Es ist nicht der erste Aufstand gegen Eisner Ein Kampf um Menschen und Mäuse

Die Hauptversammlung von Disney will Blut sehen. 43 Prozent der Aktionäre stimmen gegen den langjährigen Chef Michael Eisner.
  • S. Augter (J. Eckhardt und T. Riecke, Handelsblatt)
Michael Eisner, Foto: dpa

Michael Eisner, Foto: dpa

PHILADELPHIA. Siegessicher grinst Roy Disney zur Bühne, dahin, wo sein Gegner sitzt. „Die werden mir doch hier das Mikrofon nicht ausstellen, nur weil wir unsere Redezeit etwas überziehen.“ Er erntet zustimmendes Gelächter; die Aktionäre sind auf seiner Seite, das spürt auch die Versammlungsleitung. Das Mikrofon bleibt an. Schon als er das Podest in der Ecke des Saales betreten hat, haben sich viele der 3000 Leute in diesem modernen Konferenzzentrum in Philadelphia von ihren Sitzen erhoben. Jetzt unterbrechen sie seine Rede immer wieder mit Beifall. „Walt Disney ist mehr als ein Unternehmen, er ist eine amerikanische Ikone“, sagt der Neffe des Firmengründers. Und dann heißt es noch, man rechne mit 40 Prozent der Stimmen gegen Michael Eisner.

Wenig später betritt derjenige das Podest, der gestürzt werden soll: Eisner, Präsident und CEO von Disney, Chef des Konzerns seit nun 20 Jahren. Sein Podest steht in der Mitte, drei Bildschirme über ihm vergrößern sein rundes Gesicht ins Riesenhafte, hinter ihm verleiht ihm die amerikanische Flagge Autorität. Er sagt: „Ich liebe dieses Unternehmen. Sie haben das beste Management für die Zukunft.“ Immer wieder verlässt ihn seine Stimme, er muss sich räuspern und neu ansetzen. Der Beifall ist allenfalls höflich. So können erzwungene Abschiede aussehen.

Die Revolte wird von Roy Disney, 74, angeführt. Er tritt auf als Lordsiegelbewahrer der Disney-Familie und Kämpfer für das Gute im Disney-Reich. Phantasie, nicht Zahlen sind seine Stärke. Er selbst vergleicht sich mit der Comicfigur Goofy: Wie der Hund mit den langen Schlappohren macht Disney häufig Faxen, kann mit den Ohren wackeln und gilt im Unternehmen als netter, etwas versponnener Zeitgenosse. Er hat einen großen Namen, entscheidend aber sind die großen Fondsgesellschaften, deren Vertreter in Philadelphia dabei sind. Ihnen geht es ums Geld, ähnlich wie Eisner

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Der Disney-Chef gleicht in einem Punkt dem Comic-Helden Dagobert Duck: Er badet gern in Geld. Eisner gilt als Raubein und hat mehr Feinde als Freunde. Sein Lächeln lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Seit 20 Jahren herrscht Eisner über das magische Disney- Reich aus Filmen, Comics, TV-Sendern und Vergnügungsparks.

Es ist nicht der erste Aufstand gegen Eisner. Vor sieben Jahren kamen 12 000 aufgebrachte Anteilseigner in das Eishockeystadion von Anaheim in Kalifornien, um den Disney-Chef aus dem Amt zu jagen. Eisner überlebte mit Geschick und Glück. Das gestrige Aktionärstreffen war jedoch die bislang größte Attacke auf den heute 61-Jährigen.

Die Vorwürfe gegen Eisner lesen sich wie eine Tabuliste für Manager: selbstherrlicher Führungsstil, Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe, Bereicherung auf Kosten der Anteilseigner und – was für die leidenschaftlichen Disney-Aktionäre besonders schwer wiegt – keine Vision für das Unternehmen mit weltweit 112 000 Mitarbeitern.

Eisner weiß, seine Karriere könnte ohne Happy End zu Ende gehen. Darüber täuschen auch die ganzen Mickymäuse, Goofys und Märchenfiguren wie Schneewittchen nicht hinweg, die die Aktionäre umtänzeln und für gute Laune sorgen sollen. „Noch können Sie Ihre Stimme abgeben“, schärft er den Aktionären ein. Bei Dean Lager aus New Jersey haben seine Argumente verfangen. Er entscheidet sich in letzter Minute für den Konzernchef, kurz bevor die Stimmabgabe geschlossen wird. „Eisner hat mich heute überzeugt“, sagt er und wirft seine Karte in die Urne. Am Ende haben 43 Prozent der Aktionäre gegen Eisner gestimmt. Damit kann er formal im Amt bleiben. Doch ob der Aufsichtsrat (Board) ihn halten wird, ist zweifelhaft.

Nicht nur für Eisner, auch für das Unternehmen Disney könnte der Showdown in Philadelphia zum Schicksalstag werden. Stürzt der Chef, ist der ohnehin angeschlagene Weltkonzern noch verwundbarer für eine feindliche Übernahme. Der Kabelnetzbetreiber Comcast hat kürzlich ein 60 Milliarden Dollar schweres Übernahmeangebot für Disney vorgelegt – das Eisner postwendend ablehnte. Seitdem wartet Comcast-Chef Brian Roberts genüsslich darauf, dass ihm die Disney-Aktionäre in seiner Heimatstadt Philadelphia die Arbeit abnehmen und Eisner aus dem Weg räumen.

„Wenn wir heute auf der Hauptversammlung mehr als 20 Prozent bekommen, ist das eine eindeutige Botschaft an das Management“, sagt Stanley Gold. Er hat zusammen mit Roy Disney den Aufstand angezettelt und Tausende Disney-Aktionären mit Hilfe des Internets und persönlichen Telefonanrufen mobilisiert. „Goodbye Michael“ und „Restore the Magic“ (Holt die Magie zurück) steht auf ihren Ansteckern und T-Shirts. „Wir sind alle unzufrieden, der Laden läuft einfach nicht richtig“, sagt Beverly Sywulak, die sieben Jahre für Disney in Florida gearbeitet hat.

Die Zahlen scheinen ihr Recht zu geben. Der Aktienkurs ist zwar zuletzt kräftig gestiegen, liegt jedoch nur auf dem Niveau von 1997. Im vergangenen Jahr hat Disney mit 3,1 Milliarden Dollar etwa so viel verdient wie vor zehn Jahren – obwohl Eisner in der Zwischenzeit rund 25 Milliarden Dollar in das Geschäft investiert hat. Zwar hat der Disney-Chef angekündigt, dass er in den nächsten drei Jahren zweistellige Gewinnsteigerungen einfahren werde. Die aufgebrachten Aktionäre überzeugt das jedoch nicht. „Hier geht es nicht nur um den Geldbeutel, wir sind mit dem Gefühl dabei“, sagt Saleema Cobb. Sie ist mit ihrem Mann aus South Carolina angereist, um Eisner zu stürzen.

Einer der Gründe für die tief sitzende Abneigung gegen den Disney-Chef ist sein märchenhaftes Gehalt. Trotz der schwachen Erträge sahnte Eisner für sich weiterhin kräftig ab: 750 Millionen Dollar steckte er allein in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre in die eigene Tasche, über eine Milliarde Dollar sind es seit 1984. Diskussionen über einen Nachfolger ließ Dagobert Eisner Duck gar nicht erst aufkommen.

Die Kampagne von Disney und Gold sowie die Kündigung des Filmanimations-Studios und langjährigen Partners Pixar (Findet Nemo) brachten jedoch an den Tag, was sich alles gegen Eisner aufgestaut hatte. Institutional Shareholder Services, eine führende Beratungsfirma für professionelle Anleger, empfahl ihren Kunden, dem Disney-Chef die Wiederwahl in den Aufsichtsrat zu verweigern. Die gleiche Empfehlung kam von ISS-Konkurrent Glass, Lewis & Co. Der mächtige Pensionsfonds der kalifornischen Regierungsbediensteten, Calpers, und weitere sieben Pensionsfonds anderer US-Bundesstaaten haben sich der Revolte angeschlossen – trotz einer beispiellosen Charme-Offensive von Eisner. Dass die Großanleger in dieser Weise Eisner von der Fahne gingen, sei „ein Weckruf für alle Aufsichtsräte“, sagt Duke Bristow, Direktor an der Anderson School of Management an der University of California.

Die Kritiker bemängeln nicht nur den wirtschaftlichen Niedergang. Sie werfen Eisner vor, den Konzern nach Gutsherrenart zu führen. Der Konzernchef entscheidet bei Disney nicht nur, wo Statuen der sieben Zwerge auf dem Firmengelände positioniert wurden. Er konnte als Vorsitzender auch die Figuren im Aufsichtsrat nach seinem Gusto arrangieren. „Die Firma war traditionell nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für gute Unternehmensführung und -aufsicht“, sagt Finanzprofessor James Angel von der Georgetown University in Washington.

Sollten sich die Rebellen durchsetzen und Eisner zum Rücktritt zwingen, rechnen Analysten an der Wall Street damit, dass Comcast sein Übernahmeangebot erneuert. Bei aller Kritik an Disneys schwachen Aufsehern, sagt Finanzprofessor Angel, seien die Managementkontrollen bei Comcast noch wesentlich schlechter: „Die Roberts-Familie kontrolliert ein Prozent des Kapitals, aber ein Drittel der Stimmrechte. Besser kann man sich als Management nicht verschanzen.“

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