Tim Cook

Was wird der Apple-Chef auf der Bühne der Entwicklerkonferenz am Montag verkünden?

(Foto: AP)

Entwicklerkonferenz WWDC Warum sich Apple mit dem nächsten großen Ding so viel Zeit lässt

Vieles deutet darauf hin, dass Apple auf intelligente Brillen setzen will. Bis dahin verdient der Konzern aber dank des iPhones weiter prächtig.
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San FranciscoDie Stellenausschreibung taucht am vergangenen Dienstag im Internet auf. Apple sucht einen neuen Mitarbeiter. Nicht ungewöhnlich für den iPhone-Hersteller, der mehr als 120.000 Menschen beschäftigt. Doch diese Annonce fällt auf. Der Programmierer solle mit 3D-Oberflächen und Apples Technologien für Augmented und Virtual Reality arbeiten, heißt es in dem Stellenangebot. Es gehe darum, „völlig neue Möglichkeiten der Interaktion“ zu schaffen.

Eine Jobanzeige, die einen Hinweis auf den nächsten Coup liefert, an dem in der Apple-Zentrale in Cupertino gearbeitet wird? Insider gehen schon länger davon aus, dass der Konzern an einer Datenbrille für die erweiterte Realität (Augmented Reality) arbeitet. „Das Produkt der Zukunft für Apple wird die intelligente Brille sein“, sagt der Unternehmensberater Tim Bajarin, der Kontakte bis ins höchste Apple-Management pflegt.

Ein solches Gerät, das digitale Zusatzinhalte in 3D ins Sichtfeld des Trägers blendet, könnte unabhängig vom iPhone funktionieren und es irgendwann sogar ersetzten. Apple-Chef Tim Cook hält Augmented Reality (AR) für so revolutionär wie einst das Smartphone. Die Technologie werde künftig zum Alltag gehören „wie die drei Mahlzeiten am Tag“, schwärmte er in einem Interview.

Die Spekulationen um das neue System zahlen auf den Mythos Apple ein. Der iPhone-Hersteller könnte bald als erstes Unternehmen der Welt die Marktbewertung von einer Billion Dollar erreichen. Die Aktie gewann seit Anfang Januar mehr als zwölf Prozent, nach einem Plus von gut 24 Prozent im Jahr 2017. Den Kursgewinn treiben Aktienrückkäufe, solide Einnahmen aus dem iPhone- und Softwaregeschäft und natürlich die Hoffnung auf das „One More Thing“, die nächste Apple-Sensation.

In der Ära von Steve Jobs fielen die drei magischen Wörter verlässlich oft. Fast sieben Jahre nach dessen Tod lebt die Marke mit dem Apfel-Logo noch immer vom Erbe ihres Mitgründers und langjährigen CEOs. Apple hängt an der „iPhone-Nadel“. 61,7 Prozent der Konzernumsätze kamen 2017 von den Smartphones. Das Problem: Das Ende des Booms ist da.

Smartphone-Verkäufe stagnieren

Laut Mary Meeker, Partnerin bei der Risikokapitalgesellschaft Kleiner Perkins, deren Internetreport als wichtigste Analyse der Branche gilt, stagnieren die Handyverkäufe. Der Marktforscher IDC rechnet für 2018 mit einem Verkaufsrückgang von 0,2 Prozent. Der Kampf um die Kunden spitzt sich zu. Gartner sieht Samsung mit einem Weltmarktanteil von 18,2 Prozent vor Apple (17,9 Prozent). Die chinesischen Verfolger Huawei (10,8 Prozent) und Xiaomi (6,9 Prozent) holen auf.

„Bislang besitzt Apple kein Produkt, das die nachlassenden iPhone-Verkäufe ausgleichen kann“, analysiert Dan Morgan von der Synovus Trust Company, die seit 2005 Apple-Aktien hält. iPad, Apple Watch oder Homepod seien nach wie vor Nischenprodukte.

Die Hoffnungen ruhen also auf Augmented Reality (AR). Im Gegensatz zur Virtual Reality, die den Nutzer in eine andere, virtuelle Welt entführt, setzt eine AR-Brille kein echtes Display vors Gesicht. Der Kunde kann durch das Glas hindurchsehen und die Umgebung wahrnehmen.

Der Nutzer sei nach wie vor „in der Welt präsent“, sagt Apple-Chef Cook. Bis zur Marktreife des neuartigen Minicomputers vergehen nach Ansicht des Apple-Insiders Bajarin jedoch noch „mindestens zwei bis drei Jahre“. Die optischen Technologien seien noch nicht ausgereift, bisherige Gestelle zu schwer.

Doch Apple arbeitet mit Hochdruck daran, die Hürden zu beseitigen. Vergangenes Quartal gab das Unternehmen 3,38 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus, 22 Prozent mehr als im gleichen Quartal im Vorjahr. Insgesamt könnte Apple 2018 hier 14 Milliarden Dollar investieren, so viel wie nie zuvor in der Firmengeschichte.

Zudem deuten Akquisitionen darauf hin, dass das Unternehmen AR-Kapazitäten aufstockt. Im November 2017 zahlte Apple 30 Millionen Dollar für den kanadischen Headset-Fabrikanten Vrvana. Vergangenen Juni übernahm der Konzern Sensomotoric Instruments. Der deutsche Hersteller entwickelt Software, die die Augenposition vermisst, ein wichtiges Werkzeug für die Anpassung der projizierten virtuellen Welten in der Datenbrille.

Zuvor schon hatte Apple Flyby Media erworben, bekannt für eine Technologie, die Smartphones das Rundumblicken ermöglicht. Flyby Media arbeitete einst mit Google an der AR-Plattform Tango. 2016 war der AR-Spezialist Metaio zu Apple dazugestoßen.

Auch hat der Konzern mit Apfel im Logo zum Thema passende Patente angemeldet, darunter eines für eine Kopfkamera mit einem Spezialobjektiv. Dieses verwendet als optische Elemente Spiegel und Linsen, was helfen könnte, das Gewicht eines Minicomputers zu verringern. Im März ließ Cupertino zudem eine Technologie zum mehrstufigen Überblenden von Informationen schützen.

Trotz all dieser Fortschritte, der Weg für ein neues bahnbrechendes Produkt in diesem Bereich ist noch lang. Bis zum Erreichen des Ziels stehen bei Apple vor allem kleinere Innovationen im Software-Ökosystem auf der Agenda, schließlich stehen bei der WWDC die Entwickler im Mittelpunkt. So wird zum Beispiel ein Update des „ARKit“ erwartet. Mit dem Softwarepaket integrieren Programmierer 3D-Technologie in ihre Apps, ohne sie komplett selbst entwickeln zu müssen. Laut „Bloomberg“ könnte das „ARKit 2.0“ einen Modus enthalten, in dem Nutzer in AR-Spielen virtuell gegeneinander antreten oder digitale Objekte in der analogen Welt verschieben können.

iPhone 8, iPhone 8 Plus und iPhone X stellen bereits AR-Effekte dar. Apple rüstete die Geräte dafür mit dem auf aufwendige Berechnungen spezialisierten „A11 Bionic“-Chip aus. Auch wurde eine Tiefenkamera eingebaut, die ihre Umwelt in 3D erfasst.

Die für den Herbst erwartete nächste iPhone-Generation könnte Verbesserungen bei den Optiken für AR bringen, schätzt der renommierte Marktbeobachter Gene Munster von der Investmentfirma Loup Ventures. Der Hype um Apple werde weitergehen, selbst wenn sich der Konzern mit der Datenbrille Zeit lassen sollte. „Apple muss sich für die nächsten drei bis fünf Jahre keine Sorgen machen“, glaubt auch Morgan von Synovus Trust Company.

Geldsegen für Aktionäre

Außerdem versteht es Apple-Chef Cook blendend, seine Investoren bis zur nächsten großen Innovation bei Laune zu halten. Anfang Mai kündigte er Aktienrückkäufe in Höhe von 100 Milliarden Dollar an und gab eine Dividendenerhöhung von 16 Prozent bekannt. Apple hat seit 2012 bereits für 200 Milliarden Dollar eigene Aktien zurückgekauft.

Die Geschenke für die Anteilseigner könnten sogar noch üppiger werden. Das Management hat angekündigt, „cash neutral“ zu werden, künftig also keine gewaltigen Reserven mehr horten zu wollen.

Schon rechnen die Experten an der Wall Street das Szenario durch: Apples Geldreserven belaufen sich auf etwa 267 Milliarden Dollar – bei Schulden von 122 Milliarden Dollar. Der Konzern könnte also weitere 145 Milliarden Dollar ausschütten, eine Erwartung, die die Aktionäre seit Wochen in Euphorie versetzt. Investor Warren Buffett nennt Apple eine „unglaubliche Firma“ und stockte sein Portfolio jüngst um 75 Millionen Aktien auf.

Das Geld dürfte dem Apfel-Konzern dennoch kaum ausgehen, prophezeit Experte Munster. Die Firma erlöse aus dem operativen Geschäft genug Geldmittel, um jährlich zwischen 40 und 60 Milliarden Dollar an die Investoren weiterzureichen – trotz hoher Investitionen in die Forschung. Apples Nettogewinn lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 48 Milliarden Dollar, das ist mehr als der Onlinehändler Amazon seit Gründung netto verdiente (9,6 Milliarden Dollar). Apple könne zu einer „der großzügigsten Firmen der Geschichte“ avancieren, glaubt Munster.

Die Gefälligkeiten für die Aktionäre sind laut Colin Crawford, Ex-Geschäftsführer der Apple-Branchenzeitschrift „Macworld“, der eng mit Jobs zusammenarbeitete und auch Cook gut kennt, jedoch nur Mittel zum Zweck. „Steve und Tim wollten immer großartige Technologien und Produkte erfinden. Um dieses langfristige Ziel zu erreichen, müssen sie die kurzfristige Denke der Wall Street befriedigen.“

Der iPhone-Hersteller geht traditionell nie als erster Hersteller in den Markt, sondern erst dann, wenn er ein neues Produkt perfektioniert hat. Auch bei den AR-Headsets ist Apple ein Nachzügler. Alphabet, der Pionier bei Datenbrillen, verkauft Google Glass, den ehemaligen Flop von 2013, seit vergangenem Jahr in einer überarbeiteten Version für den Einsatz in der Industrie. Die Computerbrille mit Kamera, Internetanschluss und einem Bildschirm über dem rechten Auge testet der Konzern mit 50 Unternehmen, darunter Volkswagen, DHL und Boeing. Bei Flugzeugtriebwerk-Hersteller GE Aviation spielt der Miniaturcomputer den Sehhilfeträgern Erklärvideos vor.

Microsoft brachte schon im Oktober 2016 eine Mixed-Reality-Brille heraus, die dem Benutzer interaktive 3D-Projektionen in die direkte Umgebung zaubert. Die HoloLens funktioniert auch ohne Smartphone oder zusätzlichen Computer. Auch Amazon tüftelt an einem tragbaren Elektrogerät für die Nase, wie die „Financial Times“ vergangenen September berichtete. So solle sich der Kunde jederzeit mit der virtuellen Assistentin Alexa unterhalten können. Der Minicomputer müsse demnach jedoch mit einem Smartphone gekoppelt werden.

Trotz bisheriger Bemühungen sind die AR-Brillen nach wie vor nicht im Massenmarkt angekommen. Google oder Microsoft verlangen zwischen 2000 und 5000 Dollar für ihre Modelle. Zum hohen Preis kommen Datenschutzbedenken. Selbst Spectacles, die poppige Variante von Facebook-Rivale Snap, floppte. Langfristig würden sich die Menschen an die Technologie gewöhnen, glaubt Analyst Muster. „In wenigen Jahren wird es kein Stigma mehr sein, eine AR-Brille zu tragen.“

Erst recht, wenn es Apple gelingt, die interaktive Sehhilfe neu zu erfinden. Der Konzern besitzt mehr als 600 Millionen Nutzer. Apple monetarisiert diese Reichweite und verkauft den Fans immer wieder neue Produkte. Allein die Konzernsparte mit den Softwareanwendungen, „Services“, setzte in den vergangenen zwölf Monaten 32,2 Milliarden Dollar um, fast so viel wie ganz Facebook (40,7 Milliarden).

Zudem ist auf die riesige Fanbasis Verlass. Jeder iPhone-Besitzer wechsele durchschnittlich alle drei Jahre auf das nächste Gerät, erläutert Morgan von der Synovus Trust Company. Apple könne so jährlich um die 200 Millionen iPhones verkaufen. Das Wachstum wird damit berechenbarer. Wer einmal in den Apple-Klub eintritt, verlässt ihn nicht so schnell wieder. „Für Apple geht es nicht länger darum, wie viele iPhones man verkauft, sondern wie viel man pro Gerät erlöst“, erklärt Analyst Munster.

So wuchsen die iPhone-Verkäufe im abgelaufenen Quartal nur um drei Prozent. Die Erwartung, mit dem iPhone X einen „Superzyklus“ anzustoßen, erfüllte sich damit nicht. Die Umsätze aus dem Smartphonegeschäft legten dennoch zu, weil Apple mehr pro Gerät verlangt. Der durchschnittliche Preis kletterte auf 743 Dollar, in den zwei Jahren vor dem iPhone X lag er nur bei 645 und 652 Dollar.

Zum Vergleich: Mit dem ersten iPhone aus dem Jahr 2007 erlöste Apple durchschnittlich knapp 250 Dollar. Das nächste „One More Thing“ zu finden, so Munster von Loup Ventures, sei „nicht mehr so wichtig, wie es früher einmal war“.

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