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Dorfbewohner zeigt Falschmeldungen auf seinem Smartphone

Allein in den vergangenen drei Monaten wurden bei durch den Messenger-Dienst ausgelösten Vorfällen mindestens neun Personen getötet.

(Foto: Bloomberg)

Facebook-Tochter Tödliche Gerüchte bringen WhatsApp in Indien unter Druck

Falschnachrichten auf WhatsApp führen in Indien immer wieder zu tödlichen Mob-Angriffen. Kritiker werfen der Facebook-Tochter Untätigkeit vor.
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BangkokDie Warnung erreicht die Bewohner von Karbi Anglong als Videobotschaft über WhatsApp. Zu sehen sind zwei Männer auf einem Motorrad, die neben spielenden Kindern anhalten und eines von ihnen entführen. „Wenn ihr nicht aufpasst, passiert das auch bei euch“, lautet die Botschaft der Tausendfach weitergeleiteten Nachricht.

Die Szene ist gestellt – ursprünglich angefertigt für ein Sicherheitstraining. Aber das weiß kaum einer der Empfänger in dem Ort im nordöstlichen indischen Bundesstaat Assam, der wegen der Falschmeldung zum Schauplatz einer Tragödie wurde: Am Ende der Hysterie über ein erfundenes Verbrechen gibt es zwei ganz reale Todesopfer.

Der 29 Jahre alte Musiker Nilotpal Das und sein ein Jahr älterer Freund Abhijeet Nath waren für einen Besuch bei einem Wasserfall in der Gegend. Ihr Tagesausflug endet in einer Katastrophe: Auf dem Rückweg hält ein wütender Mob die beiden Männer an – im Glauben, die vermeintlich gesuchten Kindesentführer geschnappt zu haben. Die Menschenmasse prügelt auf die Opfer ein.

Die Tat wird sogar gefilmt und landet später im Netz. Zu hören ist, wie Das und Nath um ihr Leben flehen. Ihre Rufe sind vergeblich. Beide erliegen ihren Verletzungen.

Es ist der jüngste Fall einer tragischen Serie, die seit Wochen Indien erschüttert: Aufgestachelt durch falsche Nachrichten, die Internetnutzer massenhaft miteinander teilten, kam es in verschiedenen Teilen des Landes zu tödlichen Mob-Angriffen gegen Unschuldige. Allein in den vergangenen drei Monaten wurden bei den Vorfällen mindestens neun Personen getötet. Und jedes Mal ging es um eine App, über die sich die gefährlichen Fake News verbreiteten: WhatsApp.

Die Messenger-App, die 2014 von Facebook übernommen wurde, ist für viele Inder das wichtigste digitale Werkzeug. Mehr als 200 Millionen Inder nutzen das Programm. Auf dem Subkontinent hat WhatsApp so viele Nutzer wie in keinem anderen Land der Welt. Sie teilen täglich fast 14 Milliarden Nachrichten miteinander.

Debatte über gesellschaftliche Verantwortung

Dabei geht es nicht nur Privates. WhatsApp ist in Indien auch zu einem der wichtigsten Verbreitungswege für journalistische Meldungen geworden. Und vielen Indern, die zum Teil erst seit kurzem im Internet unterwegs sind, fällt es schwer, hetzerische Fake News von den authentischen Berichten zu unterscheiden.

WhatsApp steht in Indien deshalb zunehmend in der Kritik: Das Unternehmen sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, zu wenig gegen die Verbreitung der Falschnachrichten zu tun. Die Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung der App kommt für das Unternehmen zu einer Unzeit. Denn WhatsApp versucht gerade, noch stärker im Alltag der Inder Fuß zu fassen: mit einem digitalen Bezahlservice, der Transaktionen massiv vereinfachen soll.

Der Dienst ist eine globale Premiere für das Unternehmen. Derzeit können rund eine Million indische WhatsApp-Nutzer als Beta-Tester über die App Geld verschicken. Der Cambridge-Analytica-Datenskandal bei Facebook verzögert laut indischen Medienberichten aber den landesweiten Start des Angebots. Nun dürfte die Debatte um die Lynchmobs das Unternehmen beim Werben um Vertrauen noch weiter zurückwerfen.

Dabei argumentiert WhatsApp, dass es auf die versendeten Nachrichten keinen Einfluss hat und nicht einmal ihren Inhalt kennt. Das liegt an der automatischen Verschlüsselung der Nachrichten, die nur am Gerät des Empfängers wieder entschlüsselt werden – nicht aber auf den Servern, auf denen sie zwischendurch gelagert werden.

Die Polizei übernimmt den Kampf gegen Falschnachrichten

Die WhatsApp-Kritiker stellt das aber nicht zufrieden. „Facebook und WhatsApp können ihre Verantwortung nicht einfach abschütteln“, kommentierte der Journalist Shivam Vij, der sich in Neu Delhi unter anderem mit politischer Gewalt befasst, nach den jüngsten Morden. „Wenn Menschen durch Gerüchte auf WhatsApp ihr Leben verlieren, dann muss das Unternehmen handeln.“

Denkbar wäre etwa eine breit angelegte Aufklärungskampagne, in der WhatsApp seinen Nutzern erklärt, wie sich Falschmeldungen erkennen lassen. Bisher überlässt die Facebook-Tochter aber indischen Behörden diese Arbeit: In mehreren Bundesstaaten bildete die Polizei spezielle Einheiten, die sich um die falschen Gerüchte in sozialen Medien kümmern und im Ernstfall gegensteuern.

Die Facebook-Tochter WhatsApp versucht gerade, noch stärker im Alltag der Inder Fuß zu fassen Quelle: dpa
Mark Zuckerberg in Indien

Die Facebook-Tochter WhatsApp versucht gerade, noch stärker im Alltag der Inder Fuß zu fassen

(Foto: dpa)

In der IT-Metropole Bangalore versuchen die Beamten als Teil ihrer Aufklärungskampagne den Hashtag #FakeRumourOnChildKidnappers populär zu machen. In Hyderabad zogen die Polizisten mit Lautsprechern durch die Stadt und forderten die Bevölkerung auf, nicht alles zu glauben, was sie bei WhatsApp lesen.

Die Behörden alleine werden das Problem aus Sicht der WhatsApp-Kritiker aber nicht lösen können. Sie fordern technische Änderungen der App. „Das Unternehmen muss Wege finden, die Nutzer zu einem positiven Umgang mit der App zu bringen“, fordert das Magazin „India Today“. Unter anderem sei ein Mechanismus nötig, mit dem sich herausfinden lasse, von wem eine vielfach weitergeleitete Nachricht ursprünglich stamme.

Als Reaktion auf die Kritik teilte WhatsApp mit, an neuen Werkzeugen zu arbeiten, die das Verbreiten von Falschnachrichten erschweren könnten. Außerdem wolle man die Nutzer künftig besser informieren.

Im Blick hat WhatsApp dabei besonders die indische Parlamentswahl im nächsten Jahr. Im Kampf gegen Fake News könnte die Abstimmung in der größten Demokratie der Welt auch das größte Schlachtfeld werden.

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