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Ein Redaktionsbesuch in Doha Al Dschasira spricht – die Welt hört zu

Eine der Sendungen, die regelmäßig für Zoff sorgt, moderiert der gebürtige Syrier Faisal Al-Kasem. Ein Mal pro Woche lädt er die arabische Welt zur kontroversen Diskussionsrunde. Debattiert wird live, und die Zuschauer werden ausdrücklich aufgefordert mitzureden. Im Westen ist das nichts Neues – doch die an den biederen, regierungshörigen arabischen Journalismus gewöhnten Zuschauer rieben sich anfangs verwundert die Augen.
  • Pierre Heumann

DOHA. Noch dazu, weil es immer wieder um Themen ging und geht, die von den jeweiligen Regierungen früher gerne totgeschwiegen wurden: Menschenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit.

Und so fand das Publikum schnell Gefallen an dem neuen Journalismus. Die Rede ist von dem arabischen TV-Sender Al Dschasira, der gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert hat und sich täglich über 50 Millionen Zuschauer freut. Inzwischen wird der Sender immer öfter im gleichen Atemzug mit BBC oder CNN genannt. Al Dschasira gehört heute zu den bekanntesten Marken überhaupt. Der Grund: Der Sender hat die Medienlandschaft im Nahen Osten völlig verändert. Er vermittelt Informationen ohne Furcht vor Zensurbehörden – obwohl er aus dem konservativen Katar sendet, einer Region, in der gemeinhin jede Nachricht kontrolliert wird, in der Journalisten es kaum wagen, die Mächtigen zu kritisieren.

Angesichts des Erfolgs in Arabien machen sich die Sender-Manager nun daran, auch den Rest der Welt zu beglücken. Pünktlich zum Geburtstag hat die TV-Station einen neuen Nachrichtensender installiert, der seit Mitte November rund um die Uhr in der Weltsprache Englisch sendet. Selbstbewusst wirbt das Unternehmen: „Ab jetzt gilt: Wenn Al Dschasira spricht, hört die Welt zu.“

Geld und Geist – diese Kombination half dem Sender in der schweren Startphase Mitte der 90er-Jahre. Damals investierte der Emir von Katar 130 bis 150 Millionen Dollar in das Start-up. Tatsächlich deckt der Emir noch heute 75 Prozent der Ausgaben, die restlichen 25 Prozent verdient Al Dschasira mit kommerzieller Werbung.

Neben dem Geld des Emirs war es ein Zufall, der überhaupt erst zur Gründung des Senders führte. Als Mitte der 90er-Jahre ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der BBC und einem saudi-arabischen Medienkonzern an der Zensur gescheitert war, standen plötzlich bestens ausgebildete Journalisten auf der Straße. Der Emir von Katar holte die entlassenen Fernsehleute nach Doha und gab ihnen den Auftrag, einen ganz neuen Sender aufzubauen.

Das reichlich fließende Geld aus der Kasse des Emirs allein kann den Aufstieg in die erste Liga auf der globalen Medienbühne indes freilich nicht erklären. Da gehört mehr dazu. Der Emir gab Al Dschasira Spielräume, die es im ganzen arabischen Raum für Medien zuvor nicht gegeben hatte. Und so konnte es erstmals ein arabischer Sender wagen, die mächtigen Diktatoren und deren korrupte Regime beim Namen zu nennen. Die Medienrevolution war perfekt: Sie brach mit politischen, sozialen und religiösen Tabus. Und: Der Emir wollte keine Soaps oder billige Unterhaltung, sondern Nachrichten und politische Debatten.

Auch im Westen gewannen die TV-Macher so schnell an Aufmerksamkeit. Als einziger Sender übertrug Al Dschasira 1998 den Luftangriff auf Bagdad und brachte ein Interview mit Diktator Saddam Hussein. Damit hatte es der Sender aus Katar in die erste Liga geschafft: Die westlichen Medien mussten Al-Dschasira-Bildmaterial übernehmen, und das verschnörkelte, golden polierte Logo des Senders wurde weltweit bekannt. Nach den Angriffen vom 11. September mutierte der Sender vollends zur globalen Abspielstation.

Doch sowohl im Mittleren Osten wie auch in der westlichen Welt gibt und gab es nicht nur Lob. Fast alle arabischen Länder liegen mit Reportern des Senders im Streit. In Saudi-Arabien sind Journalisten von Al Dschasira nicht zugelassen, und immer wieder sperren Staaten wie Tunesien, Algerien, Irak, Iran, Syrien, Jordanien, Kuwait und Sudan die Reporter aus Doha aus, wenn diese allzu frei über Korruption, Frauenrechte oder Demokratiebewegungen berichten. „Wir gehen nie Kompromisse ein, weil wir unsere Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollen“, sagt Chefredakteur Ahmed Sheikh, und: „Wir wollen nicht das Sprachrohr der Mächtigen sein.“ Gesagt, getan. Als Al Dschasira über den von amerikanischen Soldaten ausgelösten Skandal im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib berichtete, stellte der Sender das breiter angelegte Thema „Folter in arabischen Gefängnissen“ zur Diskussion.

Gleichwohl ist der Sender auch vielen Politikern im Westen suspekt. Und das rührt von der angeblichen Nähe zu den Terroristen um Osama bin Laden her. Immer wieder strahlt Al Dschasira Botschaften des Massenmörders aus. In Internetforen trägt dem Sender dies schon mal den Beinamen „Osama-TV“ ein. Und das ist nicht alles: Einmal pro Woche darf der radikale Scheich Jusef Karadawi seine fundamentalistische Weltsicht predigen.

In seinem Programm „Scharia und das Leben“ redet er einem konservativen islamischen Lebensstil das Wort, wirbt im Sinne des Islams für radikal-religiöses Denken. Westliche Politiker werfen ihm vor, Selbstmordattentate zu rechtfertigen und zum Töten amerikanischer Soldaten im Irak aufzufordern.

Daraus abzuleiten, Al Dschasira sei nichts weiter als ein islamistischer Propagandasender, wäre falsch. Der Islamismus nimmt im Sendeangebot keinen dominanten Platz ein. Auch die unverhüllt auftretenden Nachrichtensprecherinnen fordern den Islamismus eher heraus, ebenso die gezeigten Videoclips mit freizügig gekleideten Models und Sängerinnen wie Nancy Ajram oder Haifa Wehbe.

Chefredakteur Sheikh hofft, mit dem neuen englischen Sender „einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen zu leisten“. Klar ist, dass Al Dschasira „Englisch“ dabei vor allem die arabische Sicht verbreiten will. Der Ausdruck „Selbstmordattentat“ etwa werde nicht verwendet. „Auf Englisch würde ich es als ,Bombings’ bezeichnen“, sagt Sheikh, „und auf Arabisch als Kommandoangriffe. In unserer Kultur ist es kein Selbstmord.“

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