Investorenkonferenz in Riad

Viele Unternehmer rückten von Saudi-Arabien ab.

(Foto: dpa)

Fall Khashoggi Technologiebranche muss sich für saudisches Kapital rechtfertigen

Saudi-Arabien ist einer der größten Investoren in Tech-Firmen. Die stehen wegen der Causa Khashoggi unter Rechtfertigungsdruck – und rücken teils nur unwillig vom Königreich ab.
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DüsseldorfDiesen Termin sagt keiner so leicht ab. Doch Masayoshi Son hat es getan. Der Softbank-Gründer sollte jüngst mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe nach Russland fliegen. Doch dann bat ihn der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman kurz zuvor um ein Gespräch – und Son stornierte die Reise.

Die Entscheidung zahlte sich aus. In nur 45 Minuten überzeugte Son seinen Gast aus dem saudischen Königshaus, 45 Milliarden US-Dollar in Softbanks Vision Fund zu investieren – also die Investmentgesellschaft, mit der er sich an den Unternehmen beteiligen will, die mit ihren Visionen die Zukunft prägen. „Eine Milliarde Dollar pro Minute“ habe der saudische Kronprinz locker gemacht, witzelte der Japaner später.

Der Scherz von damals wird jetzt zur Belastung. Nach dem Tod des Journalisten Jamal Kashoggi steht Saudi-Arabien massiv in der Kritik: Es steht der detailliert belegte Vorwurf im Raum, das Regime habe den Regierungskritiker ermordet. Neben Regierungen gehen auch Unternehmen auf Abstand, teils aus freien Stücken, teils auf öffentlichen Druck hin. Auch wenn sie den offenen Bruch scheuen.

Gerade die Technologiebranche steht unter Rechtfertigungszwang. Neben Masayoshi Son und seiner Firma Softbank haben viele Unternehmen im Silicon Valley Geld von Saudi-Arabien erhalten, und zwar in erheblichen Größenordnungen.

Nach Berechnungen des Marktforschers Pitchbook ist das Königreich eine wichtige Geldquelle für Start-ups. Der Kronprinz hat seit Mitte 2016 mindestens elf Milliarden Dollar investiert, direkt oder durch den 92 Milliarden Dollar schweren Softbank Vision Fund.

Im Silicon Valley sind saudische Investoren vor allem für ihr Geld bekannt – ohne aber das für Gründer so wichtige attraktive Netzwerk bereitzustellen. Viele Unternehmenschefs wählen ihre Risikokapitalgeber daher strategisch aus. Diese sollen ihnen die Tür öffnen zu neuen Kunden, in neue Märkte oder Segmente.

Um das zu kompensieren, stellen die Saudis ihre Kontakte in die Top-Liga der Tech-Firmen zur Schau. Bei einer Reise an die US-Westküste im April beispielsweise ließ sich der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MBS, mit Googles Mitgründer Sergey Brin und Google-Chef Sundar Pichai ablichten.

Strategische Investments sollen den Weg in die Szene ebenen. Die wichtigste: der Public Investment Fund of Saudi Arabia (PIF). Diese Investmentfirma der Regierung hält hohe Anteile an Uber. 2016 investierte der PIF 3,5 Milliarden Dollar in den Mobilitätsdienst. PIF-Manager Yasir Al Rumayyan sitzt im Uber-Aufsichtsrat.

Auch an anderen Stellen tauchen die Saudis immer wieder als Geldgeber auf. Im August kündige Tesla-Gründer Elon Musk in einem folgenreichen Tweet an, es werde den Elektroauto-Pionier von der Börse nehmen, die Finanzierung sei gesichert. Dabei berief er sich auf eine Zusage saudischer Finanziers.

WeWork, ein Bürovermittler aus New York, erhielt 4,4 Milliarden Dollar aus dem Vision Fund. Die Technologiefirma Magic Leap, ein Entwickler für Augmented Reality-Software und Datenbrillen für gemischte Realität erhielt erst im April ein 400 Millionen Dollar schweres Investment des PIF.

Die Reaktionen auf Khashoggis Tod fallen im Valley bislang eher verhalten aus. Uber-Chef Dara Khosrowsahahi sagte nach dem Verschwinden des Journalisten vorige Woche seine Teilnehme an der Investmentkonferenz FII in Riad ab. Arianna Huffington, Gründerin von „The Huffington Post“ und im Aufsichtsrat von Uber, zog sich aus dem Beraterstab der Veranstaltung zurück.

Es gibt auch mahnende Stimmen. Der renommierte Risikokapitalgeber Fred Wilson hat sich Anfang der Woche mit einem nachdenklichen Blog-Eintrag an Investoren und Start-ups gewandt. Es sei an der Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, woher das Kapital komme. „Wer sind die Geldgeber, und können wir stolz auf sie sein? Und wollen wir für sie arbeiten?“, schrieb er.

Aktienkurs von Softbank unter Druck

Softbank muss sich andere Fragen stellen. Der japanische Mobilnetzkonzern und Technikinvestor verlor seit Anfang Oktober an der Börse etwa 18 Prozent an Wert. Denn kaum ein Unternehmen der Welt ist stärker abhängig von Saudi-Arabien als der japanische Mobilnetzkonzern und Technikinvestor Softbank. Schließlich lässt sich Son von MBS seinen Traum finanzieren, einen führenden globalen Konzern im Zeitalter künstlicher Intelligenz und Robotik aufzubauen.

Damit nicht genug: Son redet seit langem davon, einen zweiten Fonds aufzulegen. Und der saudische Kronprinz kündigte Anfang des Monats in einem Bloomberg-Interview an, Son weitere 45 Milliarden US-Dollar anvertrauen zu wollen. „Wir haben enorme Profite durch den ersten Fonds“, rechtfertigte der Kronprinz die Ankündigung, seinem japanischen Geschäftspartner weitere Pensionsgelder anzuvertrauen.

Ob es dazu kommt, ist nun wieder offen. Investoren sagen, dass genau diese Unsicherheit Softbanks Aktienpreis so massiv drückt. Dementsprechend vorsichtig laviert sich die Softbank-Führung durch den Skandal. „Wir beobachten besorgt, was passiert“, sagte Softbanks Chief Operating Officer Marcelo Claure vergangene Woche.

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Über eine erneute Beteiligung der Saudis an Sons Visionen 2.0 hielt sich Claure bedeckt. Es sei nicht sicher, ob Softbank Geld vom saudischen Pensionsfonds akzeptieren würde. Aber er hielt sich alle Möglichkeiten offen. „Niemand hat gesagt, dass es ein bestimmtes Datum geben würde“, sagte er mit Blick auf einen zweiten Fonds.

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