisch geholfen. Die Rundfunkpolitiker in Deutschland und Brüssel wussten, für welchen Rundfunk ich stand.

Das öffentlich-rechtliche Online-Angebot ist bei jungen Leuten kein großer Erfolg. Ausnahmen: Böhmermann und „Heute-Show“. ARD und ZDF haben ein Publikum, das im Schnitt über 60 ist.
Da ist leider viel dran. Ich habe zwar vor 25 Jahren „1 Live“, bis heute Europas erfolgreichstes Jugendprogramm, in die Welt gesetzt, aber ich würde meine Fähigkeit nicht überschätzen, zündende Vorschläge für junge öffentlich-rechtliche Onlineangebote zu machen. Einen Grund zum Verzweifeln sehe ich nicht. In den Sendern gibt es genügend junge Leute mit attraktiven Ideen. Man muss sie nur machen lassen. Grimme-Preisträgerin Isabel Schayani mit „WDR for you“ ist ein solches Talent.

Wie beurteilen Sie insgesamt die Qualität der öffentlich-rechtlichen Programme?
Mir persönlich fehlen die Dokumentationen im Hauptabendprogramm des Ersten. Früher gehörten sie zu unseren Königsdisziplinen. Talkshows sind gewiss wichtige Elemente der Information, aber sie reichen selten aus, um komplizierte Vorgänge angemessen darzustellen, mögen die Talkmaster noch so gut sein. Da in den Sendungen die routinierten Talkgäste, die von Sendung zu Sendung eilen, meist den Ton angeben, ist die Gefahr groß, dass statt sachgerechter Aufklärung fahrlässige Irreführung produziert wird.

Talkshows kosten nicht viel und sorgen für Quote.
Nur auf den ersten Blick! Dokumentationen werden häufig dutzendfach wiederholt, mit gutem Zuspruch. So kosten sie weniger als Talkshows.

Wie erklären Sie sich, dass die ARD bei aktuellen Ereignissen journalistisch so schwach reagiert?
Das liegt am föderalen System. Aus dem Versagen bei den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 sind die richtigen Schlüsse gezogen worden. Dennoch hat es wieder peinliche Schwächen gegeben: bei den Anschlägen in Paris und Berlin wie auch beim Brand von Notre Dame. Um Wiederholungen solcher Pannen zu vermeiden, sollte die ARD die Zuständigkeit für die Berichterstattung über solche Ereignisse kategorisch ‧einer Stelle übertragen. Am besten „ARD Aktuell“ in Hamburg! Weiterer Nachrichtenkanäle bedarf es deshalb nicht.

Die vielen Quizshows, Seifenopern und Krimis passen ebenfalls nicht recht zu Ihrem Anspruch.
Da bin ich anderer Ansicht. Quiz regt zum Denken an, besonders bei Kai Pflaume. Was allerdings nicht zu einer Quiz-Epidemie führen sollte. Die Nachmittage muss das Publikum nicht mit todtraurigen Geschichten verbringen. Das würde die Staatsverdrossenheit noch vergrößern. Auch Zerstreuung gehört zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mein Augenmerk richtet sich auf das Programm am Abend. Auf dieser Strecke könnte die ARD noch mehr ihre Stärken ausspielen. Hochklassige Fernsehfilme, Politmagazine, Dokumentationen, auch Kulturmagazine wie „TTT“. ARD und ZDF müssen für ihr Geld selbstverständlich auch Spitzenfußball anbieten. Das lässt sich mit sozialen Anregungen verbinden. Die Bundesliga hat da einiges in petto.

Sie wollen edel, aber auch beliebt sein – die Quadratur des Kreises.
Unterhaltung kann wirkungsvolle Aufklärung liefern. „Lindenstraße“ und Biolek wären heute noch Modelle für die Zukunft. Auch Carmen Nebel mit ihrer Krebs-Benefizsendung gehört in die Kategorie Aufklärung, wenn ich mir als Präsident der Deutschen Krebshilfe diesen Hinweis erlauben darf. Der Blick auf die Quote ist nichts Verwerfliches. Wenn ich Filme im Programm hatte, habe ich am nächsten Tag gleich darauf geschaut. Jeder Journalist will für seine Arbeit möglichst viele Interessenten ‧gewinnen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Pleitgen.

Mehr: Tom Buhrow wendet sich in der „Framing“-Debatte gegen eine Art Sprachpolizei. Ein Gespräch über Akzeptanzprobleme der Öffentlich-Rechtlichen und die „Metoo“-Affäre.

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1 Kommentar zu "Ehemaliger WDR-Intendant im Interview: Fritz Pleitgen: „Die Meinungsvielfalt gerät in Gefahr“"

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  • Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag!

    Fritz Pleitgen führt fast alle wichtigen Punkte auf, warum der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk in der heutigen Form zum Scheitern verurteilt ist und bei einem der kommenden "Showdowns", wie er die öffentliche Auflehnung gegen das nicht mehr zukunftsfähige und überteuerte System nennt, gute Chancen hat zu verlieren.

    Die Jugend ist schon verloren (und sie kommt auch nicht mehr zurück). Aber auch die etwas älteren Zuschauer laufen zunehmend davon, weil das Fernsehen viel zu träge ist. War das Fernsehen - um Pleitgens Worte zu verwenden - noch "Staatsfernsehen" und sozusagen Sprachrohr der Politik, ist es zum Durchlauferhitzer geworden. Und da ist es mehr oder weniger stehen geblieben. Heute findet die Kommunikation immer noch von oben nach unten statt, d.h. der zu sendende Inhalt wird irgendwo beschlossen - ohne Zuschauerbeteiligung - weiterverarbeitet und einseitig in Richtung Zuschauer getragen. Selbst Online-Möglichkeiten, wie Twitter, Instagram oder Facebook, sind bei den Öffentlich-Rechtlichen Einbahnstraßen. Bei "Hart aber Fair" kommen bestenfalls ein paar handverlesene Meinungen zum Zug, von Interaktion kann keine Rede sein. Da sind die kommerziellen Sender im Rahmen ihrer Unterhaltungssendungen eine ganze Ecke weiter. Bei ihnen können die Zuschauer z.B. in Werbepausen direkt mit den Akteuren einer Show kommunizieren und sie erhalten auch ein entsprechendes Feedback (z.B. bei RTLs Promitanzwettbewerb "Let's Dance").

    Bislang beherrschen noch wenige Politiker die Arbeit mit und in den sozialen Medien, wie z.B. Tiemo Wölken, der beachtliche Erfolge einfährt. Aber es wird nicht mehr solange dauern, und dann können das auch andere. Eine Talkrunde mit Phillip Amthor und Kevin Kühnert auf YouTube glänzt mit einem richtig guten Moderator. Dessen Beiträge sind daher wesentlich sachlicher, informativer und letztendlich von größerem Wert, wie die Pendants im ÖR-Fernsehen.

    Pleitgen hat das alles nicht im Blickfeld.

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