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Ein Redaktionsbesuch in Doha Al Dschasira spricht – die Welt hört zu

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Das reichlich fließende Geld aus der Kasse des Emirs allein kann den Aufstieg in die erste Liga auf der globalen Medienbühne indes freilich nicht erklären. Da gehört mehr dazu. Der Emir gab Al Dschasira Spielräume, die es im ganzen arabischen Raum für Medien zuvor nicht gegeben hatte. Und so konnte es erstmals ein arabischer Sender wagen, die mächtigen Diktatoren und deren korrupte Regime beim Namen zu nennen. Die Medienrevolution war perfekt: Sie brach mit politischen, sozialen und religiösen Tabus. Und: Der Emir wollte keine Soaps oder billige Unterhaltung, sondern Nachrichten und politische Debatten.

Auch im Westen gewannen die TV-Macher so schnell an Aufmerksamkeit. Als einziger Sender übertrug Al Dschasira 1998 den Luftangriff auf Bagdad und brachte ein Interview mit Diktator Saddam Hussein. Damit hatte es der Sender aus Katar in die erste Liga geschafft: Die westlichen Medien mussten Al-Dschasira-Bildmaterial übernehmen, und das verschnörkelte, golden polierte Logo des Senders wurde weltweit bekannt. Nach den Angriffen vom 11. September mutierte der Sender vollends zur globalen Abspielstation.

Doch sowohl im Mittleren Osten wie auch in der westlichen Welt gibt und gab es nicht nur Lob. Fast alle arabischen Länder liegen mit Reportern des Senders im Streit. In Saudi-Arabien sind Journalisten von Al Dschasira nicht zugelassen, und immer wieder sperren Staaten wie Tunesien, Algerien, Irak, Iran, Syrien, Jordanien, Kuwait und Sudan die Reporter aus Doha aus, wenn diese allzu frei über Korruption, Frauenrechte oder Demokratiebewegungen berichten. „Wir gehen nie Kompromisse ein, weil wir unsere Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollen“, sagt Chefredakteur Ahmed Sheikh, und: „Wir wollen nicht das Sprachrohr der Mächtigen sein.“ Gesagt, getan. Als Al Dschasira über den von amerikanischen Soldaten ausgelösten Skandal im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib berichtete, stellte der Sender das breiter angelegte Thema „Folter in arabischen Gefängnissen“ zur Diskussion.

Gleichwohl ist der Sender auch vielen Politikern im Westen suspekt. Und das rührt von der angeblichen Nähe zu den Terroristen um Osama bin Laden her. Immer wieder strahlt Al Dschasira Botschaften des Massenmörders aus. In Internetforen trägt dem Sender dies schon mal den Beinamen „Osama-TV“ ein. Und das ist nicht alles: Einmal pro Woche darf der radikale Scheich Jusef Karadawi seine fundamentalistische Weltsicht predigen.

In seinem Programm „Scharia und das Leben“ redet er einem konservativen islamischen Lebensstil das Wort, wirbt im Sinne des Islams für radikal-religiöses Denken. Westliche Politiker werfen ihm vor, Selbstmordattentate zu rechtfertigen und zum Töten amerikanischer Soldaten im Irak aufzufordern.

Daraus abzuleiten, Al Dschasira sei nichts weiter als ein islamistischer Propagandasender, wäre falsch. Der Islamismus nimmt im Sendeangebot keinen dominanten Platz ein. Auch die unverhüllt auftretenden Nachrichtensprecherinnen fordern den Islamismus eher heraus, ebenso die gezeigten Videoclips mit freizügig gekleideten Models und Sängerinnen wie Nancy Ajram oder Haifa Wehbe.

Chefredakteur Sheikh hofft, mit dem neuen englischen Sender „einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen zu leisten“. Klar ist, dass Al Dschasira „Englisch“ dabei vor allem die arabische Sicht verbreiten will. Der Ausdruck „Selbstmordattentat“ etwa werde nicht verwendet. „Auf Englisch würde ich es als ,Bombings’ bezeichnen“, sagt Sheikh, „und auf Arabisch als Kommandoangriffe. In unserer Kultur ist es kein Selbstmord.“

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