Elektronikkonzern Über 500 Millionen Dollar für einen Traditionskonzern – Investor versucht, Pioneer zu retten

Pioneers Geschichte ist geprägt von einem steilen Auf- und einem ebenso steilen Abstieg. Ein Investor will nun helfen – doch Anleger und Analysten sind misstrauisch.
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Der japanische Traditionskonzern kann die Finanzspritze des Investors gut gebrauchen. Quelle: Reuters
Pioneer

Der japanische Traditionskonzern kann die Finanzspritze des Investors gut gebrauchen.

(Foto: Reuters)

TokioFür Japaner klingt der Name Pioneer nach dem Glanz vergangener Tage – ähnlich wie Grundig oder Telefunken für ältere deutsche Konsumenten. Das 1938 gegründete Unternehmen machte sich nicht nur einen Ruf bei Hifi-Freunden. Mit seinen Laserdiskgeräten war Pioneer auch ein Megahit in den Karaoke-Lokalen Japans. Später gehörte das Unternehmen mit Sharp, Sony und Panasonic sogar zu den Vorreitern bei Flachbildfernsehern.

Doch einen Unterschied gibt es noch zwischen Pioneer und den leblosen deutschen Markenhüllen. Pioneer lebt noch – und seit dieser Woche wahrscheinlich noch ein Weilchen länger.

Das kriselnde Unternehmen heimste eine Kapitalspritze in Höhe von umgerechnet 540 Millionen US-Dollar ein. Der Hongkonger Investmentfonds Baring Private Equity Asia schießt das Geld zu.

Die Infusion ist überlebenswichtig für den 80 Jahre alten Konzern, dessen jüngster Umbau zum Profi für Auto-Elektronik und Navigationsgeräte vor dem Scheitern steht. Pioneer kann mit dem Geld die bis Ende September fälligen Schulden bedienen und etwas Geld in die Zukunft investieren.

Für Pioneer stellt dies den jüngsten Tiefpunkt in einem langen Fall dar, der stellvertretend für andere japanische Audiohersteller wie Kenwood oder Onkyo steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich Pioneer als technologischer Führer für hochwertige Soundanlagen. Bereits 1953 führte das Unternehmen seinen ersten Hifi-Lautsprecher ein. Danach ging es für das Unternehmen nur noch bergauf.

1961 folgte der Gang an die Börse, 1962 das erste Stereo-System der Welt. Mitte der 60er-Jahre ging Pioneer dann wie Toyota, Honda, Sony, Panasonic im Ausland auf Kundenfang. Börsengänge in Europa und in den 1970er-Jahren in New York folgten, ebenso wie ein weiterer Höhepunkt der Audio-Visio-Geschichte: In den USA brachte Pioneer das erste Zwei-Wege-Kabel-TV-Gerät auf den Markt.

In den 1980er-Jahren folgten Karaoke-Maschinen und CD-Spieler. 1984 stellten die Japaner das erste CD-Gerät für Autos vor, ein paar Jahre später das erste CD-basierte GPS-System, gefolgt von allerlei Gerät wie TV-Settop-Boxen, Autonavigationssystemen und Flachbildfernsehern.

Smartphone-Boom macht Pioneer zu schaffen

Doch mit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 brach nicht nur bei Pioneer das TV-Geschäft ein. Selbst Riesen wie Sony und Panasonic stürzten in tiefe Krisen und beendeten gar die Displayproduktion. Doch im Gegensatz zu Pioneer erholten sich die beiden Weltmarken nach Jahren tiefer Sanierungen.

Auch Pioneer zog sich aus dem TV-Geschäft zurück. Aber das Unternehmen litt darunter, dass seine verbleibenden Kerngeschäfte erst unter dem Musik-Player- und später unter dem Smartphone-Boom litten. Man habe die technischen Trends unterschätzt, gestand Pioneers Chef Koichi Moriya am Mittwoch der Wirtschaftszeitung Nikkei.

2015 trat Pioneer dann die Reste seines Audiogeschäfts an Onkyo ab, um seine knappen Ressourcen auf den Bereich Auto-Elektronik zu konzentrieren. Doch diese Maßnahme half nur kurzfristig.

In diesem Jahr wurde Onkyos Audiogeschäft von einem US-Investor zerlegt. Die europäischen Liegenschaften wurden an Aqipa in Österreich verkauft. Der chinesische Elektronikkonzern TCL sicherte sich die Markenrechte außerhalb Japans.

Der Mutterkonzern Pioneer wiederum sackte nach einer kurzen Sanierungsblüte im Jahr 2014 abermals in die Verlustzone ab. Denn das Geschäft mit Autonavigationssystemen und Auto-Elektronik befindet sich derzeit in einem harten Ausleseprozess. Auch andere Hersteller wie der zu Hitachi gehörende Zulieferer Clarion straucheln.

2017 machte das Unternehmen bei 2,8 Milliarden Euro Umsatz 54 Millionen Euro Reinverlust. Im laufenden Jahr plant das Unternehmen zwar, etwas mehr zu verkaufen. Doch der Verlust soll auf 80 Millionen Euro steigen. In der Bilanz für das erste Quartal des seit April laufenden Bilanzjahres warnte das Unternehmen sogar davor, seine Geschäfte unter Umständen nicht weiterführen zu können.

Analysten und Aktionäre bleiben skeptisch

Seither läuft die Suche nach Partnern auf Hochtouren. Unter anderem verhandelte das Management mit dem Autozulieferer Calsonic Kansei, der seit 2017 dem Investmentfonds KKR gehört. Doch alle Gespräche scheiterten, bis Baring einsprang.

Was genau der Investor vorhat, ist nicht bekannt. Aber in der gemeinsamen Erklärung erhielt Pioneer das Versprechen, dass das Management weiter walten darf und das Unternehmen bis auf Weiteres an der Börse bleibt.

Unternehmenschef Moriya hofft derweil, Pioneer mit dem Geld des Investors mittelfristig als Autozulieferer etablieren zu können. „Wir glauben, dass der Wert der Firma in Telematik-Lösungen liegt, die Karten mit künstlicher Intelligenz kombinieren“, erzählte er der Zeitung Nikkei.

Analysten und Aktionäre muss er von seiner Idee allerdings noch überzeugen. Die Börsenexperten raten laut Reuters dazu, die Aktie lediglich zu „halten“. Auch die Kursreaktion nach der Verkündung des Deals zeigt, dass das Misstrauen unter den Anlegern groß ist. Nach einer kurzen Erholung sackte die Aktie 9,3 Prozent ins Minus auf 117 Yen ab.

Aktien um oder unter 100 Yen gelten in Japan als hochspekulative Pfennigaktien, sogenannte Pennystocks. Der neue Investor muss jetzt auf eine Wende hoffen.

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